Stellungnahme zum
gegenwärtigen Konflikt
um die Karikaturen,
die den Propheten Muhammad abbilden
von Prof. Dr. Muhammad Kalisch
In den letzten Tagen ist mein Sekretariat mit Anfragen
überhäuft worden,
eine Stellungnahme zu den Ereignissen bezüglich der von der
dänischen Zeitung Jyllands-
Posten veröffentlichten Karikaturen abzugeben. Mein
Sekretariat bekommt stets Anfragen
zu Stellungnahmen, wann immer in der Welt irgendetwas
passiert, was den Islam
und die Muslime stärker in den Mittelpunkt des öffentlichen
Interesses rückt. In
der Regel antworte ich darauf nicht, weil ich einfach keine
Zeit dazu habe. Speziell in
diesem Fall habe ich aber auch deswegen nicht geantwortet,
weil es mir kaum sinnvoll
schien, in der meist sehr knappen Zeit, die einem von den
Medien zur Verfügung gestellt
wird, etwas wirklich Sachdienliches zu antworten.
Angesichts der Ausmaße, die diese Angelegenheit nun
angenommen hat, möchte ich
die Gelegenheit nutzen, zu diesem Problem und einigen
weiteren Fragen, die mehr
oder weniger auch damit zusammen hängen, eine etwas
ausführlichere öffentliche
Stellungnahme abzugeben, die meinen Standpunkt verdeutlichen
soll. Ich hoffe, damit
eine Reihe von Fragen zu beantworten, die mir gestellt
werden und in der Vergangenheit
gestellt worden sind. Ich spreche hier nur für mich selbst
als ein muslimischer
Theologe. Ich kann und will nicht den Anspruch erheben, „die
Muslime“ zu vertreten.
Es gibt mittlerweile in Deutschland Verbände, deren
Verlautbarungen für sich beanspruchen
können, größere Gruppen von Muslimen zu repräsentieren. Ich
kann nur
immer wieder darauf verweisen, dass wer ein Interesse daran
hat, sich mit den Muslimen
in der Bundesrepublik auseinanderzusetzen, sich auch mit
diesen Verbänden in
Verbindung setzen sollte. Diese repräsentieren zwar bei
weitem nicht alle Muslime,
aber doch eine nicht unbeträchtliche Anzahl.
Gegenwärtig wird die islamische Welt in Aufruhr versetzt
durch den Abdruck von Karikaturen
in einer dänischen Zeitung. Diese Karikaturen sind später
von Zeitungen in
anderen Ländern nachgedruckt worden. Ein Sturm der
Entrüstung geht durch die islamische
Welt und dieser Sturm der Entrüstung scheint von
verschiedenen politischen
Führungen gezielt angeheizt. Es ist auch zu gewaltsamen
Protesten mit Angriffen auf
Botschaften westlicher Länder gekommen. Soweit ich die
Berichterstattung in den
deutschen Medien verfolgen konnte, gab es zum Teil recht
differenzierte Darstellungen,
die deutlich machten, dass es auch friedliche Proteste gab,
dass die gewalttätigen
Proteste zumindest teilweise gesteuert waren und dass die
Mehrheit der Muslime, gerade
auch in Europa, aber nicht nur dort, zwar verärgert ist,
aber gar keine Protestaktionen
unternimmt.
Die Darstellung des Propheten Muhammad wird im Islam
meistens unterlassen und
selbst dort, wo man ihn unbedingt darstellen wollte, tat man
dies in der Regel ohne das
Gesicht zu porträtieren. Der Islam hat eine generelle
Abneigung gegen Personendarstellungen
ausgebildet, die damit zusammenhängt, dass die
Bilddarstellung als Götzendienst
oder mindestens Einfallstor für den Götzendienst betrachtet
wird. An Stelle
der bildlichen Darstellung von Menschen trat im Islam als
Kunstform die Kalligraphie.
Koranverse, aber auch die kalligraphische Darstellung der
Namen des Propheten, seiner
Familie oder seiner Gefährten schmücken die Moscheen. Die
Darstellung des Propheten
wird also grundsätzlich abgelehnt, selbst zum Zwecke der
positiven Darstellung.
Die Beleidigung und Schmähung des Propheten aber wurde von
den muslimischen
Juristen als ein Straftatbestand betrachtet, der mit dem
Tode bestraft werden
muss, wobei dieser Straftatbestand auch auf Nichtmuslime,
die auf islamischem Territorium
lebten, angewendet wurde.
Für all diese Dinge gibt es keine direkte Grundlage im
Koran. Allenfalls die Überlieferung
vom Propheten bietet hier Grundlagen, auf die man sich
stützen kann. Die Authentizität
dieser Überlieferung aber war und ist umstritten, auch unter
Muslimen,
wenngleich im Laufe der historischen Entwicklung sich bei
den Muslimen eher diejenigen
durchgesetzt haben, die der Überlieferung recht großes
Vertrauen zu schenken
geneigt sind.
Unabhängig von diesen Fragen des islamischen Rechts aber
gilt, dass der Prophet Muhammad
in der islamischen Welt als das ideale menschliche Vorbild
betrachtet und zu
ihm eine tiefe Liebe und Verbundenheit empfunden wird. Wer
diesen wichtigen
Aspekt muslimischer Frömmigkeit verstehen will, dem sei
Annemarie Schimmels hervorragendes
Werk „Und Muhammad ist Sein Prophet - Die Verehrung des
Propheten
in der islamischen Frömmigkeit“ empfohlen. Die Beleidigung
des Propheten war und
ist für viele Muslime eine hochemotionale Angelegenheit.
