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Das Christusmysterium
Persönliches Nachwort (von
Hermann Raschke) - S.360-364 - 1954
Hermann Rasche
Geboren Hamburg-Altona 1887
Universitäten Marburg und Berlin 1910-1914 Prüfungen in Hamburg
Pastor in Bremerhaven seit 1917
Arbeiten
Werkstatt des Markus-Evangelisten 1923
Römerbrief des Markion 1926
Orte und Wege Jesu, Pariser Vortrag 1927
Der innere Logos im antiken und deutschen Idealismus 1949
Metaphysizierung. Ein Wort zur These Rudolf Bullmanns 1953 Zeitschrift
für Religions- und Geistesgeschichte, V. Jahrg. Heft 2
Reisen
1925 Palästina, Untersuchung der Königsgräber
1927 Paris, Kongreß für Geschichte des Christentums zu Ehren Alfred
Loisys
In meiner
philosophischen Entwicklung ist seit 1908 das System Eduard von
Hartmanns entscheidend gewesen, vor allem seine realistische
Erkenntnistheorie und seine kritische Haltung gegenüber Kant. Freilich
bin ich zu einem tieferen Kant-Verständnis unter dem Einfluß Fichtes,
Hegels und Schellings, vor allem durch des letzteren Münchener
Vorlesungen erst um 1935 gekommen und glaube in meiner Schrift über den
Inneren Logos die offenbare Einseitigkeit Hartmanns in seinem
Kant-Verständnis überwunden zu haben.
Der Begriff des unbewußten Geistes als absolutes metaphysisches Prinzip
und als Synthese des absoluten Logos und des absoluten Willens (Hegel
und Schopenhauer) ist die Voraussetzung meiner lebenslangen Mühe um das
metaphysisch Letzte und Höchste geblieben, wie ich überhaupt eine
wesentlich dem Spekulativen zugeneigte Natur bin und meine eigentliche
Heimat im deutschen Idealismus von Kant bis Schelling und Hartmann
gefunden habe.
Meine theologisch wissenschaftliche Entwicklung stand seit 1910 unter
dem Einfluß der historisch-kritischen Schule, die über Adolf Harnack
hinaus den Einfluß der Religionen der Antike, besonders des Orients auf
die Entstehung des Christentums bis ins einzelne der Evangelien hinein
verfolgte. Hier fesselte mich besonders die Frage nach der Sprache, die
hinter den Evangelien steht, insbesondere die Forderung Julius
Wellhausens, Göttingen, daß das Aramäische als „Sprache Jesu" für die
Erklärung der Evangelien zu berücksichtigen sei. In diesen Studien über
den gegenseitigen Einfluß der griechischen Koine und des Semitischen und
besonders des Aramäischen traf mich die Frage „Hat Jesus gelebt?", die
mich um so mehr erregte, als sie von Arthur Drews aufgeworfen wurde, der
mir unter den damals lebenden Philosophen als Hartmannianer am nächsten
stand; seine „Religion als Selbstbewußtsein Gottes" hatte mich endgültig
für die religiöse Metaphysik Hegels und Hartmanns gewonnen und mich über
den liberalen Protestantismus hinausgeführt, der auf antimetaphysischen
Agnostizismus und unkontrollierbare Innerlichkeit und auf das Gefühl des
sog. christlichen Selbstverständnisses hinausläuft. Die
Jesus-Schwärmerei der menschlich so aufgeschlossenen Liberalen stieß
mich ab und drängte mich immer mehr in die tiefe religiöse [361]
Spekulation Hegels, Schellings und Hartmanns. Mein Hang zur Metaphysik
machte es mir selbstverständlich, daß Jesus Christus eine Gestalt ist,
die der metaphysischen Sphäre des Ewigen und nicht der physischen Sphäre
des diesseitig Historischen angehört. Über meinem ganzen Denken und
Forschen stehen die Worte Fichtes und Lessings: „Das Metaphysische,
nicht das Historische macht selig, das Historische macht nur verständig.
