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Hermann Raschke:
Historischer und metaphysischer Christus
Aus: "Die Werkstatt des
Markusevangelisten
- Eine neue Evangelientheorie",
1924, Seite 26-30.
Es
ist dem Kundigen von vornherein klar gewesen, daß in der
Frage nach der historischen Existenz oder Realität Jesu
Christi wieder einmal der
Krankheitskeim zum Durchbruch kam, der im Christentum
von Anfang enthalten
war und der das Christentum nicht eher zur Ruhe kommen
läßt, als
bis
er kritisch überwunden oder ausgestoßen worden ist. In
Wahrheit wird diese Frage darum heute nur zum Schein als
eine solche der Wissenschaft
behandelt, da sie in Wirklichkeit eine Sache der
Religion oder der Christologie
ist, eine innerchristliche Angelegenheit, die so alt ist
wie das Christentum
selbst. Es hat immer Christen gegeben, denen die
metaphysische Wirklichkeit
über die physische ging, denen der metaphysisch
wirkliche Christus
näher stand als der geschichtlich reale, es hat immer
Leugner des „historischen''
Jesus gegeben, weil es im Christentum immer Gnostiker
gegeben
hat,
im Altertum, im Mittelalter und nun in der Gegenwart.
Heute wie vor achtzehnhundert Jahren stehen einander
Gnostiker und Vulgärchristen
gegenüber, Fleischeschristen und Geisteschristen,
Sarkiker und Pneumatiker,
oder
wie wir sagen: Metaphysiker und Positive, d. h.
Positivisten des Christentums.
Die Frage nach der historischen Existenz Jesu Christi
muß darum
heute
noch einmal so gestellt werden, wie sie zu Anfang
unserer Religion gestellt
wurde: Ist Jesus Christus ein vom Weibe geborener
Fleischesmensch,
m.
a. W. wurde er überhaupt geboren oder ist er so
wirklich, wie die Gottheit
wirklich ist, ohne deshalb fleischliche Wirklichkeit zu
haben? wie ist Erlösung
möglich? durch den gnostischen oder durch den
fleischlichen Christus,
den
vom Weibe geborenen, den katholischen? durch den
fleischlich wirklichen, den
„geschichtlichen" Christus oder durch den geistigen
ewigen? muß dieser
Erlöser metaphysische oder fleischliche Wirklichkeit
haben, muß
er ewiger oder zeitlicher, einmalig vergangener oder
ewig gegenwärtiger
Christus sein? Ganz
ähnlich wie heute stritten sich etwa ein Markionit und
Tertullian
um 200. Beide wollen Erlösung; sie sind rein
soteriologisch und christologisch interessiert; beide
brauchen einen realen Christus, sie stehen
insofern auf
gleicher Basis mit ihrer Christuslehre, nur die
soteriologische
Wertbetonung ist auf
beiden Seiten verschieden. Tertullian wirft Markion
nicht vor, daß dessen Christus nicht wirklich sei, weil
Markion die
Geburt Christi leugnet und leugnet, daß er ein Mensch
von Fleisch und Blut ist, er weiß wohl, daß die höhere
Realität, die der Gegner von seinem Christus aussagt,
sich mit der von ihm vertretenen messen kann; ihm ist
die
metaphysische Realität des gnostischen Christus
theoretisch ausreichend,
darauf seine
Erlösungshoffnung aufzubauen. Tertullian muß nur auch
zugleich die fleischliche, konkrete
„geschichtliche" Realität behaupten, weil sein
praktisches Erlösungsbedürfnis die Auferstehung des
Fleisches fordert,
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daher
auch die fleischliche Auferstehung verlangt und so
rückwärts Fleischestod
und Fleischesgeburt und was damit zusammenhängt. So ist
die „historische" Realität soteriologisches Postulat der
katholischen, wie die metaphysische
Realität soteriologisches Postulat der gnostischen
Kirche ist.
