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„Ein flammendes Bekenntnis zum Frieden"

Pastor Hermann Raschke und der Widerstand in der NS-Zeit



Hermann Raschke


Von Pastor Frank Mühring, Bremerhaven
(Aus 150 Jahre Große Kirche - Bürgermeister-Smidt-Gedächtniskirche
 Festschrift, 2005, 24-26, Bremerhaven
)



„Der wird nicht lange bleiben! Dem pfeift doch der Wind durch die Backen!" So lauteten Stimmen aus der Gemeinde, als der junge Kandidat Hermann Raschke 1917 mit 29 Jahren als Nachfolger Paul Schatzmayrs nach Bremerhaven kam. Ein Bild aus jenen Tagen zeigt einen mageren jungen Mann, der an der Front in Galizien schwer verletzt und daraufhin freigestellt worden war. Doch die Prophezeiung erfüllte sich nicht. Pastor Raschke blieb 40 Jahre an der Bürgermeister-Smidt-Gedächtniskirche und prägte diese Gemeinde in unnachahmlicher Weise - vor allem durch seine mutige Haltung in der Zeit des Nationalsozialismus.

„Nie wieder Krieg" - dieses trotzige Wort aller traumatisierten Soldaten war auch in Raschkes geistigem Handgepäck. Nur so verstehen wir sein späteres Aufbegehren gegen die sich militaristisch gebenden Nationalsozialisten im Jahr 1933.

Ein geistiger Vater Hermann Raschkes war der selbst in Fachkreisen recht unbekannte Theologe Arthur Drews, der in seinem Buch „Die Christusmythe" die historische Existenz Jesu bestritt - eine Außenseiterposition. Dass Jesus wirklich gelebt hat und tatsächlich gekreuzigt worden ist, bestreiten nicht einmal außerbiblische Quellen. Raschke freilich vertrat seine Meinung, Jesus sei eine „Kopfgeburt der Ideenwelt der Gnosis", mit Verve. Er lehrte: Jesus, wie wir ihn aus den Evangelien kennen, ist eine Erfindung der ersten Gemeinden. Eine radikale Einstellung, aber radikal - das wollte Hermann Raschke auf eine positive Weise sein. „Revolution um Gott" lautete der Titel eines Buches von ihm aus dem Jahr 1933. Er wollte darin neu nach den Wurzeln des Christentums fragen. Man horcht auf, wenn es in einem von ihm formulierten Glaubensbekenntnis heißt: „Wir glauben, dass der Mensch der Sohn Gottes ist, der Arbeiter an Gottes heiligem Werke, der Diener und Helfer zur Erlösung." Unzählige Konfirmanden haben dieses Bekenntnis auswendig gelernt. Kein Quietismus lässt sich damit begründen, sondern nur ein tatkräftiger, auf Praxis zielender Glaube. Stärker denn als Theologe hat Raschke in Bremerhaven als Seelsorger und Kanzelprediger gewirkt. An der Seite des stilleren und eher schriftstellerisch wirkenden Kollegen Pastor Ernst-Walter Schmidt hatte es der weltoffene Mann aus Altona leicht, die Herzen zu gewinnen.

Bald nach der Machtergreifung im Jahre 1933 kam es zum Konflikt mit dem Nationalsozialismus. Hatte sich Hermann Raschke zunächst noch für den neuen und revolutionären „Stil" der NS-Politik begeistert, so wurde er mehr und mehr von der NS-Propaganda und der blutigen Verfolgung der Regime-Gegner abgeschreckt.

Im April 1933 wurde Pastor Raschke durch den gleichgeschalteten Kirchenausschuss der Bremischen Kirche kurzfristig beurlaubt. Er hatte eine Ergebenheitsadresse an die neuen Machthaber nicht unterzeichnet, was ein hohes Risiko bedeutete. Sein Bremerhavener Kollege Ernst-Walter Schmidt hatte unterschrieben, vermutlich um einer drohenden Suspendierung zu entgehen. In der Ergebenheitsadresse heißt es: „Dass wir dieses Bekenntnis (zu Adolf Hitler) heute frei und ungehindert ablegen dürfen, erfüllt uns mit Freude und Dank. Wir danken dies der Regierung der nationalen Erhebung. Ihre Tatkraft hat Vaterland und Kirche vor dem Bolschewismus befreit." 34 Bremer Pfarrer unterschrieben dieses Wort, auch die Bremerhavener Pastoren Schmidt (Große Kirche) und Minor (Kreuzkirche, damals auch Mitglied der Bremischen Ev. Kirche).