- Zufällige Geschichtswahrheiten können der Beweis von notwendigen
Vernunftwahrheiten (und ich füge hinzu: von methaphysischen
Heilswahrheiten) nie werden. Und das Christentum wäre überhaupt keine
Religion und hätte niemals den Sieg über die hohe antike Metaphysik
davongetragen, wenn es das wäre, als was Harnack und der historische
Positivismus es uns darstellte: Es war einmal ein Mann namens Jesus."`
So sehr mich aber in der Folgezeit die Diskussion über die
profangeschichtlichen Zeugnisse vom Leben Jesu (Tacitus, Sueton,
Josephus), die heute theologischerseits preisgegeben werden, damals an
die Seite von Arthur Drews drängte, so wenig befriedigte mich sein
eigener Versuch, Jesus als eine Gestalt aus dem Sonnenmythos zu
erklären. Ich hatte besonders bei meinem Lehrer Wilhelm Heilmüller in
Marburg gelernt, daß die Evangelienerklärung zunächst ein Problem der
Sprachen sei und daß wir uns in den engeren Kulturkreis von Syrien und
Ägypten und die Kultur des alexandrinischen Zeitalters hineinzuarbeiten
hätten. In dieser wissenschaftlichen Entwicklung befand ich mich etwa
1917, als ich nach dem galizischen Feldzug, verwundet und genesen, in
den bremischen Kirchendienst trat. Die folgenden Jahre verwandte ich auf
eine gründliche Einarbeitung in das biblische und außerbiblische
Hebräisch und Aramäisch, behielt aber dabei immer die Frage im Auge, wie
sich der Einfluß des den ganzen Orient beherrschenden Spätgriechischen
der Koine auf das nachbiblische Hebräisch, und wie sich überhaupt die
Schichtung und der Zusammenstoß der griechischen und orientalischen
Kultur geltend macht, besonders wie sich diese eigenartige
Kulturmischung auf mein Problem der Entstehung des Christentums
auswirkt; denn zwischen zwei Sprachen und zwischen zwei Kulturen ist das
Christentum entstanden.
In dieser Arbeit stieß ich auf die Fährte, die seitdem meine ganze
Forschung bestimmt hat: der Evangelienverfasser, er sei, wer er sei, ist
zweisprachig, und er macht sich bewußt diese Situation zunutze, indem er
dichterische Wortverflechtungen und Wortgleichungen der hebräischen
Innenseite hinter der griechischen Außenseite verbirgt, so daß im
griechischen Übertragungstext die hebräisch-aramäischen Beziehungen und
Kombinationen der Unterschicht nicht unmittelbar zu erkennen sind. Der
Evangelienverfasser ist Dichter; die Evangelien sind Dichtung; der
Verfasser verbirgt absichtlich, er macht bewußt Mysterium, indem er
Motive zweier Sprachen und Kulturen und Religionen ineinanderwebt. Wir
haben also die Evangelien bisher nur von der griechischen Außenseite
gelesen, wir müssen sie aber auch von der hebräischen Rückseite und
Innenseite her lesen, nach dem Worte Goethes, daß Gediächte gemalte
Fensterscheiben mit einer Innen- und Außenansicht sind.
Ich habe mich während des ganzen Jahrzehnts, von 1920-1930, lediglich
mit dieser Frage der Form und der Methode beschäftigt und Szene für
Szene auf ihre Doppelseitigkeit hin untersucht und aufgelöst. Erst
seitdem erweiterte sich mein Blickfeld; ich arbeitete mich in die
griechische Mythologie hinein und fand, daß man in das Geheimnis der
bisher undeutbaren griechischen Götternamen nur auf diesem Wege
eindringen kann; denn unter der uns bekannten griechischen Oberfläche
liegt als nächste eine semitische Kulturschicht, und von ihr aus lösen
sich viele bisher ungelöst gebliebene Probleme der griechischen Kultur;
m. a. W. unsere [362] Altphilologen müssen zugleich Semitisten werden,
wenn sie ihre Aufgabe lösen wollen.
Das für mich entscheidende Ergebnis dieser mythologischen Wanderung war
das gründliche Studium der Mythen von Dionysos und Herakles und die
Gewißheit, daß diese beiden Gestalten in ihrer späteren Ausbildung auf
die Formung der Jesus-Gestalt eingewirkt haben; schon Hölderlin,
Schelling und Nietzsche haben darauf hingewiesen. Von hier aus richtete
ich dann meinen Blick auf den philosophischen Hintergrund des Dionysos-
und Herakles-Mythos in Verbindung mit dem Jesus-Mythos der Evangelien,
zumal ich mich seit 1935 tiefer in die alte Philosophie und besonders
Plotin einlas. Ich erkannte, daß das Grundmotiv der ganzen antiken
Philosophie die Arbeit am Logos-Begriff ist und daß dieser eine ganz
klare Entwicklung durch alle Systeme von Heraklit bis Plotin
durchgemacht hat, aus dem Klassischen der Ausgangsstellung bis ins
Romantische des Neuplatonismus und der Gnosis. Und wenn die älteste
kirchliche Soteriologie auf der Gleichung Jesus-Logos beruht, so sah ich
nun, daß es beim späten Dionysos- und Herakles-Mythos nicht anders ist.