Hierdurch kann in einer
freiheitlichen Gesellschaft ein Problem entstehen, das von
muslimischer Seite theologisch
aufgearbeitet werden muss. Es geht um das Spannungsfeld von
Meinungsfreiheit
und Ehrenschutz.
Es ist im Zusammenhang mit dem jetzigen Karikaturenstreit
wie auch vielen anderen
Konfliktfeldern zwischen dem Islam und den westlichen
Gesellschaften sowohl von
muslimischer wie von nichtmuslimischer Seite einiges an
Selbstkritik und Lernprozess
zu leisten. Das Problem liegt darin, dass es auf beiden
Seiten Personen gibt, die nur
einseitig ihre Position und Perspektive betrachten. Sie
sehen nur die Fehler der anderen
Seite, nicht aber die eigenen Fehler. Diese Denkweise muss
zum Konflikt führen
und ich habe leider den Eindruck, dass es auf beiden Seiten
Kräfte gibt, die diesen
Konflikt auch wollen.
Spätestens seit der Rushdie-Affäre weiß man in Europa, wie
gekränkt Muslime auf
etwas reagieren, dass sie als Beleidigung des Propheten
empfinden. Die Zeitung Jyllands-
Posten hat dies gewusst. Aus der nicht gerade rühmlichen
Vergangenheit dieses
Blattes und seiner Rolle in der dänischen Gegenwartspolitik
ist zu schließen, dass diese
Zeitung genau das beabsichtigt hat, was nun passiert ist.
Man wusste, dass viele
Muslime so reagieren würden, wie sie nun reagieren und genau
das war sicher auch
beabsichtigt. Nun kann man sie vorführen als fanatische
Irrationalisten, die eine Gefahr
für die Meinungsfreiheit der westlichen Welt darstellen.
Indem man dies tut, nämlich
eine in der Tat irrationale und rein emotionale Ebene bei
den Muslimen reizt, um
diese zu irrationalen Handlungen zu verleiten, beabsichtigt
man, bei den Nichtmuslimen
genau diese Ebene ebenfalls zu aktivieren, die man den
Muslimen - in diesem
Fall völlig zu Recht ! - vorwirft, nämlich eine irrationale
und rein emotionale Ebene,
die sich nun bei Nichtmuslimen als Islamophobie, die keine
kritischen Fragen oder
Differenzierungen mehr kennt, äußert. Es geht um Hetze und
die Ausschaltung von
differenziertem Denken. Bei der bisherigen politischen Linie
von Jyllands-Posten habe
ich keine Bedenken, genau diese Strategie zu unterstellen.
Es haben insgesamt nur wenige Muslime gewaltbereit und
fanatisch reagiert und es
scheint vor allen Dingen so zu sein, dass so manche
Regierung im Nahen Osten versucht,
durch Anheizung des Themas von innenpolitischen
Schwierigkeiten abzulenken.
Dennoch wird seit Tagen immer wieder vom „Kampf der
Kulturen“ gesprochen
und es wird davon geredet, wie zurückgeblieben der Islam
doch sei, der das hohe Gut
der Meinungsfreiheit nicht so zu schätzen wisse wie die
aufgeklärten Europäer. Gerade
die Konservativen singen dieses hohe Lied der Aufklärung. Es
sind dieselben Konservativen,
die es in ihrer Liebe zur Meinungsfreiheit und Toleranz
nicht ertragen können,
wenn Kindergärtnerinnen ein Kopftuch tragen, die das Zitat
„Soldaten sind Mörder“
(halte ich zwar so absolut formuliert nicht für richtig,
aber angesichts der Realität von
Kriegen für nachvollziehbar) unbedingt strafrechtlich
verfolgt wissen wollten, und die
seit Jahren versuchen, den mittelalterlichen
Gotteslästerungsparagraphen 166 StGB
noch zu verschärfen! Auch in der Bundesrepublik kann man
nämlich mittels des § 166
StGB als Karikaturist zum Straftäter werden, wenn man sich
z.B. das Christentum
oder die Kirche als Objekt vornimmt.
Somit nun zum eigentlichen Kern des Problems im
gegenwärtigen Streit. Wie soll eine
Gesellschaft mit der Verletzung religiöser Gefühle umgehen?
Wie soll das Spannungsverhältnis
von Meinungsfreiheit und religiösen Empfindungen gelöst
werden?
Ich muss gestehen, dass ich die emotionale Aufwallung vieler
Muslime nicht verstehen
kann. Ich finde die Karikaturen geschmacklos und sie sagen
viel aus, über das mangelnde
Niveau desjenigen, der sie gezeichnet und veröffentlicht
hat. Aber warum sollte
es mich treffen? Ich weiß, dass viele Menschen den Islam und
die Muslime nicht mögen.