Die Nazis versuchten während der kurzen Zeit einer Suspendierung mit Pastor Hahn aus Elmlohe einen hitlertreuen Nachfolger anstelle von Raschke auf die Kanzel der Großen Kirche zu bringen. Sie scheiterten am Widerstand des Kollegen Schmidt, der dem Dorfpfarrer das Dimissiorale (Erlaubnisschein) für Amtshandlungen verbot. Ebenso wurde seitens der Vereinigten Protestantischen Gemeinde der Versuch vereitelt, anstelle von Anton Schumacher den einflussreichen NS-Stadtverordneten Brandau zum „Gemeindeführer" und Verwaltenden Bauherren zu ernennen. Pastor Raschke schrieb damals einen offenen Brief an die Presse, dass mit einer solchen Wahl die Gemeinde „peinlich belastet" würde. Schumacher blieb im Amt.

Hermann Raschke ist es im übrigen zu verdanken, dass die Vereinigte Protestantische Gemeinde heute noch zur Bremischen Evangelischen Kirche gehört. 1940 sollte sie zwangsweise in die evangelisch-lutherische Landeskirche von Hannover eingegliedert werden. Zusammen mit seinem Kollegen Ernst-Walter Schmidt wehrte sich Raschke dagegen.

Der „Gemeindeführer" Anton Schumacher konnte es gemeinsam mit den Pastoren ebenfalls vereiteln, dass 1941 die hitlertreuen „Deutschen Christen" ein Führerbild auf den Altar stellen konnten. Ihm gelang es, den braunen Christen das Versammlungsrecht in der Kirche zu verweigern. Er schrieb im Gemeindeblatt am 18. Mai 1941: „Auf behördliche Weisung hin hat der Kirchenvorstand der Gemeinde sich veranlasst gesehen, der Ortsgemeinde Wesermünde der Deutschen Christen den Gemeindesaal für ihre monatlichen Gottesdienste zur Verfügung zu stellen. Das bedeutet keine Bindung unserer Gemeinde an die Deutschen Christen." Deutlicher als Pastor Schmidt konnte man es in jener Zeit der Diktatur kaum sagen: Nationalsozialistischer Geist und christliches Gedankengut widersprechen sich im Grundsatz. So tagten die Deutschen Christen zwar im Gemeindesaal, darüber hinaus gab es an der Großen Kirche mit ihnen keinerlei Zusammenarbeit.

1944 im September erfolgte der große Angriff auf Bremerhaven - Hermann Raschke überlebte die Flammenhölle. Sein Vater starb in den Trümmern des Pfarrhauses. Seine teure, umfangreiche und geliebte Bibliothek wurde vernichtet. Der Turm der Großen Kirche wankte im Feuersturm, die Glocken läuteten wie über einem Totenfeld. Aber der Turm blieb wie durch ein Wunder stehen. Raschke stand zum zweiten Mal in seinem Leben an einem Nullpunkt, mit ihm die meisten der Gemeindeglieder. Bremerhaven-Mitte war zerstört.

 

Hermann Raschke war am Ende des Zweiten Weltkrieges 58 Jahre alt. Doch noch einmal wurde er tätig, sammelte mit seinem Kollegen Schmidt die Gemeinde, die nun in den Dörfern rund um Bremerhaven haust und in den wenigen unzerstörten Häusern wohnte. Raschke machte unzählige Haustrauungen, Haustaufen und Besuche. Er stürzte sich in die Arbeit des Aufbauwerkes. Als er 1957 am Sonntag Kantate seinen Ruhestand antrat, hatte die Gemeinde seit fünf Jahren wieder ein Gemeindehaus im Herzen der Stadt.

Im Oktober 1960 konnte er zu seiner großen Freude die Wiedereröffnung der Großen Kirche erleben. Raschke hielt die Einweihungspredigt, an der die Bremerhavener Bevölkerung großen Anteil nahm. 1964 hielt Raschke als Pensionär noch einmal eine viel beachtete Rede am Volkstrauertag im Stadttheater. Raschke wiederholte sein stets neu formuliertes flammendes Bekenntnis zum Frieden. Wenige Jahre nach der Wiederbewaffnung der BRD protestierte er im Namen Gottes gegen das politische Credo, dass es Kriege immer gegeben hat und immer geben wird.

 

Vielleicht liegt hier auch ein Vermächtnis des Teilnehmers des Ersten Weltkrieges
und des Mannes, der die Bomben 1944 auf seine Stadt niederkommen sah. Die Große Kirche muss in allen ihren Kräften etwas dafür tun, dass Versöhnung zwischen den Menschen wächst, dass trennende Gräben zugeschüttet und Brücken zwischen den Menschen gebaut werden. Hermann Raschke starb am 3. September 1970. Die Trauerrede hielt Pastor Heinz Nölle von der St. Remberti-Kirche in Bremen. Begraben ist Raschkes Urne auf dem Bremerhavener Friedhof in Wulsdorf. Wenn es heute auch manche Reserve gegenüber seiner Theologie geben mag: Raschkes Vermächtnis zu pflegen und an ihn zu erinnern bleibt für alle Zeit eine wichtige Aufgabe der Vereinigten Protestantischen Gemeinde.