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Marcions Stellung im frühen Christentum

Ein politisches Machtspiel

 

Von Dr. Michael Conley
Aus dem Amerikanischen übersetzt von Dr. Werner Schneider

 

Nach herkömmlicher Auffassung sind die Briefe des Paulus die frühesten Dokumente des Christentums ungefähr in den fünfziger Jahren des ersten Jahrhunderts entstanden. Die Apostelgeschichte dagegen könnte—so auch heute noch die im Anschluß an A. Harnack vertretene Ansicht vieler konservativer Forscher—von einem Arzt names Lukas stammen, der Paulus auf seinen Reisen im östlichen Mittelmeerraum begleitete und den Bericht über die gemeinsamen Erlebnisse als eine Art Nachtrag zu den persönlichen Äußerungen des Paulus niederschrieb.

Die Ergebnisse der neutestamentlichen Kritik, wie sie heute von den amerikanischen Theologen Darrell J. Doughty und Robert M. Price sowie dem Berliner Theologen Hermann Detering im Anschluß an die Vertreter der Holländischen Radikalkritik vorgetragen werden,  sprechen nun für eine ganz andere und viel spätere Datierung sowohl der Briefe als auch der Apostelgeschichte. Den Großteil von ihnen weist diese Kritik dem zweiten Jahrhundert zu und betont die erheblichen Spannungen zwischen den beiden Schriftkomplexen, die es verbieten, beide als einander ergänzende Literatur zu verstehen.

Vielmehr scheint klar, daß die besagten Schriften eher als Produkte eines Konflikts zwischen zwei feindlichen, um die Kontrolle über die Christenheit des 2. Jahrhunderts ringenden Lagern betrachtet werden müssen.

Die Namen Paulus und Lukas verlieren im Licht dieser Theorien an Bedeutung. Das lateinische „paulus“  bedeutet „klein“; auf eine Person angewandt, könnte es heißen: „der Kleine“ – möglicherweise  ein Spitzname für jemand von kleiner Statur. Und Lukas? Die Theorien darüber, woher er kam—Syrien? Palästina? Alexandria? Rom?—sind ebenso unterschiedlich wie die Antworten auf die  Frage, wo und ob er tatsächlich mit „dem Kleinen“ zusammentraf. Es ist nicht ausgeschlossen, dass ihm aus uns unbekannten Gründen einfach daran lag, eine fiktive Biographie zu schreiben.

Wir wollen an diesem Punkt klarstellen: Wer auch immer Lukas war, er wusste nichts von den angeblich von „Paulus“ geschriebenen Briefen. Der Autor der Apostelgeschichte unterdrückt systematisch jede Erwähnung auch nur eines Briefes oder einer darin enthaltenen Passage. Noch genauer: Dem Autor ist das Dogma „sola fide“ gänzlich unbekannt—immerhin ein Thema von zentraler Bedeutung, nicht nur der Paulusbriefe, sondern auch für Martin Luther und seine Reformation, die am Ende die Christenheit spaltete. Warum dies Schweigen? Etwa weil „Lukas“ wusste, dass die Briefe und das Dogma „allein durch den Glauben“  Produkte einer feindlichen Konkurrenzgruppe waren, oder weil die Briefe noch nicht den Namen des Paulus trugen und als unecht galten?

Offenbar scheinen hinter den Namen zwei ganz gegensätzliche Kräfte zu stehen, die sehr viel leichter zu identifizieren sind: Marcionitismus und Katholizismus.

Paulus war gleichsam die Lokomotive Marcions. Marcion war ein erfolgreicher Reeder aus Sinope an der Südküste des Pontos Euxeinos, mutmaßlich geboren um 85 u.Z..  Er arbeitete daran, eine internationale „christliche“  Kirche aufzubauen, ausgehend von ihrem Zentrum in Ephesus bis zum Mäander nach Laodikeia oder vielleicht weiter nach Norden und Süden, über Magnesia hinaus bis Colossa und/oder Thyatira, wo die Offenbarung des Johannes die „Synagogen des Satans“ lokalisiert.