Der Prophet Muhammad wird vielfach verunglimpft und selbst
die Wörter „Mörder“
und „Kinderschänder“ werden immer wieder gerne im
Zusammenhang mit ihm
genannt. Was macht es für einen Unterschied, ob diese Leute
ihren Hass für sich behalten,
ihn aussprechen oder in Form von Karikaturen verbreiten? Ich
weiß, dass der
Prophet nicht so gewesen ist und ich weiß, dass der Islam
anders ist, als viele Gegner
des Islam (für manche von ihnen ist das Wort „Hassprediger“
durchaus angebracht)
ihn darstellen, wenngleich ich mir der Tatsache bewusst bin,
dass es natürlich auch
Muslime gibt, die durchaus dem Bild entsprechen, das viele
sich im Westen von den
Muslimen machen. Der Islam ist eine Weltreligion mit
unterschiedlichen theologischen
und regionalen Ausprägungen wie alle anderen Religionen auch
und wie in allen
anderen Religionen gibt es auch im Islam gewaltbereite
intolerante Fanatiker.
Diese Fehlvorstellungen vom Islam zu korrigieren, ist kaum
möglich, wenn wir Muslime
genau den Vorstellungen entsprechend reagieren, die sich
andere über uns machen.
Diejenigen, die den Islam verunglimpfen, weil sie es nicht
besser wissen, wird
man nur dadurch vom Gegenteil überzeugen, dass man einen
anderen Islam vorlebt als
den der radikalen und gewaltbereiten Fanatiker. Diejenigen,
die falsche Vorstellungen
über den Islam verbreiten und dies wissentlich und
willentlich, also vorsätzlich, tun,
wird man von ihrem Hass ohnehin nicht abbringen können.
Manche Muslime leben in der irrigen Vorstellung, dass solche
Aktionen, wie sie derzeitig
vorkommen, den Respekt vor dem Islam erhöhen würden. Das ist
natürlich
falsch und eine Verwechselung von Angst und Respekt. Die
Nichtmuslime bekommen
keinen Respekt vor uns, sondern Angst. Sie halten uns
einfach für gemeingefährliche
Irre und das kann man ihnen angesichts der Reaktionen
mancher Muslime nicht einmal
übel nehmen. Der Koran hingegen ermahnt uns, sich nicht auf
das schlechte Niveau
anderer herabzulassen:
„Die gute Tat und die
schlechte Tat sind nicht gleich. Wehre mit einer
besseren Tat ab,dann wird der, zwischen dem und dir
Feindschaft herrscht, wie ein enger Freund“ (Sure 41,
Vers 34)
Meines Erachtens zeigt uns alle historische Erfahrung, dass
ein besonderer strafrechtlicher
Schutz von Religion stets missbraucht wurde und im Übrigen
mit der Freiheit
der Meinungsäußerung und der Freiheit der Wissenschaft nicht
zu vereinbaren ist. Ich
bin daher auch für eine ersatzlose Streichung des § 166
StGB, der ein Relikt aus dem
Mittelalter darstellt und einer Gesellschaft, die sich
rühmt, den Prozess der Aufklärung
durchgemacht zu haben, unwürdig ist. Wir Muslime sollten
nicht versuchen, diesen
Paragraphen nun auch für unsere religiösen Belange zu
nutzen, obwohl sein Tatbestand
hier erfüllt wäre, sondern wir sollten uns im Interesse der
Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit
für seine Streichung engagieren.
Ein strafrechtlicher Schutz von Religion und religiösen
Gefühlen ist schon deswegen
unsinnig und abzulehnen, weil sich der Tatbestand niemals
genau definieren lässt und
dadurch automatisch immer in die Nähe von Willkür gelangt.
Willkür aber ist für einen
rechtsstaatlichen Juristen das schärfste Unwerturteil
überhaupt. Diese Undefinierbarkeit
des Tatbestandes ist die Folge der Tatsache, dass jeder
Mensch eine unterschiedliche
Wahrnehmung davon hat, wann er sich in seinen religiösen
Gefühlen beleidigt
fühlt. Bei religiösen und philosophischen Auffassungen kommt
nun noch das
Problem hinzu, dass das, was für den einen blanker Unsinn
ist, für den anderen eine
unumstößliche Wahrheit darstellen kann.
Darf die Evolutionstheorie nicht mehr gelehrt werden, weil
sich Kreationisten dadurch
beleidigt fühlen? Dürfen der Papst oder Ayatollah Khamenei
nicht mehr kritisiert werden,
weil ihnen blind ergebene Anhänger darin eine Beleidigung
ihrer religiösen Gefühle
sehen? Schon diese Beispiele zeigen, wie absurd der Schutz
des religiösen Bekenntnisses
durch das Strafrecht ist. Wo ist die Grenze und wer sollte
sie ziehen? Sollen
wirklich Rabbiner, Priester und Mullahs über die Grenzen der
Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit
entscheiden dürfen? – Gott bewahre! Der § 166 StGB wird
derzeit
eng ausgelegt und vor allem die wissenschaftliche Kritik in
sachlicher Form wird ausgenommen.
Das alles aber ist lediglich Auslegung eines
„Gummiparagraphen“, die
auch anders ausfallen könnte und auch darüber, was
wissenschaftliche Kritik in sachlicher
Form ist, kann man sich streiten.
