Hatte Gott eine Frau?

Nicht grundlos ist in den letzten Jahrzehnten der Verdacht geäußert worden, Gottvater Jahwe könnte keineswegs der notorische Junggeselle und Frauenverächter gewesen sein, den uns die Heiligen Schriften Alten Testaments präsentieren (vgl. Lev 12,2-5), sondern ein Techtelmechtel ausgerechnet mit jener Göttin gehabt haben, die in diesen Schriften am schlechtesten wegkommt, d.h. mit einer weiblichen Abart der Astarte-Aphrodite, der Göttin Aschera. Vor dem Hintergrund neuer archäologischer Funde hat der amerikanische Archäologe William Dever sogar die zugespitzte Frage gestellt: Hatte Gott eine Frau? [1]

Dass es mit dem Monotheismus der alten Israeliten nicht ganz so weit her war, wie uns zumal konservative christliche oder jüdische Theologen gern glauben machen wollten, war kritischeren Exegeten schon seit längerem bekannt.

Der jahwistische Monotheismus war, wie der Archäologe William G. Dever sagt, zwar das Ideal der meisten Autoren und Redaktoren der alttestamentlichen Schriften, aber für die Mehrheit des Volkes in weiten Abschnitten der Geschichte Israels keine Realität.[2] Den meisten Religionswissenschaftlern und Theologen war nicht entgangen, dass sich Israels Monotheismus erst nach einem überaus schmerzhaften Prozess jahrhunderte­langer Gärung herausbildete. Jahwe war also keineswegs von Anfang an Israels einziger Gott, und schon gar nicht war Israels Religion Ableger eines sagenhaften „Urmonotheismus“, den es, wie wir inzwischen wissen, ohnehin nie gegeben hat.

Das Alte Testament berichtet freimütig über Zeiten und Zustände, in denen neben Jahwe eine Reihe weiterer Götter und Göttinnen existierte, die guten und besseren Zulauf hatte und offenbar auf eine treue Anhängerschaft unter den Kindern Israels rechnen durfte. Zumal in der Königszeit scheint noch vieles durcheinander gegangen zu sein. Zu den bekanntesten Konkurrenten Jahwes zählte damals der kanaanäische Berg-, Sturm-, Regen-, Fruchtbarkeitgott Baal. Die Grundbedeutung des Wortes ist „Herr, Besitzer, Ehemann, König“. Es handelte sich nicht um einen Eigennamen, sondern um einen Titel (entsprechend dem griechischen Kyrios, das im Neuen Testament für Jesus gebraucht wird), was die Fülle verschiedener Gottheiten, die mit diesem Namen bezeichnet wurden, erklärt. Anfangs konnte er sogar noch für Jahwe verwendet werden. Nachdem sich der Begriff jedoch als feste Bezeichnung für den kanaanäischen Fruchtbarkeitsgott etabliert hatte, bekam er den Charakter eines Eigennamens und wurde aus dem israelitischen Sprachgebrauch weitgehend ausgeschieden, was soweit ging, dass selbst die Verwendung des Wortes im Sinne von „Ehemann“ verpönt war (Hos 2, 18-19).

Wegen verschiedener ungeprüfter Vorwürfe, die man in der heutigen Wissenschaft freilich als üble Verleumdung abzutun geneigt ist – unter anderem legte man ihm bzw. einem seiner vielen Namensvettern zur Last, er habe von seinen Anhängern die Opferung von Kindern verlangt, – hat Baal nie eine gute Presse gehabt. Als Beelzebub („Herr der Fliegen“) ist er in der jüdisch-christlichen Überlieferung zum Inbegriff des schlechthinnigen Bösen geworden. Wohl zu Unrecht. Denn genau besehen war er nicht besser und schlechter als Jahwe, vielleicht ein wenig naturverbundener, denn auch er gehörte zu den Dying and rising Gods. Wie alle Götter dieses Typs besaß er eine Gefährtin, von der er sich nach vollendeter Heiliger Hochzeit bald wieder verabschiedete, um in die Unterwelt abzutauchen und erst nach einer gewissen Zeit wieder aufzuerstehen. Bilder und Plastiken zeigen ihn oft recht freizügig, fast frivol, mit erhobenem Phallus, was zu einem Gott der Fruchtbarkeit ja auch durchaus passt. Seine Kultorte waren die Berge und die Höhen, auf denen sich seine Anhänger um aufgerichtete Pfählen oder Steine versammelten, die das göttliche Genital sozusagen symbolisch veranschaulichten.

Baal gehört zum Hofstaat des höchsten kanaanäischen Gottes El, dessen Sohn er war. Das ugaritische/kanaanäische Götter­pantheon war außerordentlich reichhaltig und enthielt eine Vielzahl von Göttern und Göttinnen, darunter den Totengott Mot, den Meeresgott Yam, Tsedeq, den Sonnengott – und auch einen Herrn Jah, auf den wir noch zurückkommen.

Von El scheint Baal unter anderen auch die Ehefrau Aschera übernommen zu haben. Jedenfalls ist der Name des Göttepaares Baal und Aschera in den alttestamentlichen Texten gleichsam zum Synonym für die heidnische, von den Anhängern des Jahwe-Kultes bekämpfte Religion geworden.[3] Als Ableger der Inanna, Istar und Astarte war Aschera zusammen mit ihrem Ehemann Baal nicht nur für die Fruchtbarkeit von Feld, Vieh und Mensch zuständig, sondern bevölkerte den Götterhimmel ihrerseits mit 70 Göttern und Göttinnen, denen sie das mythologische Leben geschenkt hatte. Dass auch die kultische Prostitution zu ihrem Ressort gehörte, legt sich nahe. Zugleich wurde sie offenbar, ebenso wie ihre orientalischen Schwestern, als Himmelskönigin verehrt. Es gilt als sicher, dass sie gemeint ist, wenn sich der Prophet Jeremia polemisch auf eine Göttin bezieht, für die israelische Frauen Kuchen backen und Trankopfer spenden.[4] Das zeigt, nebenbei gesagt, dass sich der Aschera-Kult – wie auch die übrigen Göttinnen-Kulte – zumal bei den Frauen großer Beliebtheit erfreute. Als besondere „Gräueltat“ erwähnen die alttestament­lichen Autoren noch, dass sich zur Zeit des Königs Manasse eine Ascherenbildnis im Jerusalemer Tempel befunden haben soll (2 Kön 21:7f).