Justin der Märtyrer dagegen gehörte der Elite der römischen Kirche an, war also definitiv kein Freund von Marcion. Seine Schriften datieren etwa um 150 u.Z. Justin merkt an, (I Apol. 26), Marcions  Lehre sei „bei allen Volksstämmen“ verbreitet, und der berühmte Häretiker—aus Roms Sicht, wohlverstanden—würde „noch gegenwärtig“ („kai nun eti“) seine Gläubigen lehren. Marcion war Asket. Die Ehe war für ihn „porneia“ (Hurerei) und führe geradewegs in „phthora“ (Tod und Verderben). An anderer Stelle spricht Marcion von der Ehe als „phthora kai porneia“.[ii] Aus dieser Haltung heraus verbot er seiner Gemeinde streng jegliche Form von Heirat oder Geschlechtsverkehr. Nur solche Katechumenen taufte er und ließ sie zur Kommunion zu, die den Zölibat gelobten oder, falls sie schon verheiratet waren, auf sexuelle Beziehungen verzichteten und völlig enthaltsam lebten. Das Wachstum seiner Gemeinden war also auschließlich auf Anwerbung neuer Mitglieder angewiesen.[iii]

Marcions Kirche hatte eine hierarchische Struktur: von Marcion (Marcion episkopos) ausgehend gab es eine geordnete Folge von Bischöfen,  Presbytern, Diakonen/Diakonissinnen—anders als in Rom spielten Frauen eine wichtige Rolle—bis hinunter zu einem Katechumat für Glaubensneulinge (natürlich immer Erwachsene, da sie ja keine eigenen Kinder zur Welt.brachten). Cyrill aus Jerusalem fand es notwendig, seine eigenen Katechumenen davor zu warnen, versehentlich in einer marcionitischen Andachtsstätte zu landen; (Cat. 18.26) nach Ankunft in einer neuen Stadt, riet er: „Fragt nach der katholischen Kirche!“

In manchen kleinen Städten gab es wahrscheinlich nur ein marcionitisches Gotteshaus.[iv] Trotz der ihnen auferlegten Lasten könnte die Zahl der Christen, die sich zu den Lehren der marcionitischen Kirche bekannten, an die 50 Prozent aller Christen im östlichen Mittelmeerraum erreicht haben. Wer diese Möglichkeit unter Hinweis auf den Mangel an fundierten Belegen abtut, lobt damit indirekt nur die frühen römischen Kirchenväter dafür, wie gründlich es ihnen gelang—nachdem die Schlacht geschlagen war—, die baulichen und schriftlichen Werke ihrer Gegner zu eliminieren.

Marcion war entschiedener Vertreter eines „guten“ Gottes—vollkommen verschieden vom rachsüchtigen jüdischen Schöpfergott Jahwe und diesem unendlich überlegen; letzterer hatte kaum mehr vorzuweisen als ein schlampig konstruiertes Firmament, bevölkert mit fehlerhaften Kreaturen von der Sumpffliege bis zu zweibeinigen Menschenwesen, die sich am Boden des Firmaments herumquälten. Und ebenso wies Marcion das Alte Testament der Juden in Bausch und Bogen zurück, wo die geschmacklosen Errungenschaften ihres Rachegottes aufgeführt wurden.

Jahwe war, so argumentierte Marcion, ein gnadenloser Eiferer für eine „Gerechtigkeit“, die er mit unnachgiebigem Ernst und Grausamkeit durchsetzte. Er war ein zorniger, sturer Zelot. Jede Seite des Buches der Juden lieferte dem kritischen Leser die klare Bestätigung seiner Parteilichkeit, Kleinlichkeit und Engherzigkeit. Und die Aufforderungen und Verurteilungen, Gebote und Anordnungen, die er denen gegenüber aussprach, die vor ihm auf dem Boden krochen, waren voller Widersprüche, Schwankungen und spiegelten nur seine eigene moralische Unausgeglichenheit wider. Genau betrachtet, war Jahwe in Marcions Augen sogar der conditor malorum, der Urquell des Bösen, der Anstifter des Krieges, der seine Versprechen gewohnheitsmäßig brach und dessen Unternehmungen tatsächlich von Natur aus Verderben brachten.