Wer den Papst für einen Verbrecher oder Muhammad für einen
Mörder hält, der muss
dies auch sagen dürfen. Wer eine Gesellschaft will, die
Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit
anerkennt, der muss damit leben, dass es Menschen gibt, die
seine weltanschaulichen
Auffassungen nicht teilen und Dinge für Unsinn halten, die
er selbst als
Wahrheiten betrachtet. Wer dabei aufrichtig ist, der wird
versuchen, die Gefühle anderer
Menschen so wenig wie möglich zu verletzen. Ganz vermeiden
wird man es kaum
können, wenn man Dinge für falsch oder unsinnig hält, die
anderen Menschen heilig
sind. Man kann allerdings bei aller Kritik an inhaltlichen
Fragen versuchen, dem Gegenüber
zu verstehen zu geben, dass man ihn trotz dieser Kritik als
Menschen in seiner
Würde Ernst nimmt und sich bemühen, einen Weg für Kritik zu
wählen, der möglichst
wenig verletzt.
Wenn man weiß, dass Muslime eine bildliche Darstellung des
Propheten als besonders
verletzend empfinden, dann sollte jemand, der Kritik am
Islam hat und sich in einem
ehrlichen Dialog mit Muslimen über seine Kritik
auseinandersetzen möchte sich fragen,
ob er seine inhaltliche Kritik in gleicher Schärfe
vielleicht nicht mit einem Mittel
ausdrücken könnte, das sein Anliegen genauso klar zum
Ausdruck bringt aber die Gegenseite
weniger verletzt. Dies ist eine Frage des Anstands und des
Stils.
Trotzdem bleibt festzuhalten, dass dabei auftretende
Konflikte nicht mit dem Strafrecht
gelöst werden können und dürfen. Im Spannungsfeld von
Meinungsfreiheit und
Wissenschaftsfreiheit einerseits und Religion andererseits
muss es eine absolute Freiheit
der Meinung und der Wissenschaft geben, auch wenn dies
religiöse Gefühle verletzen
mag. Jeder Versuch, hier zu begrenzen, ist mit dem Wesen der
eben genannten
Grundfreiheiten nicht zu vereinbaren und alle historische
Erfahrung zeigt, dass dabei
nichts Gutes herauskommen kann.
Dennoch gibt es Grenzen. Diese Grenzen betreffen aber nicht
das religiöse Bekenntnis
von Personen, sondern ihre Personenwürde. Wenn die Anhänger
irgendeines religiösen
Bekenntnisses, seien es Juden, Christen, Muslime, Hindus,
Bahais oder wer auch
immer, in Karikaturen oder anderen Meinungsäußerungen so
dargestellt werden, dass
sie als eine bloße Masse erscheinen, der unterschiedslos
ohne jegliche individuelle
Differenzierung unbestritten als negativ begriffene
Eigenschaften wie Lüge, Falschheit,
Betrügerei oder gar Mordlust zugeschrieben werden, dann ist
ohne Zweifel die
Würde des Menschen verletzt und es liegt eine hetzende
Darstellung vor. Ein Muslim
oder Christ muss es hinnehmen, wenn seine Religion als
mordlüstern, hinterwäldlerisch
oder antidemokratisch bezeichnet wird, auch wenn dies Unsinn
ist. Anderenfalls
müssten Gerichte über das Wesen des Islam oder des
Christentums entscheiden und
könnte freie wissenschaftliche Forschung jederzeit unter
Zensur gesetzt werden mit
dem Argument, es werde eine Religion falsch dargestellt.
Umgekehrt aber darf es nicht
sein, dass ein Mensch, nur weil er einer bestimmten Religion
zugehörig ist, automatisch
unter Generalverdacht gestellt und mit den Attributen von
Kriminellen versehen
wird. Hier ist in der Tat ein energisches Vorgehen des
Staates zu verlangen! Die Diskussion
über den Islam oder irgendeine andere Religion kann nur als
freie und tabulose
Diskussion geführt werden, in der einzig die Argumente für
die jeweils angeführten
Behauptungen zählen. In einer solchen Diskussion werden
völlig substanzlose Behauptungen
schnell entlarvt. Die Freiheit der Meinung und der
Wissenschaft wird hier
dafür sorgen, dass Hetzer und Demagogen nicht die Oberhand
gewinnen. Es wird viel
Unsinn über den Islam geschrieben und es gibt sehr
einseitige Darstellungen. Dem
stehen aber auch sehr differenzierte und verteidigende
Darstellungen gegenüber. Ich
bin der festen Überzeugung, dass in einer Gesellschaft, die
konsequent die Freiheit der
Meinung und der Wissenschaft garantiert, sich auf Dauer
immer ein differenziertes
Bild einer Religion in der öffentlichen Diskussion ergibt
und Darstellungen, die völlig
einseitig und bewusst verzerrend sind, immer auf starke
Kritik stoßen werden. Es gibt
ohne Zweifel Darstellungen des Islam, deren Autoren bewusst
Fakten einseitig auswählen
und die Dinge verzerren mit dem Ziel, zu hetzen. Daneben
gibt es aber auch
Darstellungen des Islam, die eine Darstellung und Wertung
von Fakten beinhaltet, die
von einem Muslim nicht geteilt werden, ohne dass der Autor
damit Hetze oder bewusste
Verzerrung beabsichtigt. Weil sich aber diese beiden Fälle
niemals gerichtlich
sicher unterscheiden lassen könnten, muss zur Wahrung der
Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit
in Kauf genommen werden, dass diese auch missbraucht werden
kann.
Die Anhänger einer jeden Religion müssen nun einmal bereit
sein, sich auch harte Kritik
an ihrer eigenen Religion anhören zu müssen.
