StartAktuellesBuecherKlassikerBiographienLinksGaestebuch


 

Arthur Drews und die Bestreitung
der Historizität von Jesus Christus.

Manuskript zu einem Teil des Vortrags am 13. November 2005
im Geschichtssalon von Potsdam.


Dr. Bernhard Hoffers, Lehrte




Arthur Drews (das Original-Photo ist
im Besitz von Dr. B. Hoffers)




Drews' Argumentation bei der Bestreitung der Historizität von Jesus Christus, nach Christusmythe 1924:

1. Vorchristlicher Jesuskult. Gestützt W.B. Smith und andere nimmt Drews einen Jesuskult vor Beginn unsere Zeitrechnung bei den Juden an. Er bezieht sich auf die geschichtliche Entwicklung des Messiasglaubens, wie er sich unter der persischen Herrschaft in Palästina veränderte. In dieser Zeit entwickelte sich der Messias vom König als Stellvertreter Jahwes, unter dem das Judentum wieder geeint in einem friedlichen Königreich leben werden, zu einem Sohn Gottes, der dann das endzeitliche Reich Gottes auf Erden aufrichten wird und als Richter bei der Auferstehung der Toten fungiert.

2. Nach der Eroberung des persischen Reiches durch Alexander den Großen verbreiteten sich griechische Anschauungen im Orient, auch in religiöser Hinsicht. Drews bezieht sich hier auch auf Philo von Alexandria. Die Idee des göttlichen Mittlers, als Paraklet, Anwalt des Menschen bei Gott, der teils als persönlich, teils als abstrakte Idee, logos, aufgefasst wird, verschmilzt im Judentums mit der des Messias.

3. Dies führt nun zu einem Kult, bei diese unterschiedlichen Traditionen zusammenlaufen in einer Vielzahl von Sekten mit Jesus als Gott, etwa die Essener. Die Existenz des jüdischen Jesuskults auch durch eine sprachliche Herleitung gestützt wird, bedeutet doch Josua soviel wie Jah – Hilfe, also unserem Gotthilf entsprechend. Daneben gibt es eine Vielzahl von Texten, die diese Annahme belegen. Die Idee des leidenden Messias floss mit dem Kultgott Jesus zusammen, der das Heil, die frohe Botschaft bringen sollte. Die frohe Botschaft ist darin zu sehen, dass der Messias schon da war, dass er sich geopfert hat, und dass das Gericht nahe ist, zu dem der leidende Gottesknecht zurückkehren wird, und durch das die ihm treuen an seiner Seligkeit teilhaben werden.

4. Damit ist der Boden bereitet, auf dem sich das Christentum ausbreiten kann. Denn bei alledem handelt es sich um Vorstellungen, die vor Beginn unserer Zeitrechnung nachweisbar sind. Drews hat damit nachgewiesen, dass alle Inhalte der christlichen Religion vor deren ersten Auftreten bekannt waren, ohne dass man deshalb gleich die historische Existenz von Josua oder des Mithras der Mysterienreligion folgern könnte. Drews kommt damit zum zweiten Teil seiner Beweiskette, indem er sich, wie bereits viele andere vor ihm, fragte, wie es eigentlich um die behauptete Historizität Jesu Christi bestellt ist, die ja als Beweis für die Einzigartigkeit und die bevorzugte Stellung des Christentums unter den Religionen herhalten muss. Dazu unterzieht er sowohl die Bibel als auch die vermeintlichen außerchristlichen Zeugnisse einer kritischen Betrachtung.

5. Die außerchristlichen Zeugnisse kommen für Drews nicht in Betracht, da die betreffende Stelle bei dem jüdischen Schriftsteller Josephus klar interpoliert ist, die bei Sueton angeführte Stelle für gefälscht angesehen wird, jeweils mit guten Argumenten gestützt, so dass nur noch Tacitus mit seinen Annalen und der Geschichte der neronischen Christenverfolgung näher betrachtet wird. Die Stelle wird ausführlich analysiert, und Drews kommt zu dem Ergebnis, dass die Erzählung in Widerspruch zu anderen Quellen steht, selbst in sich widersprüchlich ist und nichts für die Existenz Jesu Christi beweisen kann wegen des zeitlichen Abstandes des Tacitus zu den angeblichen Geschehnissen in Palästina 80, 90 Jahre zuvor. Darüber hinaus diskutiert Drews die bemerkenswerte Überlieferungsgeschichte des taciteischen Textes, der ja erst im 15. jahrhundert bekannt wurde. Vorher war die ganze Geschichte der neronischen Christenverfolgung unbekannt, so dass Drews in Würdigung aller Umstände zusammen mit dem Franzosen Hochart die Annalen für insgesamt gefälscht erklärt hat, was ihm viel Feindschaft eingebracht hat.