Darüber aber läßt sich
heute kaum noch streiten, welches von diesen beiden
Postulaten innerhalb des Christentums das
Prioritätsrecht beanspruchen
darf. Die Gnosis ist älter und edler, aus ihr ist das
Christentum geboren, das katholische Prinzip ist
später eingedrungen, und das älteste
Evangelium, das des
Markus, gehört der Gnosis, und zwar derjenigen an, die
einen
wirklichen, d. h. aber metaphysisch wirklichen Christus
verkündete,
den fleischlichgeborenen aber leugnete und darum keine
Geburtsgeschichte Jesu Christi erzählt. Erst wenn
heute beide Parteien so übereinander klar
geworden sind, daß
sie nichts anderes sind als die Vertreter des uralterr
Gegensatzes
innerhalb des Christentums, des Gegensatzes
zwischen Fleisches-
und Geisteschristus,
dann hört auch das Recht zu gegenseitiger Verketzerung
auf. Denn ebensowenig wie der „historische" Christus
jemals Gegenstand
des urchristlichen Bewußtseins gewesen ist, ebensowenig
der rein metaphysische der deutschen spekulativen
Religionsphilosophen. Ebensosehr
haben aber auch beide Prinzipien das Recht, ihren
Ursprung im ältesten
Christentum zu
behaupten. Keine von beiden Parteien kann sagen: ich bin
Christ — du nicht; denn den Gegensatz zwischen
Historisch und Nichthistorisch gibt es für das
urchristliche Bewußtsein überhaupt nicht, da .es
noch kein
Wirklichkeitsbewußtsein im heutigen Sinne gab. Es
handelt sich
nur um die Frage: Ist Jesus Christus eine Wirklichkeit
oder nicht? Darauf
nun gibt das
urchristliche Bewußtsein zweierlei Antworten. Die Gnösis
sagt: zwar
eine Wirklichkeit, aber nicht eine Wirklichkeit, die von
dieser Welt ist,
sondern eine
Wirklichkeit des Geistes, eine wahre Wirklichkeit, eine
ewige Wirklichkeit, eine unvergängliche, während diese
Welt ja nur Schatten und Schein ist, der vergeht.
Das Vulgärchristentum sagt: auch diese Welt ist
von dem einen und
demselben Gott, der sowohl diese Welt geschaffen hat
als auch der
Vater Jesu Christi ist, und also muß auch Jesus Christus
an dieser
Weltwirklichkeit teilhaben, ebenso wie wir mit unserer
Fleischesnatur
in diese Welt
versenkt sind. Der Vulgärchrist wollte mit der ihm durch
die Geburt
anhaftenden Fleisches- und Weltnatur und überhaupt
mit dieser
Welt durch Jesus
Christus erlöst werden und mußte darum fordern, daß
Christus teilhabe an dieser Welt, der Gnostiker wollte
von dieser Welt erlöst
werden und mußte darum seinen Erlöser von allem, was auf
diese Welt
Bezug hätte, unberührt und unbefleckt denken. Darum
aber, weil ein Wesen
nicht von dieser
Welt war, mußte es deswegen nicht unwirklich sein, im
Gegenteil,
gerade als ein Wesen der höheren Welt war es erst recht
wirklich,
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weil
die offenbare, die sichtbare und greifbare Wirklichkeit
nur eine abgeleitete, sekundäre, eine Minderwirklichkeit
war gegenüber der wesenhaften
Wirklichkeit des Geistes, die wahrhaft und ursprünglich,
die erst eigentlich
Wirklichkeit ist — realissimum. So lagerten, von uns aus
gesehen, für
das urchristliche Bewußtsein zwei Wirklichkeiten
nebeneinander, und
zwar auf demselben
Bewußtseinsniveau, die Wesenwirklichkeit oder die
metaphysische
Wirklichkeit, das Realissimum, und die Weltwirklichkeit
oder
Minderwirklichkeit, das Reale. Und beide Wirklichkeiten
können der
Geschichte angehören: Zeus und Cäsar sind beides
geschichtliche Größen,
oder wenn man will
auch nicht; denn in unserem Sinne gibt es den Begriff
„geschichtlich" überhaupt noch nicht. So ist also der
Gegensatz, der heute zur Debatte steht, ein Thema des
zwanzigsten und nicht des zweiten Jahrhunderts.