In einer solchen Begriffswelt konnte es keine Erbsünde aufgrund der Abstammung von Adam geben, sondern nur in dem Sinne, dass menschliche Wesen „Kinder des geringeren Gottes“ sind, „dessen eigentliches Wesen (‚substantia’) der Sünde fähig ist“.[v] Auch die Vertreibung aus dem Garten Eden ist in diesem Sinne bedeutungslos. Das Christentum konnte nichts zu schaffen haben mit diesem „Demiurgen“, versicherte Marcion, und Jesus Christus konnte auch nicht sein Sohn gewesen sein! Die Ansicht, dass das Gesetz und Evangelium eine Einheit bildeten, war ein zentraler  Irrtum des römischen kleros.

Marcion verfasste einen eigenen Kommentar zum Gebrauch in der Kirche, die seinen Namen angenommen hatte. Er nannte ihn seine „Antitheseis“ und begann mit den Worten:

„Oh Wunder über Wunder, Verzückung, Macht und Staunen ist, daß man gar nichts über das Evangelium sagen, noch über dasselbe denken, noch es mit irgend etwas vergleichen kann.“[vi]

Die Lehre Marcion wird gelegentlich als „gnostisch“ bezeichnet. Aber es gibt substantielle Unterschiede. Marcions Lehren sind frei von der mythologischen Phantasie und der Komplexität, die das gnostische Denken seiner Zeitgenossen charakterisiert.Auch spekuliert er—anders als diese—weder über erste Prinzipien, noch entwickelt er eine Theorie des göttlichen Wesens. Ursachenverbindungen zwischen Jahwe und dem obersten Gott oder zwischen dem obersten Gott und den menschlichen Wesen interessieren ihn nicht. Weiterhin versteht Marcion, anders als im Falle der Gnosis, menschliche Wesen nicht als im Himmel erzeugte „Funken“ (=“spintharsis“), die bei der Geburt im Menschenleib eingekerkert wurden.

Vielmehr ist für Marcion der Mensch gänzlich irdischen Ursprungs und ohne die uneigennützige Unterstützung des höchsten Obergottes unfähig, die eigene Erlösung zu erlangen. Und letzteres, d.h. die „Erlösung“, wird verstanden als Gegenstand eines Tauschhandels zwischen Christus und dem Schöpfer-Demiurgen, ganz wie auf dem Marktplatz. Christi Aufgabe ist es, die Seele des- oder derjenigen, die vor dem höchsten Gott Gefallen—und zusätzliche „Gnade“—gefunden haben, aus dem irdischen Kosmos zu „extrahieren“ und in das „pleroma“ [die Fülle des Alls] zu entsenden, welches weit oberhalb des sichtbaren Nachthimmels existiert.

Dagegen wurde Lukas zum Gewährsmann des römischen „episkopos“, des Bischofs von Rom, und seiner Berater. Diese hatten das Ziel, sich aus dem Feld der konkurrierenden Sekten zu lösen, das öffentliche Spektakel der streitenden Priester zu beenden und ein neues Monopol zu schaffen, nicht wie einst in der griechischen Polis, sondern dieses Mal auf der Basis einer autoritären, monarchischen Nachfolgelinie.[vii]  Wir können sagen, daß die römische Kirche eifrig dabei war, den Verwaltungsapparat einer Regierung aufzubauen, der den ganzen Mittelmeerraum abdecken sollte—und das möglicherweise bereits in der Periode um 81-115 u.Z., also während der Herrschaft von Domitian, Nerva und Trajan.

Strategisch darauf bedacht, Marcions Gefolgschaft nach und nach in den eigenen Pferch zu treiben, konnte es sich die römische Kirche nicht leisten, deren Markenzeichen „Paulus“ offen anzugreifen, auch wenn sie die marcionitische Kirche sonst überall bekämpfte. Marcion hatte es zuwege gebracht, jemanden, den er als Paulus bezeichnete, in den Augen der Gläubigen in sein Alter Ego zu verwandeln. Ihn abzulehnen hätte zwangsläufig Marcions Anhänger vor den Kopf gestoßen. Also musste es Roms Taktik sein, das Bild zu erhalten, aber seine Bedeutung in den Augen und Seelen der Betrachter zu verändern.