6. Die Texte der Bibel werden von Drews eingehend auf ihre historische Beweiskraft hin betrachtet. Hier konnte er sich vielerlei Vorarbeiten, auch derjenigen der Theologen selbst, bedienen. Er analysiert die Apostelgeschichte, bemerkt zahlreiche geographische und chronologische Unstimmigkeiten, die fehlende Beziehungen zu den paulinischen Briefen, so dass der Apostel Paulus nicht der Verfasser sein kann, und hält die Apostelgeschichte, soweit es den historischen Hintergrund angeht, dem Josephus nachgebildet – in Übereinstimmung mit namhaften Theologen seiner Zeit. Drews würdigt dann die paulinischen Briefe, die synoptischen Evangelien, also Markus, Matthäus und Lukas ausführlich auf ihre historische Aussagekraft hin, und kommt zu dem Ergebnis, dass es eine solche nicht gibt. Die Widersprüchlichkeit der Erzählungen, ihre krasse Unmöglichkeit, die Abhängigkeit von alttestamentarischen Vorbildern führen ihn unter anderem zu dieser Ansicht. Er setzt sich dabei detailliert mit den sehr umfangreichen theologischen und historischen Argumenten der Befürworter der Geschichtlichkeit auseinander und stellt fest, dass die Existenz Jesu Christi immer a priori vorausgesetzt wird und nie das Ergebnis einer unvoreingenommenen Untersuchung ist.

7. Im römischen Weltreich fand ein lebhafter Austausch von Ideen und Menschen statt. Die Verehrung des Kaisers ist eine Facette des damaligen Zeitgeistes, der Vermischung von weltlichen und religiösen Begriffen nach unserem heutigen Verständnis, und so sieht Drews den Boden sozusagen homogenisiert und vorbereitet für den Sieg einer Religion, die dann wegen der Ähnlichkeit zu anderen gleichzeitig existierenden, etwa der Mithrasreligion, diese aufsaugen und später dann ihre Einzigartigkeit behaupten kann.


Ich möchte hier auf Einzelheiten nicht weiter eingehen, sondern nur einen für Drews ganz wesentlichen Punkt seiner Argumentation in bezug auf die historische Aussagekraft der Evangelien Ihnen bekannt machen, wie sie Drews in seinen Büchern „Das Markusevangelium als Zeugnis gegen die Geschichtlichkeit Jesu“, 1921, 2. Auflage 1928, und „Der Sternhimmel in Dichtung und Religion der alten Völker und des Christentums“, 1923, ausgeführt hat . Nach seiner Meinung lässt sich die evangelische Erzählung des Markus aus dem Sternenhimmel ablesen. Eine vorgefertigten Mustern nachgebildete Erzählung kann natürlich keine historische Wirklichkeit beanspruchen. Drews wird damit einer der letzten Vertreter der so genannten Astralmythologie, das heißt, der Anschauung, dass sich wesentliche Inhalte der Mythen aus dem Gang der Gestirne am Himmel ableiten lassen. Astralmythologie war zu seiner Zeit ein Thema, das viel Beachtung fand, bei den Assyriologen Jensen und Winckler, dem Schriftsteller Stucken mit seinen „Astralmythen“, auch bei Philologen wie Boll oder dem Russen Morosov. Der Urheber dieser Richtung ist der Franzose Dupuis, der in den Neunzigerjahren des achtzehnten Jahrhunderts sein Riesenwerk „Origine de Tous les Cultes“ erscheinen lässt. Dies Werk ist, trotz des vehementen Eintretens von Drews, der seine Bedeutung klar erkannte, unbeachtet geblieben. Ein von Dupuis selbst hergestellter Auszug erschien 1910 auf Deutsch unter dem Titel „Ursprung der Gottesverehrung“. Die astrale Betrachtungsweise der Evangelien beruht darauf, dass in anderen Religionen der Zeit astrale Bezüge klar zu erkennen sind. Kurz gesagt handelt es sich darum, dass der Sonnenheld zur Winterszeit stirbt und dann wieder aufersteht, um Leben zu spenden. Die astralen Bezüge sind recht leicht zu erkennen im Mithraismus und seinen bildlichen Darstellungen, etwa dem Neuenheimer Altar im Badischen Landesmuseum in Karlsruhe. Auf ihm opfert Mithras den Stier, und auf der figürlichen Darstellung findet sich das Geschehen am Sternenhimmel wieder: der Skorpion nimmt dem Stier die Lebenskraft, in dem er ihm die Fortpflanzungsorgane frisst, gleichzeitig sind Rabe, Löwe, Schlange und zwei Fackelträger zu sehen, Sternbilder, die sich zur Zeit der der Frühjahrstagundnachtgleiche am Himmel befinden. Ein Hinweis auf astrale Bezüge im Christentum ist das Weihnachtsdatum, das etwa mit der Wintersonnenwende zusammenstimmt. Die astronomische Bestimmung des Osterdatums ist ja geläufig, wie verträgt sich das mit der angeblichen historischen Wirklichkeit der Ereignisse?