Das einzelne Individuum oder eine Gruppe aber müssen auch
strafrechtlich in ihrer
Würde geschützt werden und dürfen nicht als Kriminelle oder
Lügner dargestellt werden,
nur weil sie einer bestimmten Religion angehören. Man mag
den Islam als eine
Religion des Terrors und der Gewalt bezeichnen, was er nicht
ist. Eine solche substanzlose
Behauptung muss dennoch aus den bereits ausgeführten Gründen
im Rahmen
der Meinungsfreiheit hingenommen werden. Einem konkreten
Menschen oder
einer Gruppe von Menschen aber ist grundsätzlich
gesetzeskonformes Verhalten zu
unterstellen und ein Gesetzesverstoß muss im Rahmen eines
rechtsstaatlichen Verfahrens
nachgewiesen werden. Dies ist eine Grundlage von Demokratie,
Rechtsstaat,
Menschenrechten und Pluralismus. Wer wirklich glaubt, dass
alle Muslime, alle Juden
oder alle Atheisten Verbrecher seien, der kann in dieser
Auffassung nicht mehr von
der Meinungsfreiheit geschützt werden, weil er die
Grundlage, auf der die Meinungsfreiheit
selbst beruht, nicht akzeptiert, nämlich die Würde des
Menschen und die Vorstellung,
dass Schuld immer individuell und nie kollektiv sein kann,
mithin es also unsinnig
ist, bestimmten Gruppen pauschal unmoralisches und
ungesetzliches Verhalten
zu unterstellen. Das Menschenbild, auf dem Meinungsfreiheit
und Demokratie beruhen,
unterstellt zunächst einmal keinem einzelnen Menschen und
keiner Menschengruppe
pauschal böse Absichten oder gar böse Taten und betrachtet
die Vorstellung,
dass Angehörige einer bestimmten Volksgruppe oder Religion
grundsätzlich böse seien
als irrational.
Hier liegt meines Erachtens das wirkliche Problem. Es geht
nicht mehr nur um Kritik
am Islam. Diese ist, wie dargestellt, selbstverständlich
legitim. Das Problem liegt darin,
dass wir Muslime vielfach nur noch als eine einheitliche
Masse gesehen werden,
die ausnahmslos und undifferenziert mit negativen Attributen
belegt wird. Der Islam
und wir Muslime werden zu einem Feindbild aufgebaut mit
Mitteln teilweise übelster
Hetze. Es wird nicht mehr differenziert. Eine kleine Gruppe
gewalttätiger Terroristen
wird mit einer ganzen Religionsgemeinschaft identifiziert.
Wir sollen uns ständig von
Terror und Gewalt distanzieren, was unterstellt, es sei
grundsätzlich zu vermuten, wir
würden dies gutheißen. Gegen Muslime wird – leider auch mit
Billigung durch Politi7
ker dieses Landes, wie der „Muslimtest“ in Baden-Württemberg
zeigt – ein Generalverdacht
aufgebaut. Es herrscht eine aus meiner Sicht absurde
Diskussion über das
Kopftuch, die in der Praxis dazu führt, dass gerade
emanzipierte Muslimas vom Berufsleben
ausgeschlossen werden. Die konservativen Parteien machen
durch ihre Politik
unmissverständlich deutlich, dass sie eine
Ungleichbehandlung der Religionen befürworten,
die meines Erachtens verfassungsrechtlich keinen Bestand
haben kann. Dabei
ist in letzter Zeit viel von jüdisch-christlichen Grundlagen
des Abendlandes die
Rede. Interessanterweise verstehen sich Muslime und Juden
recht gut, wenn man mal
vom Palästinakonflikt absieht, der aber ein politischer
Konflikt ist. Es ist daher nicht
nachvollziehbar, warum die Christen mit den Juden angeblich
so gut klarkommen und
mit uns Muslimen nicht, obwohl sich Juden und Muslime
theologisch näher stehen als
Juden und Christen, was bei jedem religiösen Trialog immer
wieder deutlich wird.
Es bleibt aber nicht nur beim Verdacht. Faktisch haben
Muslime in der Bundesrepublik
anscheinend nicht mehr vollen Grundrechtsschutz. Wer als
deutscher Staatsbürger
in einem syrischen Folterkeller aufwacht, der bekommt, wenn
er Muslim ist, keinen
Besuch von deutschen Diplomaten, die sich für seine
Freilassung einsetzen, sondern
von deutschen Kriminalbeamten, die ihren syrischen Kollegen
bei der Arbeit behilflich
sind. Haydar Zammar ist vielleicht ein Verbrecher und gehört
dann dementsprechend
bestraft. Aber auch für ihn gelten die Unschuldsvermutung
und die sonstigen Grundrechte.