Davon abgesehen, hat Marcions „Paulus“ ein historisch belegbares Gegenstück, das uns im 8. Kapitel der Apostelgeschichte geliefert wird,  einen Prototyp in der Person des Simon Magus, Simons des Magiers. Das wird deutlich in der übrigen antimarcionitischen  Literatur, z.B. in den judenchristlichen Pseudoclementinen, die aller Wahrscheinlichkeit nach ins frühe dritte Jahrhundert datieren. Dort wird Simon mit Paulus gleichgesetzt, und für ihn finden sich nur herabsetzende Schimpfworte wie  „ho echthros“ (der Verhasste), „echthros anthropos“ (verhasster Mensch), „antikeimenos“ (Antipode, Antagonist, Gegner), „planos tis“ (Betrüger). Die Liste kann erweitert werden.

So feiert die Apostelgeschichte ihren eigenen, kosmetisch operierten „Paulus“ gleichzeitig als Zentralfigur bei der Entstehung des Christentums, während sie ihn unter seinem echten Namen „Simon“ niedermacht und „Magus“ nennt.[viii] Aller Wahrscheinlichkeit nach produzierte Simon Literatur—wie umfangreich seine Werke waren, kann nur vermutet werden—, die Marcion sammelte und ausarbeitete. Aber wie auch immer, dieser Simon hatte—wengstens in der Apostelgeschichte—nur eine sehr schlechte Presse.

Zwischen den Parteien—Marcion auf der einen und den Episkopoi von Rom (Clemens, Evaristus, Alexander, Sixtus usw.) auf der anderen Seite—tobte offenbar ein zunehmend erbitterterer Propagandakrieg. Die Literatur der Gegenseite wurde umgeschrieben, man machte Einfügungen (z.B. Zitate aus dem Alten Testament, um Marcions schroffe Ablehnung des AT zu mildern) oder Streichungen (z.B. Verunglimpfungen von Kephas, Jakobus usw.), wie die taktische Lage es eben erforderte.

Wenn wir heute in den Briefen des „Heiligen  Paulus“ über Jesus lesen,

1) dass er vom Weibe geboren ward (Gal 4,4),
2) aus dem Stamme Davids (Röm 1,3), dass er
3) in der Nacht seiner Festnahme ein Abendmahl zu sich nahm (1 Kor 11,21) und
4) dass er gekreuzigt wurde (1 Kor  2,8)

so geht dies auf die antimarcionitische Überarbeitung katholischer Redaktoren zurück. Es handelt sich dabei um ausgesprochen fremdartige Interpolationen in eine Literatur, in der Christus eben nicht geboren wurde, sondern vielmehr als unkörperliche, d.h. doketische Emanation eines größeren Obergottes erschien. Die römischen Katholiken waren weit davon entfernt, die Komplikationen voll zu ermessen, die sich zwangsläufig aus ihrem Versuch ergaben, die Literatur des Gegners zu „sanieren“, um seine Gefolgschaft auf die eigene Seite zu ziehen.

Wenn Marcion Rom schon nicht daran hindern konnte, die zwölf Apostel zu monopolisieren, so konnte er doch eine alternative Autorität kreieren und erklären, ein direktes Mandat vom Himmel (vgl. Gal 1,1) bedeute mehr, als einfach nur mit Jesus gelebt und ihn gesehen zu haben. Gegen Roms Anspruch, nur derjenige, welcher Jesus gekannt habe, dürfe Apostel genannt werden, richtet sich 2 Kor. 5,16:

Darum kennen wir von nun an niemanden mehr nach dem Fleisch; und auch wenn wir Christus gekannt haben nach dem Fleisch, so kennen wir ihn doch jetzt so nicht mehr.“[ix]

Aber Lukas wollte nichts mit Lehrsätzen zu tun haben, die die christlichen Gemeinden ihren jüdischen Wurzeln entfremden. Sünde entsteht durch Gleichgültigkeit gegenüber den Geboten, und Jesus wird zum ausgesprochen weltlichen Bußprediger, der beim Jüngsten Gericht für seine Anhänger Fürsprache einlegen wird. Durch die Aufnahme der lukanischen Apostelgeschichte ins Neue Testament war, wie Rom es sah, ein Gegengewicht zur Position der Paulusbriefe hergestellt.[x]

Wenn Marcion Paulus in Gal 5,2-6 erklären lässt: „wenn ihr euch beschneiden lasst, ist Christus euch zu nichts nutze“ usw., so erzählt Apg. 16,3 die Geschichte, wie Paulus den Timotheus beschneiden lässt, um die antinomistische, d.h. gegen das jüdische Gesetz gerichtete Politik des Galaterbriefs zu neutralisieren.[xi]