Wir müssen uns mit einigen astronomischen Grundlagen befassen, da man diese Kenntnisse nicht unbedingt voraussetzen kann. Die Himmelskugel wird ja, analog zur Erde durch eine Achse, um die sich ja scheinbar dreht, charakterisiert. Der Durchstoßpunkt dieser Achse ist der Himmelspol. Senkrecht auf dieser Achse steht die Äquatorebene, deren Schnitt mit der Himmelskugel den Himmelsäquator bildet. Die scheinbare Bahn der Sonne auf der Himmelshalbkugel wird Ekliptik genannt. Entlang der Ekliptik befinden sich die zwölf Tierkreisbilder, der Zodiakos. Für die Menschen vor drei- oder viertausend Jahren war nun der Gang der Sonne durch den Himmel in den Jahreszeiten die die Landwirtschaft und damit die eigenen Lebensgrundlagen bestimmende Erscheinung. Eine Zeitrechnung wie auch die Orientierung im Raum wurden auf Grundlage der Bewegung der Gestirne etabliert und von Generation zu Generation weitergegeben und ausgeschmückt oder verändert. Um Ordnung auch in den Himmel zu bringen, wurden die einzelnen Sterne zu Sternbildern zusammengefasst, denen anschauliche Namen gegeben wurden. Ihre Bewegungen, das erstmalige Auftauchen am Himmel, die Kulmination und das Verschwinden, boten feste aber vielfältige Beziehungen zueinander, die eine reich variierte Wiedergabe des Himmelsgeschehens erlaubten. Nahm man noch die Möglichkeiten, himmlische Stellvertreter mit zu berücksichtigen, also Sternbilder, die zur gleichen Zeit erschienen, kulminierten oder untergingen, dazu, ergab sich eine fast unüberschaubare Mannigfaltigkeit, um das Himmelsgeschehen erzählen zu können. Da das gesamte Gebiet der Astralmythologie den meisten von Ihnen völlig unbekannt sein dürfte und Ihnen fremdartig vorkommen dürfte, möchte ich es damit bewenden sein lassen und Ihnen nur andeutungsweise die astrale Bedeutung des Beginns des Markusevangeliums erzählen, die von Johannes dem Täufer und seinem Aufruf zur Buße handelt. Die Buße findet durch rituelle Waschungen statt, die Drews mit der Wasserregion der Sternkarte in Verbindung bringt, in seiner Darstellung sieht sie so aus. Bootes, der Rufer, kulminiert, und verkündet das Erscheinen der neuen Jahressonne im Zeichen des Steinbocks. Bootes ist der Täufer, der Fluss Jordan, in dem die den Juden übrigens unbekannte Flusstaufe stattgefunden haben soll, wird mit dem himmlischen Fluss Eridanus in Verbindung gebracht.

Die astrale Betrachtungsweise von Drews fand weiter keine Beachtung, zum einen, weil sie in ihrer inneren Logik nicht unbedingt zwingend ist, geht es doch um komplizierte Vorgänge am Sternenhimmel, bei denen wegen der Stellvertretung des Sternbilder untereinander bei Aufgang, Kulmination und Untergang viele Kombinationsmöglichkeiten existieren. Die Überlieferung der Sternbilder ist vielfältig, für ein- und dasselbe Sternbild gibt es viele Bezeichnungen und Ausdeutungen. So ist nicht möglich, mit zwingender Beweiskraft eine Ausdeutung eines Textes als die einzig mögliche hinzustellen. Drews war sich dessen sehr wohl bewusst. Zum anderen bemühten sich Philologen und Archäologen, bei denen die offizielle Erforschung des antiken Sternhimmels angesiedelt war, nicht bei den Theologen anzuecken und standen Ideen, die dazu Anlass geboten hätten und überdies auch die Fachgrenzen überschritten hätten, ablehnend gegenüber. Der große Franzose Dupuis, ein Kind der Aufklärung, wurde und wird ignoriert, was sich in einem bekannten Buch über Astralmythologie, „Hamlet’s Mill“ von de Santillana und von Dechend, wiederholt. Trotz der allgemein ablehnenden Haltung der Fachwelt astralmythologischen Gedankengängen gegenüber ist aber, wie ich denke, das letzte Wort in dieser Sache noch nicht gesprochen, und die Drewsschen Arbeiten lohnen immer noch eine Beschäftigung mit ihnen und auch ihrem Autor.