Das macht eben einen Rechtsstaat aus, der unter keinen
Umständen Unrechtsstaaten
bei menschenrechtswidrigen Handlungen Unterstützung leisten
darf. Der Staat
ist an das Recht gebunden. Der Bundesinnenminister Schäuble
hat in letzter Zeit einige
besorgniserregende Äußerungen über sein Verhältnis zur
Folter gemacht. Überhaupt
wird immer wieder versucht, das Folterverbot zur Diskussion
zu stellen. Selbst
führende Grundgesetzkommentare leiten hier eine Wende ein,
die noch vor wenigen
Jahren undenkbar schien. Das Konzept des Feindstrafrechts
taucht auf. So abstrakt die
Diskussionen auch geführt werden, jeder weiß, dass alle
diese Überlegungen in erster
Linie gegen Muslime gerichtet sind. Deutschland ist dabei,
in die amerikanischen Fußstapfen
zu treten und das bedeutet, dass genau die politischen
Ideale verraten und
preisgegeben werden, für die angeblich gekämpft wird. Dann
bleiben aber als Kern des
westlichen Kampfes gegen den Terror eben doch nur die
Sicherung der Rohstoffversorgung
und die Wahrung des Wohlstandes der westlichen Welt.
Wenn man all die Äußerungen und Handlungen von Politikern
zur Kenntnis nimmt,
die uns Muslime stets zur Grundgesetztreue auffordern, dann
wünscht man sich, dass
diese Politiker es mit dem Grundgesetz genauso ernst meinen,
wie sie es von uns immer
fordern.
Ich bin ein Befürworter von religiösem Engagement in Politik
und Gesellschaft, denn
Religionen haben der Gesellschaft etwas Positives zu geben
und sie sind in gesellschaftlichen
und politischen Fragen eben nicht neutral. Die historische
Erfahrung lehrt,
dass Religion positive wie negative Einflüsse auf
Gesellschaften ausüben kann. Die
Gefahr von Machtmissbrauch und Verfolgung Andersdenkender
durch Religionsgemeinschaften
hat sich in der Vergangenheit wie in der Gegenwart immer
realisiert.
Diese Gefahr lässt sich nur dann bannen, wenn die
verschiedenen Religionen in den
einzelnen Gesellschaften an demokratische Regeln und
Menschenrechtsstandards ge8
bunden sind. Für den Islam bin ich als islamischer Theologe
der Auffassung, dass diese
demokratischen Regeln und Menschenrechtsstandards aus dem
Islam selbst abgeleitet
werden können, mithin ihre Einhaltung und damit die
Selbstbeschränkung der Religion
Teil der Religion selbst ist. Die gegenwärtige Ideologie
islamistischer Organisationen,
die einen islamischen Staat anstreben und darunter eine
islamische Gesinnungsdiktatur
verstehen, betreiben eine Interpretation der Quellen, die
sehr einseitig ist
und vor allem die Vernunft außer Acht lässt. Die Vernunft
aber war einmal im islamischen
Denken wesentlich höher im Kurs als dies heute leider der
Fall ist und darin
liegt die Krise des islamischen Denkens begründet.
Mein muslimischer Lehrer, bei dem ich islamisches Recht und
islamische Theologie
studiert habe, hat die ihm gestellte Frage, welche Grenzen
es im Islam für die Vernunft
gebe, ganz klar mit „Keine“ beantwortet. Ich teile seine
Auffassung, bin mir aber auch
bewusst, dass ich mit diesem extremen Rationalismus
innerhalb der islamischen Theologie
eine Minderheitenposition vertrete. Dennoch wird von allen
Muslimen grundsätzlich
die hohe Bedeutung der Vernunft anerkannt. Es gibt, soweit
mir bekannt, keine
heilige Schrift der Menschheit, in der so oft das Wort
„Vernunft“ bzw. „von der
Vernunft Gebrauch machen“ vorkommt wie im Koran.
Der heutige Islamismus identifiziert eine bestimmte
theologische und juristische Auffassung
mit dem Islam selbst. Dagegen ist solange nichts
einzuwenden, solange das
Rechte andere Auffassungen zu vertreten, nicht eingeschränkt
wird. Es hat nie einen
einheitlichen Islam gegeben, weder im Recht, noch in der
Theologie. Es gibt im Islam
keine Instanz, die für alle Muslime verbindlich ist. Der
Koran sagt „Es gibt keinen
Zwang im Glauben“ (Sure 2, Vers 256) und die Mehrheit der
muslimischen Theologen
lehrt, dass Glaube nur dann gültig ist, wenn er durch
persönliches Nachdenken verifiziert
worden ist und nicht einfach aus Tradition blind übernommen
wurde. Der aus
meiner Sicht genialste islamische Denker des letzten
Jahrhunderts, Muhammad Iqbal,
hat dies einmal in einem Gedicht so formuliert (Übersetzung
A. Schimmel):
Schlag mit der eignen Axt
die eignen Pfade,
Denn Strafe ist´s, zu gehen auf Andrer Wegen.