Dazu kommt noch die Sache mit Arabien und Damaskus. Die Apostelgeschichte erwähnt überhaupt nichts von einem Abstecher oder Ausflug nach Arabien, wie es Paulus in Gal 1,17 tut. Für die Apostelgeschichte gibt es überhaupt keinen Ausflug nach Arabien. Aber nach dem Galaterbrief ging Paulus nach der Offenbarung des „Sohnes in ihm“ und des Evangeliums von Jesus Christus, das er den Heiden verkünden sollte, nicht nach Damaskus, sondern direkt „nach Arabien“.

Aus Freude an seiner eigenen Erfindungskraft gelangte Lukas zu der Geschichte, in der römische Soldaten sich anschickten, Paulus auszupeitschen (Apg 22,25ff). Dieser, erfahren wir, berief sich darauf, römischer Bürger zu sein, und der diensthabende Centurio akzeptierte diesen Appell sofort, ohne weitere Umstände zu machen. Dies alles ist jedoch vollkommen unglaubwürdig! Es wäre nicht das erste Mal in der Geschichte Roms gewesen, daß ein nicht registrierter  Eingeborener einer Strafe durch eine solche Berufung zu entgehen versuchte. Der Centurio hätte gewiß irgendeine Art Beweis für die Gültigkeit der Aussage des Paulus verlangt. Niemand trug einen Personalausweis bei sich, aber der Centurio hätte des Paulus Glaubwürdigkeit prüfen können, indem er ihn auf das Amt mitnahm, wo das Kolleg der „seviri Augustalis“ oder ein „flamen Romae et Augustai“ (Priester) des öffentlichen römischen Offizialkults in Jerusalem (oder besser im Hafengebiet von Caesarea) residierte. Er hätte ihn auffordern können mit ihm gemeinsam, an den maßgeblichen religiösen Zeremonien teilzunehmen (die er als römischem Bürger hätte kennen müssen).

Viel überraschender noch ist, wie die für die Kirche über die Maßen wichtige Eucharistie im Neuen Testament behandelt wird.[xii] Ich zitiere - diesmal nicht aus der Apostelgeschichte, sondern aus dem Lukas zugeschriebenen Evangelium (22,14-20):

„Als die Stunde kam, setzte er sich mit seinen zwölf Aposteln zu Tisch und sprach zu ihnen: Wie habe ich danach verlangt, dieses Passah mit euch zu essen, bevor ich sterbe! Denn ich sage euch, ich werde es nicht wieder essen bis zur Zeit der Erfüllung im Königreich Gottes. Dann nahm er einen Becher [beachte die Abfolge der Ereignisse!], dankte und sprach: Nehmt diesen und teilt ihn unter euch, denn ich sage euch, von diesem Augenblick an werde ich nicht wieder trinken vom Saft der Reben, bis das Königreich Gottes kommt. Dann nahm er das Brot [!], dankte, brach es und gab es ihnen mit den Worten: Dies ist mein Leib.“

Und nun wenden wir uns 1. Kor. 11,23-25 zu:

„Denn die Überlieferung, die ich euch gegeben habe, habe ich vom Herrn selber [d.h. aus erster Quelle!]: in der Nacht seiner Festnahme nahm der Herr Jesus das Brot, dankte Gott, brach es und sprach: Das ist mein Leib, für euch hingegeben; tut dies zu meinem Gedächtnis. Auf gleiche Weise nahm er den Kelch [beachte!] nach dem Mahle und sagte: Dieser Kelch ist das neue Testament, besiegelt mit meinem Blut. Wenn ihr ihn trinkt, tut dies zu meinem Gedächtnis.“