 


Auswahlbibliographie zum Vortrag

 

Biographisches zu Arthur Drews:

 

Drews, A.: Selbstdarstellung. – In: Schmidt, R. (ed.), Die Philosophie der Gegenwart in Selbstdarstellungen, Bd. 5, 67 – 128, Leipzig (Meiner), 1924.

 Mutter, R. & Pilick, E. (ed.):  Arthur Drews Eduard von Hartmann, Philosophischer Briefwechsel. – VIII, 469 S., Rohrbach (Guhl), 1995.

 Bautz, F.W.: Drews, Arthur. – Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon, Bd I, Sp. 1381 – 1382, 1990. (www.bautz.de/bbkl, 14.1.2003) 

Frey, C.: Arthur Drews (1865 - 1935). -  Die Pyramide (Wochenschrift zum Karlsruher Tageblatt, 24. Jg., Nr. 43 vom 27. Okt. 1935.

Groos, H.: Arthur Drews Altonaer Anfänge und Bilanz seines Schaffens. – Altonaische Zeitschr. F. Geschichte u. Heimatkunde IV, 136 – 150, 1937.

Ungerer, E.: Arthur Drews. – Die Bad. Schule 2, 294 – 300, 1935.

  

Nachwirkung in russischer Literatur:

 

Haber, E.C.: The mythical Bulgakow: The Master and Margarita and Arthur Drews’s The Christ Myth. – Slav. A. East Europ. J. 43, 347 – 360, 1999.

 

Bücher von Drews zur Historizität Jesu Christi und eine Auswahl der von ihm herangezogenen Literatur:

 

Drews, A.: Die Christusmythe. – XII, 190 S., Jena (Diederichs), 1909.

Drews, A.: Die Christusmythe. – 4. A., 239 S., Jena (Diederichs), 1924.

Drews, A.: Die Christusmythe, Zweiter Teil, Die Zeugnisse für die Geschichtlichkeit Jesu. – XXII, 452 S., Jena (Diederichs), 1911.

Drews, A.: Das Markusevangelium als Zeugnis gegen die Geschichtlichkeit Jesu. – 325 S., 12 Abb., 12 Sterntafeln, Jena (Diederichs), 1921.

Drews, A.: Das Markusevangelium als Zeugnis gegen die Geschichtlichkeit Jesu. –  2. A., 386 S., 13 Abb., 12 Sterntafeln, 1 Porträt, Jena (Diederichs), 1928.

Drews, A.: Die Leugnung der Geschichtlichkeit Jesu in Vergangenheit und Gegenwart. – VIII, 235 S., Karlsruhe (Braun), 1926. (Wissen und Wirken 33, hrsgg. V. E. Ungerer) (www.radikalkritik.de, 15.11.2005)

Drews, A.: Die Entstehung des Christentums aus dem Gnostizismus. – 389 S., Jena (Diederichs), 1924.

Robertson, J.M.: Die Evangelienmythen. – 241. S., Jena (Diederichs), 1910.

Smith, W.B.: Ecce Deus. – XVI, 316 S. 7S. Namen- und Stellenverzeichnis, Jena (Diederichs), 1911.

Kalthoff, A.: Die Entstehung des Christentums. Neue Beiträge zum Christusproblem. – IV, 155 S., Leipzig (Diedrichs) 1904.

  

Auswahl von Schriften zur Astralmythologie und deren Grundlagen:

 

Dupuis, Ch.-F.: Ursprung der Gottesverehrung. Deutsche Ausgabe von F. Streißler. – 347 S., Leipzig (Eckardt), 1910. (Abrégé de L’Origine de Tous Cultes, 1798.)

Morosov, N.: Die Offenbarung Johannis. Eine astronomisch – historische Untersuchung. Mit einem Geleitwort von Arthur Drews. – XX, 229 S. 47 Abb., Stuttgart (Spemann), 1912.

Drews, A.: Der Sternhimmel in der Dichtung und Religion der alten Völker und des Christentums. Eine Einführung in die Astralmythologie. – 316 S., 25 Abb., 12 Sterntafeln, 1 Porträt, Jena (Diederichs), 1923.

Santillana, G. de & Dechend, H. von: Hamlet’s Mill. An essay on myth and the frame of time. – XXV, 505 S., Abb., Boston (Godine), 2002. (Nachdr. d. 1. A. 1969).

Gundel, H.G.: Zodiakos. Tierkreisbilder im Altertum. Kosmische Bezüge und Jenseitsvorstellungen im antiken Alltagsleben. – 358 S., 258 Abb., 8 T., Mainz (von Zabern), 1992. (Kulturgeschichte der alten Welt, Bd. 54).

Künzl, E.: Himmelsgloben und Sternkarten. Astronomie und Astrologie in Vorzeit und Altertum. – 128 S., Abb., Stuttgart (Theiss), 2005.