Der Baal-Aschera-Kult war den Vertretern des Jahwe-Kultes aus verschiedenen Gründen ein Dorn im Auge. Abgesehen davon, dass offenbar die stark ausgeprägte weibliche Komponente des Kultes den Priestern und Propheten des Jahwe-Kultes sehr missfiel, besaß er noch einen anderen Fehler: Er machte dem Jahwe-Kult Konkurrenz, und das mit ziemlich großem Erfolg. Eine Zeitlang wurde er sogar am Hof des Königs des Nordreichs, Ahab, und seiner eigenwilligen Frau Isebel, einer phönizischen Prinzessin, protegiert, die diesen Einsatz allerdings mit ihrem Leben bezahlte. Zur hellen Freude der jahwistischen Autoren, die die Umstände ihres Todes genüsslich ausmalen und berichten, wie das ruchlose Frauenzimmer, überdies auch noch geschminkt (2Kön 9:30), von drei illoyalen Kämmerern aus dem Fenster gestoßen und anschließend von den Hunden zerfleischt wurde (2 Kön 9:33ff). Recht so! Immerhin sicherte sich Isebel auf diese Weise neben Salome, Kain, Judas und anderen bad guys & girls einen bedeutenden Platz in der jüdisch-christlichen Ketzerhistorie, wo sie fortan gern als abschreckendes Beispiel dafür zitiert wird, wie es Frauen ergeht, die mit heidnischen Göttern und Göttinnen sympathisieren.

Diese Dinge sind weitgehend bekannt. Nicht bekannt war bisher, dass das Verhältnis des alttestamentlichen Gottes zur kanaanäischen Göttin offenbar keineswegs immer so feindlich gewesen ist, wie es aufgrund der alttestamentlichen Texte den Anschein hat und wie es deren Autoren darzustellen versuchen. Ganz im Gegenteil. 1975 entdeckten Archäologen in der Karawanserei Kuntillet Adschrut eine Inschrift, auf der von „Jahwe und seiner Aschera“ die Rede ist. Der Wortlaut:

„Gesagt hat (…): Sprich zu (…) und zu Jauasa und zu (…): Ich segne euch gegenüber JHWH von Samaria und seiner Aschera.“ (um 800)

In einem Grab in Chirbet el-Kom bei Hebron fand sich die folgende Inschrift:

„Urijahu, der Reiche, hat es schreiben lassen. Gesegnet war Urijahu vor JHWH. Und von seinen Feinden hat er ihn durch seine Aschera errettet. Durch Onijahu und durch seine Aschera. (…) und durch seine Aschera.“ (letztes Viertel des 8. Jh. v.Chr.).[5]

Das ließ in der Tat nicht nur den Schluss zu, dass Jahwe zusammen mit Aschera verehrt wurde, sondern dass diese – analog zu anderen Götterpaaren – eine Art Syzygos des Jahwe gewesen sein musste. Natürlich gab es sofort Versuche, eine solche theologisch überaus heikle Vorstellung abzuwehren. Man bezog daher den Namen Aschera, was möglich ist, nicht auf die Göttin, sondern auf das zu ihr gehörende Kultsymbol (einen natürlichen oder stilisierten Baum).[6] Da die Verbindung Jahwes mit (s)einem Kultpfahl aber wenig Sinn ergibt, ist die naheliegendste und natürlichste Erklärung immer noch die, das Wort als Namen der Göttin zu deuten.

Für Otmar Keel liegt ein weiterer Hinweis auf eine Partnerin Jahwes in der Überlieferung von den zwei Platten auf denen die zehn Gebote geschrieben sein sollen (Dtn 10:1-5; 1Kön 8:9.21). Keel nimmt mit vielen anderen Forschern an, dass die beiden Platten viel jünger sind als diejenigen, die zur Zeit Davids mit der Bundeslade nach Jerusalem gebracht wurden. Das legt nach seiner Ansicht die Annahme nahe, dass die beiden Steinplatten zwei Gottheiten repräsentierten, vermutlich Jahwe und seine Aschera. Denn auch „im einzigen archäologisch nachgewiesenen JHWH-Heiligtum, in dem von Arad, standen im Allerheiligsten der Mitte des 8. Jahrhunderts v. Chr. wohl zwei Steinplatten (Masseben) als Kultsymbol…“[7]

Hinzu kommt der archäologische Befund: Grabungen in Israel haben in den letzten Jahrzehnten eine verblüffend große Anzahl von Ascheren- bzw. und Astarte-Statuetten zu Tage gefördert. Otmar Keel geht davon aus, dass solche Terrakottafiguren sich im 8./7. Jahrhundert nahezu „in jedem judäischen Haushalt“ befunden haben müssen. Die weiblichen Figuren entsprechen in der Regel einem ganz bestimmten Typus und sind zumeist mit ihren stolz präsentierten, prallen Brüsten dargestellt. Die katholische Theologin Silvia Schroer von der Universität Bern spricht liebevoll von „Bruschtfroueli“ und vermutet, dass sie als familiäres Kultbild (entsprechend einem Marienbild oder Kruzifix in katholischen Haushalten) oder als Segensgabe oder für magische Praktiken dienten. In jedem Fall zeugen sie „von einer weit verbreiteten Göttinnenverehrung“ auf dem Boden des Heiligen Landes.[8] Ihr Vorbild war wahrscheinlich ein altes Kultbild der Aschera, das bis zur verhängnisvollen Kultreform des Königs Joschija (622 v. Chr.) im Jerusalemer Tempel stand.[9]