Schafft deine Hand dann seltne Meisterwerke-
Wär´ es selbst Sünde, würd´ es dir zum Segen
Die Meinungs- und Wissenschaftsfreiheit ist meines Erachtens
eine essentielle Forderung
des Islam selbst. Die islamische Geistesgeschichte hat mit
den Mutaziliten, mit
Avicenna, Averroes, Suhrawardi al-Maqtul oder den Mystikern
genügend eigenes Potential,
um mit den großen Herausforderungen, die an eine
zeitgenössische moderne
islamische Theologie gestellt werden, fertig zu werden. Was
die Jurisprudenz angeht,
so gibt es seit vielen Jahren eine erfreuliche Tendenz,
neuere Wege zu gehen, wenngleich
auch hier noch einiges zu tun ist. Was die Theologie angeht,
so gibt es auch in
diesem Bereich Herausforderungen, die eventuell für manchen
konservativen Muslim
schockierend sind, die aber dennoch mit Hilfe der
Weiterentwicklung von Denkmodellen
gelöst werden können, die schon vor vielen Jahrhunderten von
Philosophen und
Mystikern entwickelt wurden. Wenn die islamische Theologie
nicht in einer Liga mit
evangelikalen Erweckungspredigern spielen, sondern ernsthaft
wissenschaftliche
Theologie betreiben möchte, dann muss sie sich den
Herausforderungen stellen, die
die moderne wissenschaftliche Forschung zur
Religionsgeschichte aufwirft. Alttestamentler
und Archäologen wie Thomas Thompson, Philip Davies, Niels
Peter Lemche
oder Israel Finkelstein haben uns in den letzten Jahrzehnten
gezeigt, dass wir Abraham,
Moses und manche anderen biblischen und koranischen
Gestalten aus der Liste
der real existierenden historischen Personen streichen
können. Solche Erkenntnisse
fordern eine Weiterentwicklung der Hermeneutik des Koran,
eine neue Beschäftigung
mit dem Offenbarungsbegriff und neue Ansätze einer
islamischen Theologie der Religionen.
Hier kann man insbesondere auf Ansätzen der muslimischen
Philosophen und
Mystiker aufbauen.
Was die Geschichte des Islam angeht, muss ebenfalls kritisch
gedacht werden. Das
erste und zweite Jahrhundert der islamischen Zeitrechnung
haben uns nur wenige
Quellen hinterlassen. Die Rekonstruktion der Geschichte der
ersten beiden islamischen
Jahrhunderte erfolgt hauptsächlich durch Quellen aus dem
dritten und vierten Jahrhundert
der islamischen Zeitrechnung. Auch hier aber kann man auf
eigene, innerislamische
kritische Methoden im Umgang mit Überlieferung
zurückgreifen, die es weiterzuentwickeln
gilt.
Die islamische Welt steckt in einer tiefen Krise. Diese
Krise ist zum Teil selbst verschuldet
und kann nur überwunden werden, wenn in der islamischen Welt
im islamischen
Denken Veränderungen passieren. Wenn morgen die Vereinigten
Staaten sich
plötzlich völlig aus der Weltpolitik zurückziehen würden,
würde das Chaos in der islamischen
Welt nicht enden, denn die eigentlichen Ursachen der Krise
liegen eben
auch in der islamischen Welt selbst. Nur wenn die Muslime
dies erkennen und nicht
ständig die Verantwortung auf andere schieben, wird es ihnen
gelingen, aus der Krise
herauszukommen. Das islamische Denken braucht eine
Erneuerung.
Tatsache ist aber auch, dass die USA diese Krise der
islamischen Welt bis jetzt immer
dazu genutzt haben, ihre Interessen auf Kosten der Menschen
in der islamischen Welt
durchzusetzen. Jede den USA freundlich gesonnenen Diktatur
wurde und wird von den
USA unterstützt. Saddam Hussein wurde von den USA
unterstützt und niemand störte
sich an seinen Menschenrechtsverletzungen, bis er sich gegen
die USA wandte. Die
Taliban, jene fanatische Gruppe, die geradezu zum Symbol
einer islamistischen
Unrechtsherrschaft geworden ist, hat in Afghanistan nur
deshalb jemals die Macht übernehmen
können, weil die USA sie aufgebaut haben. Wenn die USA heute
über Saddam
Hussein oder die Taliban richten, dann richten sie über ihre
eigenen Kreaturen
und damit über sich selbst!
Die USA sind eine Weltmacht mit widersprüchlichen Tendenzen.
Nach innen betrachtet
sind die USA ein Rechtsstaat, der bis jetzt immer wieder
gezeigt hat, dass er über
erstaunliche Selbstreinigungskräfte gegenüber Kräften
verfügt, die dies ändern wollten.
Es gibt viele Muslime, die in den USA leben und selbst viele
Muslime, die gerne
über die USA schimpfen, geben oft zu erkennen, dass sie
eigentlich nicht ungern dort
leben würden. An amerikanischen Universitäten lehren einige
bedeutende muslimische
Theologen. Man kann als ein radikaler Kritiker
amerikanischer Politik, wie etwa Noam
Chomsky, in Amerika leben. Die amerikanische Gesellschaft
und das amerikani10
sche Rechtssystem verfügen über einige Aspekte, die man nur
als ausgesprochen positiv
bewerten kann.
Diese freiheitliche und rechtsstaatliche amerikanische
Gesellschaft baute aber auch
auf, auf der Vernichtung und Ausrottung ihrer Ureinwohner
und war lange Zeit eine
Sklavenhaltergesellschaft. Die Nachfahren der afrikanischen
Sklaven und der indianischen
Ureinwohner werden bis heute benachteiligt. In dieser
amerikanischen Gesellschaft
gibt es eine mächtige Gruppe christlicher Fundamentalisten,
die mittlerweile
auch mit an der Regierung sitzt und amerikanische Politik
beeinflusst. Dies sind Leute,
deren Obskurantismus sich von dem der Taliban nicht
unterscheidet, wie in den letzten
Monaten die Kreationismusdebatte noch einmal deutlich
gemacht hat. Leute wie Pat
Robertson, der öffentlich zur Ermordung eines ausländischen
Staatschefs aufgerufen
hat, dokumentieren, dass es sich dabei nicht um eine Gruppe
harmloser Frömmler
handelt, sondern um gewaltbereite Fundamentalisten, die den
Krieg als Mittel ihrer
Politik betrachten und auch innenpolitisch nehmen sie sich
das Recht zur religiösen
Selbstjustiz, wie die Ermordung von Ärzten durch
fundamentalistische Abtreibungsgegner
zeigt. Die christlichen Fundamentalisten in den USA haben
deutlich zu verstehen
gegeben, dass sie die amerikanische Verfassung in ihrer
jetzigen pluralistischen
Offenheit ablehnen und ändern würden, wenn sie dazu in der
Lage wären.