Ich kam zu der Ansicht, daß der Übergang von der Soteriologie der
ausgehenden Antike zur christlichen Soteriologie eine durchaus
organische Entwicklung ist im Sinne von Schelling: Jesus Christus ist
Gipfel und Ende der alten Götterwelt und ist der letzte Gott. In dieser
Ansicht wurde ich bestärkt dadurch, daß es eine Reihe gnostischer
Beweisstücke gibt, wonach der Name „Jesus" aus dem Hebräischen
übertragen an sich schon die beiden Inhalte der griechischen und
alexandrinischen Spekulation, nämlich „das Sein" und „das Heil" in eins
zusammenfaßt und daß aus diesem Grunde der Nimbus um das Haupt des
Ikonen-Christus der östlichen Kirche bis heute die Inschrift ho ôn, der
Ewig-Seiende, trägt. Damit war der Weg frei zu meiner These: Jesus
Christus ist die Gottheit der Gnosis. Schon während meiner Beschäftigung
mit der Frage nach dem ersten Zeugnis über das Markus-Evangelium und
dann, in welchem Kreise es zuerst auftaucht, war mir seine nahe
Beziehung zur markionitischen Gnosis aufgefallen. Es traf sich, daß in
jener Zeit die gewaltige Monographie über Markion von Harnack erschien
und mich zur genauen Durchprüfung meiner Vermutung nötigte, daß das
Markus-Evangelium ein gnostisches Evangelium aus der Partei der
Markioniten ist, und noch bei meiner letzten persönlichen Begegnung mit
dem durch sein Buch über die Gnosis bekannten Hans Leisegang in Bremen
im Oktober 1950 bestätigte er mir, daß meine diesbezüglichen
Ausführungen in meinem Markusbuche ihn sofort von der gnostischen
Herkunft des für die drei ersten Evangelien grundlegenden
Markus-Evangeliums überzeugt hätten. Da aber der gnostische Charakter
des Johannes-Evangeliums sowieso anerkannt ist, so ergab sich in
Verbindung mit diesem Resultat meiner Markusforschung, daß die
Evangelien überhaupt zur gnostischen Literatur gehören.
Philosophisch ergab sich für mich die Frage nach dem Verhältnis des
alexandrinischen Neuplatonismus aus der Linie Philon-Plotin zur Gnosis
als einer religiösen Philosophie und Soteriologie, und ich fand, daß die
durch die Evangelien hindurchleuchtende Heilslehre ein naher Verwandter,
um nicht zu sagen Bruder des Neuplatonismus ist. Andererseits ergab sich
für mich bei der nahen Verwandtschaft, die zwischen Plotin und Eduard
von Hartmann besteht, worauf besonders Arthur Drews in seinem Buche über
Plotin 1907 hinweist, die Frage, inwieweit Hartmann als
Religionsphilosoph in seiner philosophischen Heilslehre selbst schon
Gnostiker ist, und ich fand, daß die aus dem Neuplatonismus heraus
entwickelte christlich gnostische Heilslehre und die Heilslehre
Hartmanns grundsätzlich auf das gleiche hinauslaufen. Eduard von
Hartmann ist gnostischer Christ ohne es [363] zu wissen, wie sich auch
in einem Vortrage über das Wort Gottes vom Jahre 1933, zwei Jahre vor
seinem Tode, Arthur Drews im Sinne des Johannes-Evangeliums und des
johanneischen Logos zum Christentum bekannt hat.
Eduard von Hartmann ist Christ im Sinne der gnostischen Soteriologie,
wie das berühmte Wort am Schlusse seiner gewaltigen „Phänomenologie des
Sittlichen Bewußtseins" vom Jahre 1879 zeigt:
Das reale Dasein ist die Inkarnation der Gottheit, der Weltprozeß ist
die Passionsgeschichte des fleischgewordenen Gottes und zugleich der Weg
zur Erlösung des im Fleische Gekreuzigten.
Aber ihm fehlten noch die gelehrten Mittel, die wahre Sachlage zu
erkennen, wie andererseits den Theologen noch die philosophischen
Voraussetzungen zu der Erkenntnis fehlen. daß die philosophische
Erlösungslehre Schellings und Hartmanns mit der echten Christologie
gleich ist. In der vorliegenden Arbeit über das Christus-Mysterium
verfolge ich dieses Ziel: Versöhnung zwischen den tiefsten Tendenzen der
deutschen Spekulation und dem Christentum im Sinne der Johannes-Gnosis.