Bei einer weiteren Terrakottafigur aus Judäa (750-620 v. Chr.), die ein thronendes (Götter-)Paar darstellt, könnte es sich nach Othmar Keel in Analogie zu den zitierten Inschriften um eine Darstellung Jahwes und Ascheras handeln.[10]

Die Vielzahl neuer archäologischer Funde und das neu gewonnene Wissen über die Rolle von Göttinnen im frühen Israel, veranlasste Otmar Keel dazu, eine Ausstellung zu initiieren, die 2008 unter dem Titel „Gott weiblich. Eine verborgene Seite des biblischen Gottes“ zuerst im Musée d’art im schweizerischen Fribourg gezeigt wurde. 2010 wanderte sie nach Heidelberg, wo das dortige katholische Dekanat (!) die Schirmherrschaft übernahm. Die Ausstellung war in 14 Themenbereiche untergliedert, unter anderem: „Das Haar: Inszenierung und Verhüllung“, „Segen der Brüste“, „Fürbitterin“, „Himmels­königin“, „Maat – Sophia: die Weisheit“, „Leben und Tod: Mutterschaft und Klagende“, „Isis und ihr Familiendrama“, „Göttinnen und die Taube als Liebesbotin“. Im Mittelpunkt steht immer wieder die Gefährtin Els, Baals – und Jahwes: Aschera-Astarte, die auf Siegeln und Skarabäen ihre lebensspendende Aufgabe demonstriert, indem sie, wie ein aufmerksamer Ausstellungs­ritiker der Basler Zeitung bemerkte, „bei Begeg­nungen mit dem Wettergott ihre Kleider einladend schürzt.“[11]

Dass sich auch Exponate einer Milch spritzenden Maria unter den diversen „Bruschtfroueli“ befinden, erklärt sich aus der Absicht der Ausstellungsmacher, die Perspektive zu weiten und religionsgeschichtlich einen Bogen zum Christentum zu schlagen. Für fromme christliche KritikerInnen ein Stein des Anstoßes – wie so vieles an der „heidnischen“ Ausstellung.[12]

Vor dem Hintergrund dessen, dass die Göttinnenverehrung im alten Israel offenbar gang und gäbe war, stellt sich umso drängender die Frage, wie es überhaupt zu einer Entfremdung des Götterpaares „Jahwe und seiner Aschera“ kommen konnte. Woher der jahwezentrierte monotheistische Eifer? Woher die plötzlich aufbrechende ikonoklastische Wut? Woher die Lust an der Zerstörung des alten Götterpantheons? Wer hatte ein Interesse daran, dass aus dem einstmals friedlich mit seiner Aschera lebenden Ehemann Jahwe am Ende jener miesepetrige, verknöcherte Junggeselle und Frauenhasser wurde, den uns die Schriften des Alten Testaments über weite Strecken präsentieren?

Bei der Beantwortung der Frage richten sich die Blicke der Forschenden gewöhnlich auf den Jerusalemer Tempel und die dort beheimateten levitischen Priesterkreise. Sie werden für die Endredaktion der alttestamentlichen Schriften verantwortlich gemacht und sollen unter König Josia, nach der Deportation der Oberschicht nach Babylon, 598, damit begonnen haben, die überlieferten Schriften umzuschreiben. Der leitende Gesichtspunkt war dabei die absolute Alleinherrschaft Jahwes, der neben sich keine anderen Gottheiten duldete. Der „Götzenkult“, d.h. die Verehrung des Baal und der Aschera, wurde von den „Deuteronomisten“ (deswegen so genannt, weil sie zugleich als Verfasser des 5. Buches Mose, des sogenannten Deueronomiums, gelten) als Ursache für über Israel hereingebrochenes Unglück angesehen.

Wir befinden uns mit unsern Ausführungen – wie unschwer zu erken­nen ist – inzwischen auf den umstrittenen Feld der matriarchal­feministischen Forschung, die Anfang der in 90iger Jahre mit Büchern wie „Die Göttin und ihr Heros“ (1980) von Heide Göttner-Abendroth und dem Klassiker „Ich verwerfe im Lande die Kriege“ (1984) von Gerda Weiler fulminant einsetzte. Tatsächlich hat es wenig mit Ideologie, jedoch viel mit Konsequenz zu tun, ob man noch einen Schritt weitergeht und sich die Frage stellt, die von den genannten Autorinnen aufgeworfen wurde: Wäre es angesichts der veränderten Forschungslage, angesichts der Fülle neuer archäologischer Funde nicht an der Zeit zu prüfen, ob es nicht auch im Alten Testament Spuren eines „verborgenen Matriarchats“ zu entdecken gibt? Wem der Begriff „Matriarchat“ ideologisch zu belastet erscheint, mag sich schlicht und einfach fragen, was denn nach seiner Meinung am Anfang der israelischen Religionsgeschichte stand: Gott oder Göttin?

Wie wir wissen, war für die religiöse Welt Kleinasiens, Griechenlands und des Alten Orients das Bild der Großen Göttin prägend, die sich in vielerlei Formen und Gestalten und in zum Teil ganz unterschiedlichen kulturellen Zusammenhängen manifestierte, als Kybele, Artemis, Aphrodite, Venus, Demeter, Astarte, Istar, Isis oder wie auch immer. Von der vorgeschichtlichen Menschheitsperiode bis hin zur Spätantike (und darüber hinaus) zieht sich ein uralter Strom der Göttinnenverehrung, den man – Matriarchat hin oder her – unterschiedlich erklären mag, an dessen Existenz jedoch aufgrund der vorhandenen Quellen und archäologischen Indizien kaum zu zweifeln ist. Sollte der jahwistische Monotheismus tatsächlich die einzige Ausnahme dargestellt haben? Sollte die religionsgeschichtliche Entwicklung nur hier mit einem Gott und nicht mit einer Göttin, nur hier mit einem Mann und nicht mit einer Frau eingeleitet worden sein? Das wäre doch in der Tat sehr seltsam.