Der Widerspruch in einer Angelegenheit von so entscheidender Bedeutung für die römische Kirche könnte kaum krasser sein. Warum ließen die „Restauratoren“ von Marcions Werk die beiden widersprüchlichen Aussagen stehen? Ich sehe darin einen Hinweis darauf, wie weit Rom bereit war zu gehen, um Marcions Anhänger zu besänftigen, wenn sie nur den früheren Meister aufgäben und sich Rom unterwürfen. Der Taktik bestand danach darin, den arithmetischen Zuwachs der Rekrutierung in eine geometrische Progression zu verwandeln! Eine begrenzte Zahl von Berufs-Missionaren bewirkt nur begrenzten, „arithmetischen“ Zuwachs; wo aber Proselyten wieder Proselyten machen, herrscht die geometrische Progression des Kettenbriefs: die Überläufer werden zu Laien-Missionaren und damit zu „Multiplikatoren“, die ihre Bekannten mitnehmen. Dogmatische Zugeständnisse Roms räumten Übertrittshindernisse aus dem Weg, da die Frischbekehrten nicht mit alten Gewohnheiten brechen mussten und umso leichter zu scharenweisem Übertritt zu bewegen waren

Als die Würfel dann gefallen waren—d.h. nachdem im Laufe des vierten und fünften Jahrhunderts zahlreiche Kopien des Neuen Testaments in Umlauf waren—konnte Rom nicht mehr so leicht zurück.

Auf dem Höhepunkt des Kampfes, erschien der Galaterbrief (in der Originalversion); dieser präsentierte ein marcionitisches Porträt eines (weiterhin als Paulus bezeichneten) Apostels, welches das in der Apostelgeschichte verbreitete Apostelbild Punkt um Punkt zu widerlegen versuchte.[xiii] Es wurde begleitet von 1. Thess.2,14-16, dem hemmungslosesten Angriff auf die Juden im ganzen Neuen Testament:

Denn, liebe Brüder, ihr seid den Gemeinden Gottes in Judäa nachgefolgt, die in Christus Jesus sind; denn ihr habt dasselbe erlitten von euren Landsleuten, was jene von den Juden erlitten haben. Die haben den Herrn Jesus getötet und die Propheten und haben uns verfolgt und gefallen Gott nicht und sind allen Menschen feind. Und um das Maß ihrer Sünden allewege vollzumachen, wehren sie uns, den Heiden zu predigen zu ihrem Heil. Aber der Zorn Gottes ist schon in vollem Maß über sie gekommen.

Roms Antwort—man halte sich die beträchtliche Zahl von Christen jüdischer Herkunft in Rom vor Augen—war die Epistula Apostolorum, im Neuen Testament nicht enthalten, obschon dahin gehörig. Diese Schrift stammt aller Wahrscheinlichkeit nach aus dem späten zweiten Jahrhundert und wurde möglicherweise in Alexandria oder Syrien aufgesetzt, wo der Kampf gegen Marcion besonders heftig tobte.[xiv] Hier schlugen sich die Sieger des politischen Machtspiels gleichsam mit schelmischem Augenzwinkern auf die eigene Brust und verwandelten das Alter Ego ihres Gegners in die eigene Marionette, indem sie Christus selbst aufmarschieren ließen:

„Siehe“, stellt da Christus fest ( °31), „du wirst einen Mann treffen, des Name Saulus ist, was verdolmetscht Paulus heißt (Apg. 13,9). Er ist ein Jude, nach dem Gesetz beschnitten, und er wird meine Stimme hören vom Himmel mit Schrecken, Furcht und Zittern, und sein Augenlicht wird dunkel werden, und er wird das Zeichen des Kreuzes mit Speichel in deine Hand erhalten. Behandle ihn, wie ich dich behandelt habe. Schicke ihn zu den anderen [d.h. die Straße nach Damaskus]. Und die Augen dieses Mannes werden wieder licht werden und er wird Gott, meinen himmlischen Vater, loben. Und sein Einfluss wird wachsen unter den Menschen und er wird predigen und lehren und viele werden bekehrt sein, wenn sie seine Worte hören und werden gerettet.“

„Aber viele werden ihn hassen wie in der Vergangenheit und ihn in die Hand seiner Feinde geben.“ Der Feind ist natürlich Marcion. Die ihn hassen, sind die römisch-jüdischen Katholiken—wie in den Pseudoclementinen beschrieben—die nichts mit ihm zu tun haben wollten. „Und er wird bekennen vor sterblichen, zeitlichen Königen und vollkommener Glaube an mich soll ihn erfüllen; obwohl er mich verfolgte und hasste, wird er bekehrt werden und predigen und lehren, und er wird bei der von mir erwählten Herde weilen, eine auserwählte Rüstung und eine Mauer, die nie einstürzen wird“(Apg 9,15).