Die amerikanische Außenpolitik hat stets mit jeder Diktatur
zusammengearbeitet,
wenn dies den wirtschaftlichen Interessen der USA diente.
Sie nehmen sich das Recht
heraus, unter Bruch des Völkerrechts jeden Staat
anzugreifen, der ihnen missliebig ist
und sie entziehen sich einer internationalen Strafjustiz. Es
ist diese verlogene Doppelmoral,
die die Muslime in aller Welt aufregt und den
fundamentalistischen Verführern
neue Anhänger zutreibt. Weil die USA und ihre Verbündeten
Demokratie und Menschenrechte
oft als Vorwand zu eigennützigen Aktionen missbrauchen,
haben radikale
Islamisten leichtes Spiel, Demokratie und Menschenrechte als
westlichen Betrug zu
brandmarken. Wer Demokratie und Menschenrechte als mit dem
Islam vereinbar betrachtet,
wird als verwestlicht betrachtet.
Doch die Mehrheit der Iraker wie auch der Muslime in aller
Welt hat deutlich erklärt,
dass sie sich über die Befreiung von der Diktatur Saddam
Husseins freut und die
Chance zu einem demokratischen Neuanfang begrüßt. Die Iraker
und die Muslime in
aller Welt sehen aber auch, worum es den USA wirklich geht
und sie sehen, wie bereits
der nächste Krieg gegen den Iran vorbereitet werden soll.
Dass Ahmedinedschad
ein Wirrkopf ist und das iranische Regime erhebliche
Defizite an Menschenrechten
und Demokratie aufzuweisen hat (allerdings weniger als ein
so aufrichtiger Verbündeter
des Westens wie Saudi-Arabien), soll hier überhaupt nicht
bestritten werden. Vor
ihm regierte Khatami, dessen Öffnungskurs und
Annäherungsversuche von amerikanischer
Seite überhaupt nicht gewürdigt wurden, was zwangsläufig die
radikalen Kräfte
stärken musste, die seit jeher die Auffassung vertreten
haben, dass der Westen von der
islamischen Welt nur die totale Unterwerfung akzeptiert und
dass Öffnung daher sinnlos
ist. Man kann sich in der Tat des Eindrucks nicht erwehren,
dass dies tatsächlich so
ist und dass die USA geradezu glücklich darüber sind, nun
Ahmedinedschad an der
Regierung im Iran zu sehen, der ihnen die Vorwände liefert,
um militärisch eingreifen
zu können.
Mir scheint, dass es auf beiden Seiten massive Kräfte gibt,
die eine Konfrontation anstreben.
Es gibt radikal-islamistische Kräfte, die unbedingt gegen
den Westen kämpfen
und ihre Vorstellung eines islamischen Staates verwirklichen
wollen. Diese Kräfte
sind undemokratisch und antipluralistisch. Sie propagieren
eine islamische Gesinnungsdiktatur
ohne demokratische Legitimation und Meinungsfreiheit und
fordern
unentwegt Verständnis für ihre Positionen, ohne sich
Gedanken über die Sichtweise
der Anderen zu machen. Umgekehrt gibt es auf westlicher
Seite Kräfte, denen sehr
daran gelegen ist, einen Unruheherd im Nahen Osten zu haben
und denen nach dem
Wegfall des Ostblocks das Feindbild Islam willkommen ist.
Auch hier wird ganz
selbstverständlich aus einer rein westlichen Perspektive
argumentiert, ohne sich über
die Sichtweise der Anderen Gedanken zu machen. Wenn
westliche Politiker über
westliche Interessen etwa in der Golfregion reden, dann wird
dies ganz selbstverständlich
und ohne jede Verwunderung hingenommen. Warum eigentlich?
Man stelle sich
einmal vor, der iranische Außenminister würde über iranische
Interessen in der Nordsee
reden! Jeder würde dies als absurd empfinden, doch die
westlichen Interessen im
Golf sind in Wirklichkeit nicht minder absurd. Hinter dieser
simplen Redeweise steckt
eine Denkweise, die mit Selbstverständlichkeit davon
ausgeht, dass der Wohlstand der
westlichen Welt um jeden Preis gewahrt werden muss und darf.
Es ist sozusagen westliches
Öl, das bedauerlicherweise unter arabischem Sand liegt.
Es gibt aber auch auf westlicher wie islamischer Seite
Politiker, Wissenschaftler, Journalisten,
Geschäftsleute und vor allem große Bevölkerungsteile, die
keinen Konflikt
und erst recht keinen Krieg wollen. Der Kampf der Kulturen,
scheint mir daher längst
nicht zwangsläufig zu sein, auch wenn mancher das gerne so
hätte.