Für Gerda Weiler jedenfalls, war

„am Anfang … die Kraft.

Und die Kraft war weiblich und allgegenwärtig.

Sie wohnte in allen Dingen. Sie schuf die innewohnende Ordnung, die Rhythmen des Lebens und Vergehens, Flut und Ebbe, den Aufgang und den Untergang der Sonne.

Die Kraft des Weiblichen umgab uns von allen Seiten. Sie war der Raum, in dem wir lebten, die Erde, die uns trug, die Höhle, die uns schützte, das Haus, das uns barg, der Himmel, der uns überwölbte.“[13]

Und diese weiblich-göttliche, keinen Lebensbereich aus­spa­rende Kraft war für Weiler eben auch dort gegenwärtig, wo man sie auf den ersten Blick am wenigsten vermuten möchte: in den Heiligen Schriften des Alten Testaments.

Weilers Buch, das ein wenig bekenntnishaft und wie ein raunender Gegenentwurf zum biblisch-patriarchalen Schöpfungsmythos beginnt, entwickelt sich schnell zu einer ebenso faszinierenden wie „abenteuerlichen Reise zu unseren Ursprüngen“,[14] und das heißt für Weiler vor allem, zu der Wiederentdeckung einer matriarchalen Kultur, die im matriarchalen Göttinnenbegriff gipfelte: „Der matriarchale ‚Gott’ ist nicht der Vater, sondern der Sohn, Horus ist der Sohn der Isis, Adonis ist Astartes Sohn. Der matriarchale Gott ist nicht der Schöpfer, sondern das Geschöpf. Er ist nicht der Herr des Himmels, sondern verkörpert die Erde und ihre Vegetation. Der matriarchale Gott ist sterblich. Sein Kultträger auf dem irdischen Thron wird durch die hohepriesterliche Königin erwählt und mit dem Königsamt betraut.“ Diese von Weiler im folgenden näher begründeten Thesen erinnern an James George Frazer und dessen Dying and rising Gods. Und tatsächlich könnte man Weilers Buch auch als eine konsequente Weiterführung von Frazers Thesen verstehen. Leider wird der Genuss des Werkes durch die vielen weltanschaulichen Exkurse und das allgegenwärtige penetrante Schwarzweißbild eines angeblich ausschließlich guten matriarchalen und angeblich ausschließlich bösen patriarchalen Bewusstseins sehr getrübt.

Für Weiler ist auch der Jahwe-Kult in den Kontext der übrigen vorderasiatischen Religionen mit ihrer Großen Göttin eingebettet, d.h. auch der Jahwe-Kult entsprach in seiner ursprünglichen Form dem bekannten Typus der jungfräulichen Göttinnenmutter mit ihrem Sohngeliebten bzw. jugendlichem Heros.[15] Einen Hinweis auf die matriarchalischen Wurzeln des Jahwe-Kultes erkennt sie im Buch Exodus in der Episode von der Anbetung des „Goldenen Kalbes“, bei dem es sich in Wahrheit um ein Stierbild, dem Sohn-Geliebten der Himmelskönigin, handeln soll. Tatsächlich kann Weiler ihre erstaunliche Behauptung recht plausibel begründen. Auch die „Hörner des Moses“ sollen noch darauf hinweisen, „dass Mose bei der Verrichtung des Kultes“ – als Repräsentant des Stiergottes Jahwes – „eine Stiermaske getragen habe.“[16] Im salomonischen Jahwe-Tempel auf dem Zionsberg soll der Stier-Gott Jahwe verehrt worden sein. Das Hohelied Salomos ist nach Weiler ein jahwistischer Kultgesang. In ihm werde „die Wiederkehr des Jünglingsgottes“ – Jahwe – „gefeiert, des Sohnes der Himmelsgöttin, der sterbend in die Unterwelt eingegangen ist, von der Göttin beweint und betrauert.“ Sie hat ihn aus der Gewalt des Todes befreit und feiert nun mit ihm den Hieros Gamos, die Heilige Hochzeit.[17]

Wie aber kam es nach Gerda Weiler dazu, dass aus dem Jüngling und Sohn-Geliebten mit seiner Muttergöttin Aschera im Zentrum der grimmige Patriarch wurde, wie wir ihn in der Endgestalt des Alten Testaments überall antreffen?

Wieder trifft die ganze Schuld die levitischen Tempelpriester, die Deuteronomisten. Nicht nur wurde durch ihre Arbeit „das Leben des Volkes … in ein Zwangskorsett gesetzlicher Vorschriften gepresst, das keinen Winkel privatester, intimer Freiheit ausspart. Nicht nur der Glaube, sondern Kleidung, Essen und Trinken, Ehe und Sexualität werden rigiden Gesetzen unterworfen.“[18] Schlimmer noch: Durch den Korrekturstift der Deuteronomisten wurde die Göttin als Mutter und Geliebte Jahwes aus den heiligen Schriften gestrichen und der patriarchalische „Gott“ als „Schöpfer aller Dinge“ in die Urzeit projiziert.[19]

Am Ende kommt es bei Weiler zu einem regelrechten „Deuteronomisten-Bashing“. Die deuteronomistischen Redakteure werden zu ausgemachten Bösewichtern. Beseelt von einer „abartigen Frauenverachtung“ und angestachelt von einer „perversen Phantasie“[20] haben sie sich „gegen die Frau verschworen und dabei eine Kultur geschaffen, die nicht mehr menschlich, sondern nur noch männlich ist.“[21]

Diese überspitzten Urteile Weilers müssen vor dem Hintergrund des doppelten Anliegens ihres Buches verstanden werden. Tatsächlich will sie nicht nur einen interessanten Forschungsbeitrag leisten, sondern es geht um mehr. Das patriarchale Weltbild, das in ihren Augen für den gegenwärtigen miserablen Zustand der Welt verantwortlich ist, hat abgewirtschaftet und ist am Ende. Die Apokalypse steht unmittelbar bevor. Retten kann in dieser Situation nur noch ein Paradigmenwechsel und der Bewusstseinswandel hin zur matriarchalen Kultur, zu dem Weiler mit ihrem Buch einen Beitrag leisten möchte.