Der Letzte der Letzten wird ein Priester für die Heiden werden (Gal 1,16;2,8f; Apg 26,27), vollkommen nach dem Willen meines Vaters . . . Und jedes Wort, dass ich zu dir gesprochen habe und dass du über mich geschrieben hast, besagt am Ende nur:  ich bin das Wort meines Vaters und der Vater ist in mir. So ist es in der rechten Ordnung, dass du diesem Manne Antwort gibst. Lehre und schärfe ihm ein, was gesagt ist in den Schriften und durch mich erfüllet, und er wird ein Quell des Heils sein unter den Heiden.“ (Apg 13,47; 26,18; 28,28),

Die Elite in Rom, so dürfen wir vermuten,  feixte gleichsam hinter vorgehaltener Hand. Die marcionitische Alternative wurde zur verlorenen Sache, von der nur der zensierte Text seines Alter Egos übrig blieb.


[ii]  Phthoros: ein gebräuchliches Schimpfwort; an eine Person gerichtet, bedeutet es dasselbe wie olethros, also etwa Pestbeule.

[iii] A. von Harnack, Marcion: Das Evangelium vom fremden Gott, Leipzig: J.C. Hinrichs/Darmstadt 1921/1966, S. 146-148

[iv] R.J. Hoffmann, Marcion: On the Restitution of Christianity, Chico, California; Scholars Press (AAR,No.46) 1984, 19

[v] Tertullian, Adversus Marcionem, 1.17.1; 2.9.1

[vi] Adolf Harnack, Marcion,  1924, S. 256*.

[vii] Der Leser beachte, dass bis ungefähr 200 u.Z. natürlich Griechisch die Sprache der Christenheit war, nicht nur im östlichen Mittelmeerraum, sondern überall.

[viii] Nach zeitgenössischen Verständnis besaß ein „Magus“ echte Kräfte, die aber vom Satan kamen.

[ix] Hermann Detering, Der gefälschte Paulus, 1995, zitiert S.63 Bruno Bauer, Christus und die Cäsaren.

[x] W. Schmithals, Theologiegeschichte des Urchristentums, Stuttgart: Kohlhammer, 1994,  S. 237-238

[xi] Vgl. Mortons Smiths Abhandlung über die Apostelgeschichte 8,4ff in: Studies in tue Cult of Yahweh, II, (Ed. S.J.D. Cohen), Leiden: E.J. Brill, 1996, S. 140-151.

[xii] Hierzu ein ausführlicheres Zitat aus Hyam Maccoby, Paul and Hellenism, London: SCM Press, 1991, S.123-126: „Die ganze Vorstellung, ‚den Gott zu essen’, ist im hellenistischem Umfeld etwas Vertrautes, im jüdischen aber abwegig. Das Verbot, Blut zu verzehren, entstand ja deswegen, um das [kultische] Trinken des ‚mama’ d.h. des göttlichen ‚Lebens’, zu verhindern (vgl. 1. Mose 9,4; 3. Mose 17,14). Versuche, dem menschlichen Dasein durch Vergöttlichung zu entkommen, sind nicht zulässig. Im Gegensatz dazu wurde der Eingeweihte bei den Eleusinischen Mysterien vergöttlicht (‚entheoi’), indem er ein Mahl verzehrte, das den Leib des Dionysos darstellte (‚Omphagia’-Zeremonie). Bei den Attischen Mysterien versetzte ein Mahl aus Brot und Flüssigkeit, Symbol für den Körper des Gottes, den Eingeweihten in die Lage, an seinem Leiden und seiner Wiederauferstehung teilzunehmen. Der Verzehr der Ceres (=Brot) ist ein Gemeinplatz der lateinischen Dichtung. Auf einer sublimierten Ebene sind Nahrungmittel magisch, unterliegen einer Transsubstantiation. Die heidnischen Welt war durchdrungen von solchen Vorstellungen.“

[xiii] Hermann Detering, Der gefälschte Paulus, S. 136.

[xiv] Der Text findet sich in Wilhelm Schneemelcher, Neutestamentliche Apokryphen, Tübingen. J.C.B. Mohr (Paul Siebeck), Band 1, S.205-233.