Es war vorauszusehen, daß das religiöse und vor allem das christliche
Bewußtsein nicht bei der sogenannten liberalen Ansicht über den Ursprung
des Christentums aus der „Predigt eines Mannes namens Jesus“
stehenbleiben konnte. Religion ist Befriedigung des metaphysischen
Bedürfnisses, das aus dem Ewigen und Unbedingten im Geiste des Menschen
entspringt. Das Unbedingte des Geistes, das als Denken nach Wahrheit und
als Wollen nach Freiheit strebt, ist das Element des Glaubens, und darum
kann das echte Christentum niemals Feind der metaphysischen Spekulation
sein, wenn es sich selbst richtig versteht. Schon Albert Schweitzer
richtete „die Predigt Jesu“ von dem leeren Begriff der Liebe (zu Gott
und dem Nächsten) wenigstens auf den Glauben an das Gericht des nahen
Weltendes aus und gab durch seine konsequente Eschatologie dem
Christentum wenigstens einen Anhauch von Metaphysik zurück. Unter dieser
Blickrichtung auf das Letzte und unter dem Druck der Katastrophe des
ersten Weltkrieges bereitete sich dann um 1920 die Wendung vom
Kulturoptimismus der Vorkriegszeit zum Kulturpessimismus der
Nachkriegszeit vor. Dieser Umschwung trat unter Anlehnung an Luther,
Pascal und Kierkegaard, als ob es niemals einen Schopenhauer gegeben
habe, in einer Art von theologischem Romantizismus in Barth, Brunner und
Bultmann hervor, um in der Verzweiflungstheologie des Nichtwissenkönnens
und des blinden Glaubens und in einer völligen geistigen
Unzugänglichkeit dessen, was man ohne denkende Kontrolle durch Anleihe
an ein längst überholtes theologisches System blindwillkürlich „Gott"
nennt, zu enden. Hiernach ist dann das Christusgeschehen der urzufällige
Einbruch des Jenseits in das Diesseits und jeder wissenschaftlichen
Kritik unerreichbar.
Diese kurzhandige, um nicht zu sagen brutale Re-metaphysizierung als
Gegenschlag gegen die liberale Ent-metaphysizierung geschah also auf
Kosten der Wissenschaftlichkeit und stützte sich auf den
unkontrollierbaren Begriff „Kirche". „Kirche" aber umschließt das
christliche Bewußtsein rückwärts bis in seine frühesten Anfänge und
zwingt zu einem kritisch wissenschaftlichen Rückgang auf die Gleichung
Logos-Christus als Ausgangsstellung. Dieser augenblicklich voll in Gang
befindliche christliche Wiederholungskursus muß notwendig beim
Logosbegriff des Anfangs unserer Religion wieder ankommen, wie es
besonders bei Brunner deutlich wird.
Ebenso ist die Forderung Bultmanns, das Christentum zu
ent-mythologisieren und es aus der Sprache des Mythos in die Sprache der
Wissenschaft umzusetzen, [364] nichts anderes als die Reduktion des
Christentums auf seinen wahren Inhalt, und das ist der Logos als Heiland
der alexandrinischen Spekulation.
In diese theologische Situation und Diskussion zwischen Barth, Brunner,
Bultmann und Thielicke tritt meine These von der radikalen
Metaphysizierung des Christentums ein.
Wenn wir wissenschaftlich schrittweise die Richtung der neuesten
kirchlich theologischen Entwicklung einhalten, so kommen wir notwendig
bei der LogosGnosis als dem echten Ursprung des Christentums an, und dem
Nachweis, daß eine Wiederherstellung des Christentums nur durch eine
Rückkehr zur Erlösungsgnosis oder zur Soteriologie unter Abstreifung der
mythischen Hülle möglich ist - daher die Berechtigung der Forderung nach
Ent-mythologisierung -, diesem aus der theologisch
wissenschaftsgeschichtlichen Situation notwendigen Nachweis dient diese
Arbeit über das Christus-Mysterium oder über die Wiedergeburt des
Christentums aus dem Geiste der Gnosis.
Gott will
Mensch werden, damit der Mensch Gott werde und mit immer reineren und
freieren Kräften im Dienste der Erlösung dieser Welt stehe. Im Menschen
nur kann Gott zum Heil gelangen. Christus am Kreuz ist das höchste
Symbol. Der Mensch selbst ist der gekreuzigte Gott. Der Heiland am
Kreuze ist das ähnlichste Bild deiner selbst. Und der wahre Gnostiker
liest über dem Gekreuzigten das tiefe Wort
Das bist Du selbst
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