Weilers scharfe und einseitige Urteile, denen leicht ein antisemitischer Zungenschlag unterstellt werden kann, werden von heutigen matriachal­feministischen Exegetinnen glücklicherweise nicht mehr geteilt. Silvia Schroer will den deuteronomistischen Redakteuren nicht „die Alleinschuld an der Verdrängung des Weiblichen in die Schuhe schieben“, doch auch für sie ist klar, „dass die Deuteronomisten ein großes Interesse hatten, das Weibliche und Erotische aus dem Gottesdienst zu verbannen.“ [22]

Sicher widerspricht das matriarchalfeministische Szenario in fast allen entscheidenden Punkten der überlieferten Vorstellung von der Entstehung und Herkunft des jüdischen Gottesbildes. Doch mag daran auch manches übertrieben oder überzeichnet sein, auf eines können sich die Gegner heute sicherlich nicht mehr berufen: auf die traditionelle Auffassung vom Volk Israel, das seinen Gott Jahwe nach dem Exodus aus Ägypten und nach vierzigjähriger Wüstenwanderung „aus der Fremde“ mitgebracht haben soll. Die moderne Archäologie des Heiligen Landes hat in den letzten Jahrzehnten erstaunliche Fortschritte gemacht und eine Reihe revolutionärer Erkenntnisse (in diesem Zusammenhang mag ein so großes Wort tatsächlich einmal angebracht sein) zu Tage gefördert. Von den alten geheiligten Überzeugungen, die jahrhundertelang unser Bild von der Geschichte Israels und des „Heiligen Landes“ bestimmten, ist inzwischen kaum noch etwas übrig geblieben. Dank der Arbeit von Archäologen wie Israel Finkelstein und Neil Asher Silberman wissen wir, dass die Kluft zwischen den Aussagen des Alten Testaments und der historischen Wirklichkeit, wie sie sich aus den archäologischen Ausgrabungen erschließt, kaum größer sein könnte. Inzwischen wird fast alles in Frage gestellt: der historische Gehalt der Erzvätererzählungen, des Auszugs aus Ägypten, der Wüstenwanderung bis hin zu der historischen Realität eines davidischen Großreiches. Dass auch die Berichte von der Landnahme unter Josua inzwischen als Legende gelten, ist nur konsequent. Denn abgesehen davon, dass es dort, wo es keinen Exodus und keine 40-jährige Wüstenwanderung gegeben hat, auch Keine Posaunen in Jericho – so der vielsagende Titel des Buches von Finkelstein – gegeben haben kann, fanden sich für die teils verworrenen und widersprüchlichen, teils anachronistischen Aussagen der alttestamentlichen Autoren keinerlei archäologische Indizien. Damit sollte sich aber auch die Theorie von den Anfängen Jahwes, der von seinen Verehrern als ein Unbekannter aus der Wüste mitgebracht wurde und als ein ganz und gar Fremder auf die Götterwelt der Kanaanäer stieß, erledigt haben. Fast gewinnt man den Eindruck, als habe die Fiktion eines Fremdvolkes und der Landnahme überhaupt nur dazu gedient, die Einführung des vermeintlich neuartigen, „ganz anderen“ Gottes und die Neuartigkeit der Offenbarung zu begründen. Vielleicht auch darum, eine bestimmte Bevölkerungsgruppe mit dem identitätsstiftenden gemeinsamen „Dach“ des Jahwe-Kultes von anderen Gruppierungen abzu­gren­zen und zu einen.

Nun, das sind Hypothesen. Fest steht in jedem Fall, dass wir es bei Jahwe im Großen und Ganzen nahezu mit einer Art Double des kanaanäischen Gottes El zu tun haben, und dass er im Laufe der Zeit all die göttlichen Funktionen und Attribute an sich riss, die einst dem kanaanäischen Gott zueigen waren. Nach Othmar Keel wurde an Jahwe nach und nach „mit Eigenschaften heidnischer Himmlischer“ – Keel denkt dabei besonders an den besagten El – religiös so ‚aufgeladen’, dass diese irgendwann überflüssig wurden.“[23] Die engen religionsgeschichtlichen Beziehungen zum Hofstaat des kanaanäischen Götterkönigs El legen jedenfalls die Vermutung nahe, dass Jahwe nicht als Fremder kam, sondern offenbar erst später von seinen Anhängern zu einem fremden Gott stilisiert wurde und sich in Wahrheit sehr wahrscheinlich ganz immanent aus dem kanaanäischen Götterpantheon entwickelt hat. In diesem Zusammenhang ist vor allem auch auf einige in Res Schamra endeckte Tontafeln hinzuweisen, auf der ein Gott Jah (yw) als „Sohn des El“ erwähnt wird. Alttestamentliche Wissenschaftler schließen nicht aus, dass mit Jah kein anderer als Jahwe gemeint sein könnte.

In seinem Buch “Origins of Biblical Monotheism” hat der amerikanische Bibelwissenschaftler Mark Smith zusätzlich auf zwei interessante Punkte hingewiesen, die zeigen, können, das Jahwe offenbar lange Zeit als (untergeordnetes) Mitglied des kanaanäischen/ugaritischen Hofstaates mit dem Gott El als Vorsitzenden galt. So fällt z.B. bei einem Vergleich des masoretischen Bibeltetxtes (MT) von Dtn 32:8-9 mit dem entsprechenden Text der griechischen Übersetzung (LXX) und einer in Qumran entdeckten Schriftrolle, auf, dass die beiden letzten von den „Söhnen Gottes“ sprechen, während im MT von den „Söhnen Israels“ die Rede ist. Während es also einmal im masoretischen Text heißt:

32:8 Als Elyon den Völkern Land zuteilte und die Kinder Adams voneinander schied, da setzte er die Grenzen der Völker nach der Zahl der Söhne Israels. Denn Jahwes Teil ist sein Volk, Jakob ist sein Erbe.

lautet der Text in der Septuaginta und Qumran:

32:8 Als Elyon den Völkern Land zuteilte und die Kinder Adams voneinander schied, da setzte er die Grenzen der Völker nach der Zahl der Söhne Gottes (bzw. LXX: „Engel Gottes“). Denn Jahwes Teil ist sein Volk, Jakob ist sein Erbe.