Von einem geschichtlichen Jesus Christus sprach im
zweiten Jahrhundert weder Tertullian noch Markion,
während sie sich die Wirklichkeit
im einen oder
anderen Sinne gegenseitig ohne weiteres zugestanden. Das
Problem des
einmalig geschichtlichen Jesus Christus ist dagegen ein
Ergebnis der
Bewußtseinsentwicklung, das notwendig erst jetzt, d. h.
erst dann auftauchen konnte, da das
Wirklichkeitsbewußtsein die Stufe der naiven
Ununterschiedenheit
und Beziehungslosigkeit von metaphysischer und physischer
Realität, von erster und zweiter Wirklichkeit, von
Realissimum und Reale verläßt und nun genötigt ist,
Wirklichkeit im einen Sinne zur Wirklichkeit im anderen
Sinne in ein neues Verhältnis zu setzen. Wie die antike
Malerei sich
erst langsam zu der Fähigkeit, perspektivisch real zu
sehen, hinaufarbeiten und entwickeln mußte, so ist auch
das Wirklichkeitsbewußtsein der Antike weit
entfernt, perspektivisch real zu denken. Es trägt die
verschiedenen
Wirklichkeiten mit demselben Pinsel und mit denselben
Farben auf
und bringt es kaum bis zu einer schwachen Unterscheidung
des
Farbentones, während wir tausend Fackeln aufleuchten
lassen, die uns die
Wirklichkeit in vielen Hintergründen in immer neuem
Lichte zeigen.
Wie
der philosophische Positivismus heute im Fortgange der
Bewußtseinsentwickelung
auf die Frage nach seiner metaphysischen Begründung Rede
und Antwort stehen muß, so
steht auch der christliche Positivismus heute
zum ersten Male vor
der Aufgabe, zu begründen, warum nach seiner Behauptung
die Erlösung im Sinne des Christentums nur auf dem Boden
der einmaligen
geschichtlichen Wirklichkeit Jesu Christi und nicht
vielmehr auf
dem der ewigen
metaphysischen möglich sein soll. Jedenfalls hat der
christliche
Positivismus kein Recht, die Angriffe, die ihn von der
christlichen
Metaphysik her
treffen, als Angriffe gegen das Christentum als solches
hinzustellen; denn auch die positivistische
Christlichkeit ist nur eine sehr relative.
Und nachdem sich nun herausgestellt hat, daß die älteste
Quelle des
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Christentums, wie es sich in den Evangelien darstellt,
nämlich das Markusevangelium,
gerade da entsprang, wo das historistische und
positivistische
Christentum sie am wenigsten vermutete, in der Gnosis,
die die Geburt Jesu
leugnete und darum die Geschichte seiner Geburt mit
lautem Schweigen
überging, so sind beide Parteien quitt. Denn das
proton pseudos war überhaupt die Behauptung von der
historischen Existenz Jesu Christi. Wer die
historische Existenz behauptet, muß aber
auch eine andere Geburt als die aus der Jungfrau
behaupten, bewegt sich damit aber schon außerhalb des
Christentums.
Wer aber die Geburt aus der Jungfrau behauptet, dürfte
sich damit außerhalb
der Möglichkeit der historischen Existenz eines
wirklichen Menschen von
Fleisch und Blut bewegen — jedenfalls nach heutigen
Wirklichkeitsbegriffen.
Und
so leugnete die eine Partei die historische Existenz
auch nur deshalb,
weil
die andere sie behauptete, wozu sie nicht berechtigt
war. Es wäre demnach
an der Zeit, daß beide Parteien ihre Akten zum Zwecke
der Prozeßrevision zurückerbitten; denn sie haben die
gegenseitigen Anklagen unter
irrtümlicher Voraussetzung erhoben.