Für Smith ist deutlich, dass es in dem masoretischen Text eine dogmatische Korrektur angebracht wurde. Der ursprüngliche Text mit den „Söhnen Gottes“ setzt noch die polytheistische Vorstellung voraus, dass El (= Elyon) Vater aller Götter ist und Jahwe einer seiner Söhne. Durch die Korrektur wurde Elyon mit Jahwe identifiziert und dieser zum Vorsitzenden der Götterversammlung gemacht. Auch in Psalm 82 ist Jahwe noch nicht als Vorsitzender, sondern als ein Mitglied der Götterversammlung und Sohn Els gedacht. [24]

Aufgrund unserer bisherigen Erkenntnisse könnten wir die folgende religionsgeschichtlich äußerst interessante Entwicklungs­linie rekonstruieren:

Ganz am Anfang stand auch in Israel zu dieser frühen Zeit weit verbreitete Beziehungsmodell der Göttinnen-Mutter und ihres (sterbenden und auferstehenden)[25] Sohn-Geliebten, wobei der Sohn der Mutter auf der ältesten Entwicklungsstufe, die sich durch religionsgeschichtliche Analogien erschließen lässt, als sterbender und auferstehende Parhedros mehr unter– als beigeordnet war. Im kanaanäischen Götterpantheon scheinen Aschera und El diesem Typus noch weitgehend entsprochen zu haben.

Offenbar wurde dieses Modell auch auf andere Gottheiten übertragen, so zum Beispiel auf den Sohn des El, Baal, sowie auf dessen Bruder Jahwe. Beide erbten von ihrem Vater nicht nur eine Fülle göttlicher Funktionen und Eigenschaften, sondern auch dessen Frau Aschera.

Auf der frühesten Stufe dieses Entwicklung zeigt sich also eine Art doppelter Ödipus-Motivik: Nachdem der Sohn seinen Vater „getötet“ hat, d.h. ihn durch Usurpation seiner Herrschafts­funkti­onen überflüssig gemacht hat, nimmt er selber Vaterrolle an und macht sich zum Gemahl seiner Mutter. Wegen der prinzipiell matriarchalischen bzw. matrifokalen Ausrichtung dieses Modells ist nicht auszuschließen, dass es irgendwann sogar einmal geheißen hat „Aschera und ihr Jahwe.“ Doch wissen wir darüber nichts.

Das anfangs ausgewogenes Verhältnis zwischen Aschera und Jahwe (mit Tendenz zur Matrifokalität und weiblicher Dominanz) scheint sich auf einer zweiten Stufe allmählich verändert zu haben. Vielleicht ist „Jahwe und seine Aschera“ schon ein Hinweis darauf, dass die Dinge im Fluss waren und sich das Gewicht innerhalb der Beziehung des Götterpaares bereits zugunsten des männlichen Elements verschoben hatte. Diese Tendenz sollte sich durch Umstände, die mit der sogenannten deuteronomistischen Reform zusammenhängen, noch weiter radikalisieren.

Jedenfalls hatte inzwischen ein unbarmherziger Kampf begonnen, der sich nicht nur gegen Bruder Baal und andere Gottheiten richtete, sondern auch gegen die eigene Ehefrau und Mutter, d.h. gegen Aschera und deren Anhang. Dass es sich dabei nicht um einen harmlosen Rosenkrieg handelte, zeigen die zahlreichen alttestamentlichen Passagen, in denen vom „Zerschlagen“, „Umhauen“, „Zertrümmern“, „Zermalmen“ und „Tilgen“ ihrer „Gräuelbilder“ die Rede ist. Die Glorifizierung einer „gottgewollten“ massenweisen Abschlach­tung von Baalspriestern gehört sicher zu den unrühmlichsten und unappetitlichsten Kapiteln des Alten Testaments.

Man könnte auch hier den Sachverhalt psychologisch erklären und vermuten, dass das wüste Ausleben der ödipeischen Phase beim sensiblen Jahwe – anders als beim robusteren Bruder Baal – zu einer Form psychotischem Selbsthasses und zu sexueller Verklemmung geführt hat. Dass der rücksichtslos geführte Kampf gegen Aschera und ihre Anhänger, allermeist Frauen, in Wahrheit ein Kampf gegen den eigenen Ursprung und die eigene Herkunft, ja gegen die eigene Mutter war.

Doch solche Erklärungen sind müßig. In jedem Fall ging es, wie so oft in der Geschichte, wieder einmal nur um Macht und Vorherrschaft, in diesem Fall um diejenige des Jahwe-Kultes und seiner Anhänger. Das Patriarchat war aus Gründen, die wir nicht genau kennen, im Vormarsch. Eine kleine Priestergruppe hatte sich der Idee verschrieben, ihm den Weg zu bahnen und ihren Gott Jahwe zum Rammbock einer neuen patriarchalisch ausgerichteten Religion mit Fixierung auf den einen einzigen Gott zu machen, der keinen anderen neben sich duldete. Der „eifernde“ Jahwe ist die Projektion des Eifertums und der Unduldsamkeit seiner Anhänger. Viel religiöser Fanatismus, aber auch viel Machtgelüst und Größenwahn war dabei im Spiel.

Am Ende hatte Jahwe nicht nur die Funktionen seines mutmaßlichen Vaters El, sondern auch einige Anteile der Aschera in sich aufgenommen, ohne deswegen eine im eigentlichen Sinne androgyne Gottheit geworden zu sein. Im Gegenteil, seine männlich patriarchalischen Züge waren jetzt sichtbarer denn je.

Damit war im jüdisch-kanaanäischen Götterhimmel Ruhe eingekehrt, Friedhofsruhe. Die KonkurrentInnen waren aus dem Feld geschlagen und es war totenstill geworden im einstmals so lebendigen Götterpantheon. Als einsamer Patriarch durchschritt Jahwe seine leeren Paläste, immer gequält von dem Misstrauen, neue, bisher unbekannte Götter oder Göttinnen könnten auf den Plan treten und seine Alleinherrschaft gefährden. Mit dem einsamen, weiblosen Patriarchen war das Pendel umgeschlagen und die äußerste Antithese zum Modell des Mutter-Sohngeliebten erreicht: Der jahwistische Monotheismus war geboren!

Bekanntlich hat sich das monotheistische Virus vom deuteronomistischen Judentum auch auf die anderen „abrahamitischen“ Religionen übertragen und dort das Gottesbild geprägt. Am stärksten im Islam.

Zwar wollte Moham­med in seinen milderen Tagen noch drei alte arabische Göttinnen als Mittlerinnen gelten lassen – der entsprechende Koranvers lautete:

Habt ihr auf a/-Lat, al-Ussa und Manat geachtet? Das sind die erhabenen Göttinnen. Auf ihre Fürbitte darf man hoffen.

Doch hat man später in dem ursprünglichen Wortlaut von Sure 53,19 eine Interpolation Satans gesehen und den Text zu den „satanischen Versen“ gezählt. Da man allerdings auch im Islam nicht ganz auf die Fürbitte von göttlichen Frauen verzichten wollte, übernahmen – zumindest in der Volksreligion – Maryam, die islamische Version der Maria, und Fatima, die Tochter des Propheten eine ähnliche Funktion.

In der anderen „abrahamitischen Religion“, der christlichen, verlief die Entwicklung etwas komplizierter. Ganz falsch ist es nicht, zu behaupten, dass das Christentum dem notorischen Junggesellen Jahwe ein zweites Mal zu einer Frau verholfen hat. Dazu brauchte er dieses Mal freilich nicht in die untergeordnete Rolle des „Sohngeliebten“ oder „jugendlichen Heros“ zurückzufallen. Als zeugende „Kraft des Höchsten“, Lk 1:35, übernahm er zwar einen ähnlichen Part wie der Sohngeliebte bei der Heiligen Hochzeit. Alle anderen Aufgaben jedoch, die bis dahin mit der Zeugungsfunktion eines Gottes herkömmlicherweise verbunden zu sein pflegten, wurden einem Dritten, dem Sohn, übertragen. Als irdischer Bevollmächtigter des Vaters erledigte dieser für ihn all das, was traditionell sonst noch mit der Rolle des „Sohngeliebten“ verbunden war (Sterben, Unterweltfahrt, Auferstehen). Der Vater durfte seine Dominanz behalten, sich weitgehend von seinen weltlichen Geschäften zurückzuziehen und im vorzeitigen Ruhestand weltabge­schiedener Transzendenz frönen.

Das trinitarische Modell stellt also eine Synthese aus dem monotheistischen und dem ältesten dualen Modell von Mutter und Sohngeliebten dar. Durch Erweiterung der ursprünglichen dualen Paarbeziehung war eine Heilige Einkind-Familie entstanden, die Trinität von Vater, Sohn und Maria bzw. Sophia bzw. Geist. Während die hierarchische Abstufung einerseits zum Ausdruck bringt, dass die alten Machtverhältnisse trotz der Einbeziehung eines weiblichen Parhedros im Prinzip unverändert geblieben sind, konnten die bekannten Defizite des monotheistischen Modells, Gottes „Entrücktheit“, die fehlenden Nähe, auch das Fehlen von Bildern, was eine echte persönliche Beziehung erschwerte, dadurch ausgeglichen werden, dass Gottvater das irdische Feld dem Sohn und dessen Mutter überließ. Gut möglich, dass es sich dabei auch um eine Konzession an die unausrottbare Bildverhaftung der abendländischen Frömmigkeit handelte. Jedenfalls ermöglichte das trinitarische Modell dem göttlichen Patriarchen Präsenz, ohne sich unterordnen zu müssen (wie dies beim dualen Modell der Fall war). Es ermöglichte ihm Transzendenz und Dominanz – ohne ganz weg zu sein (wie beim rein monotheistischen Modell).

Und der der Sohn ist, wie wir bereits ahnen, wiederum der bekannte Sohngeliebte und jugendliche Heros. Mit anderen Worten, er ist, was der Vater einstmals war und woran sich dessen Verehrer nicht mehr erinnern. Das Besondere ist allerdings, dass er – anders als seine Brüder (Attis, Adonis, Tammuz, Baal etc.)  – kein notorischer Muttersohn geblieben, und, anders als sein Erzeuger, gänzlich frei von irgendwelchen Ödipuskomplexen ist. Als braver Sohn hat er gelernt „Unser Vater im Himmel“ zu sagen.

Das ist seltsam – aber ein anderes Kapitel.

 

[1] Dever, William G.: Did God Have a Wife?: Archaeology and Folk Religion in Ancient Israel: Archaeology and Folk Religion in Ancient Israel, William B. Eerdmans Publishing Co. 2008.

[2] Ebd., S. 252.

[3] Ri 3:7; 6:25, 28, 30; 1 Kön 18:19; 2 Kön 10:26; 17:16; 21:3; 23:4; 2 Chr 33:3; 34:4

[4] Jer 7:18; 44:17ff, 23, 25

[5] Keel, Othmar, Ernst Axel Knauf und Thomas Staubli: Salomons Tempel, Fribourg Schweiz: Bibel+Orient-Museum 2004, S. 39.