Die
historische Existenz Jesu braucht nicht geleugnet zu
werden, weil sie
in
Wirklichkeit gar nicht behauptet werden konnte. Denn
das, was das christliche Altertum von Jesus Christus
behauptet, ist zwar eine Wirklichkeit
überhaupt, aber nicht eine historische Wirklichkeit in
unserem heutigen Sinne, und es ist eine philosophische
Fahrlässigkeit und Unterlassungssünde
der
sog. historischen und kritischen Schule, unkritisch dem
altchristlichen
Wirklichkeitsbegriff unseren Sinn und unsere Bedeutung
unterzuschieben
und
zu meinen, als ob damit alles in bester Ordnung wäre.
Der christliche Historismus ist in die Behauptung der
historischen Existenz geradezu mit
verbundenen Augen hineingetaumelt, ohne überhaupt die
Möglichkeit zu
erwägen, ob es sich hier nicht um eine ganz andere
Wirklichkeit, etwa nur eine postulative und
metaphysische im Sinne des naiven Wirklichkeitsbewußtseins
der Antike handelt. Die Ursünde ist das Übersehen des
gegen damals veränderten und entwickelten
Wirklichkeitsbewußtseins. Was nach
damaligen Begriffen durchaus möglich war,
d. h. innerhalb der Grenzen
der
Wirklichkeit lag, liegt nach heutigem
Wirklichkeitsbewußtsein außerhalb der
Wirklichkeitsgrenzen.
Muß
Jesus Christus historisch wirklich in unserem Sinne
gewesen sein, um
dem
urchristlichen Erlösungsbedürfnis Genüge zu leisten?
Nein.
Muß
Jesus Christus irgendwie wirklich sein — ohne näher zu
bestimmen,
in
welchem Sinne —, um dem urchristlichen
Erlösungsbedürfnis Genüge zu
leisten? Ja.
Denn der
evangelische Christus ist nur ein geschichtlich
gekleideter paulinischer Christus.
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Der paulinische Christus ist ein katholisch
frisierter gnostischer Christus.
Der gnostische Christus ist nur eine metaphysische
Wirklichkeit. Von dieser zu behaupten, daß sie
geschichtliche Wirklichkeit sein müsse, wenn sie überhaupt
Wirklichkeit sein solle, das ist nur ein Ausfluß der
modernen Unfähigkeit,
metaphysisch zu denken oder gar den Ideenrealismus der
Antike nachzuempfinden.
Denn der Antike laufen metaphysische und
geschichtliche Wirklichkeit
zwar
nicht durcheinander, aber sie stehen an unmittelbarem
Wirklichkeitswert
und sinnlicher Faßlichkeit einander gleich. Denken des Seins
und Seindes
Seins stehen für das antike Bewußtsein sehr nahe
beieinander; wir können uns das unkritische Ineinander von
Gedachtem und Wirklichem
nicht
groß genug denken. Das war aber zu überlegen, als man
naiverweise
den
Fehler beging, die metaphysische Wirklichkeit zumal des
evangelischen
Christus
für in unserem Sinne geschichtliche Wirklichkeit zu nehmen
und nicht zu beachten, daß es
diese letztere für das damalige Bewußtsein gar
nicht gibt. Wir können
den Übergang von einer Wirklichkeit zur anderen überhaupt
nur schwer vollziehen. Für uns sind die verschiedenen
Wirklichkeiten hintereinander, für das damalige Bewußtsein
gleichsam nur nebeneinander
geordnet. Auch das Wirklichkeitsdenken gewinnt mit der Zeit
neue Dimensionen.
Schließlich ist in der ganzen modernen Kritik
übersehen worden, wieviel
die
bewußte freie und wieviel die parteiliche evangelische
Dichtung darin verschuldet hat, daß sie den Blick von dem
paulinischen und gnostischen Christus abgelenkt hat, dessen
Wirklichkeit allein gelten kann, da hier die Wahrheit über
das, was Christus eigentlich ist, ohne durch die Hüllen des
Scheines der evangelistischen
Dichtung getrübt zu sein, deutlich zutage
tritt.
Diesen Fehler gutzumachen, ist die Hauptaufgabe der
folgenden Arbeit.
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