[6] Höffken, Peter: ”Fürchte dich nicht, denn ich bin mit dir!” (Jesaja 41,10): Gesammelte Aufsätze zu Grundtexten des Alten Testaments, Bd. 14, Münster: LIT 2005 (Beiträge zum Verstehen der Bibel), S. 19 f.

[7] Keel/Knauf/Staubli: Salomons Tempel, S. 39.

[8] Michel, Kai: „Gott Mutter: Jetzt wird aufgeräumt mit dem männlichen Gottesprinzip. Ausgrabungen zeigen, dass im alten Israel lange Zeit auch eine weibliche Form des Allerhöchsten verehrt wurde“, in: ZEIT (2008), http://www.zeit.de/2008/13/A-Religion?commentstart=1#cid-120244.

[9] Keel/Knauf/Staubli: Salomons Tempel, S. 39.

[10] Ebd., S. 40, Abb. 43.

[11] Basler Zeitung: „Gott hatte eine Freundin: Vorchristliche Skulpturen und Inschriften deuten darauf hin, dass die Göttin Aschera als Partnerin Jahwes galt.“ (2009), http://bazonline.ch/wissen/geschichte/Gott-hatte-eine-Freundin/story/11926304. [Artikel ist inzwischen nicht mehr verfügbar]

[12] Vgl. die empörten Leserbrief-Reaktionen auf den ZEIT-Artikel „GottMutter“ von Michel: „Gott Mutter: Jetzt wird aufgeräumt mit dem männlichen Gottesprinzip. Ausgrabungen zeigen, dass im alten Israel lange Zeit auch eine weibliche Form des Allerhöchsten verehrt wurde“.

[13] Weiler: Ich verwerfe im Lande die Kriege: Das verborgene Matriarchat im Alten Testament.

[14] Ebd., S. 9.

[15] Zu Jahwe als „Dying and rising God“. Vgl. Widengren, Geo: „Early Hebrew Myths and Their Interpretations“, in: Hooke, Samuel H. (Hrsg.): Myth Ritual Kingship, Oxford: Calrendon Press 1958, S. 49–203.

[16] Weiler: Ich verwerfe im Lande die Kriege: Das verborgene Matriarchat im Alten Testament, S. 180.

[17] Ebd., S. 270.

[18] Ebd., S. 83.

[19] Ebd., S. 95.

[20]Ebd., S. 385.

[21] Ebd., S. 388. Man beachte die Entgegensetzung: menschlich – männlich.

[22] Michel: „Gott Mutter: Jetzt wird aufgeräumt mit dem männlichen Gottesprinzip. Ausgrabungen zeigen, dass im alten Israel lange Zeit auch eine weibliche Form des Allerhöchsten verehrt wurde“.

[23] Basler Zeitung: „Gott hatte eine Freundin: Vorchristliche Skulpturen und Inschriften deuten darauf hin, dass die Göttin Aschera als Partnerin Jahwes galt.

[24] Smith, Mark S.: The Origins of Biblical Monotheism: Israels Polytheistic Background and the Ugaritic Texts: Israels Polytheistic Background and the Ugaritic Texts, Oxford University Press 2001. Vgl. Wacker: Von Göttinnen, Göttern und dem einzigen Gott: Studien zum biblischen Monotheismus aus feministisch-theologischer Sicht, S. 131.

[25] Ablehnend Mettinger: The Riddle of Resurrection: „Dying and Rising Gods“ in the Ancient near East, S. 270.

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4 Kommentare

  1. Der Baum des Lebens respektive der Erkenntnis in der Paradiesgeschichte symbolisiert meines Erachtens die Verzweigung von Abstammungslinien, sozusagen den Familienstammbaum. Die große Entdeckung im AT scheint doch zu sein, dass ein Einzelner wie Abraham durch die Zeit hindurch per Fortpflanzung zu einem ganzen Volk werden kann. Deshalb auch diese langen Listen im AT, wer von wem abstammt. Der Sündenfall besteht in dieser Deutung in der Umkehrung des Eltern-Kind-Verhältnisses. Sind im Tierreich Eltern für den Nachwuchs da, während der Nachwuchs sich nicht im Geringsten um die Eltern kümmert, so wird dieses Verhältnis spätestens im Laufe der Agrarisierung umgekehrt. Kinder haben nun die Pflicht, sich um die Eltern zu kümmern. Sie werden sogar geopfert (im Feuer verbrannt), damit die Ernte gut ausfällt und die Eltern leben können. Ein grausliger Opferkult entsteht, der besonders Kinder trifft. Dem Opferkult steht jedoch nun der Familienstammbaum gegenüber. Mit jedem Kind, das als Brandopfer hingegeben wird, wird der Familienstammbaum – das Volk, zu dem einer werden kann – dezimiert. Das ist der Konflikt, in dem Abraham steht. Die Entscheidung fällt zugunsten des Stammbaums aus, deshalb bleibt Isaak am Leben.

    Im NT wird diese Frage nach dem Verhältnis Eltern-Kind erneut gestellt. Dieses Mal ist es Gott, der seinen Sohn als Opfer bereitstellt und dieses Mal wird der Opferritus durch die Kreuzigung vollzogen. Auf der absoluten Ebene des Göttlichen sind Kinder also weiterhin ausschließlich für die Eltern da. Der Vater hat die absolute Verfügungsgewalt. Kinder müssen ihrem Vater gehorchen, auch wenn es sie das Leben kostet. Das ist die Botschaft, die das NT vermittelt.

    Eine schöne heilige Familie haben wir da: einen allgewaltigen Vater, ein geschlachtetes Kind und eine geschlechtslos gewordene Mutter.

  2. Very interesting article about the jahweh-cult in the old israelite religion, as a kind of transition to later monotheism. The title is in my opinion somewhat misleading in its attempt to be challenging. The text of the article discusses more „Hatte Jahweh eine Gattin?“

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