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Wer sind Syzygos, Euodia und
Syntyche in Phil 4,2f?
I. Historische Personen im Apostelbrief?
„Meine geliebten und heißersehnten Brüder, meine Freude und
mein Siegerkranz, stehet folgendermaßen im Herrn.“ — So
setzen die zusammenfassenden Ermahnungen Phil 4,1-9 ein; auf
diese folgen 4,10-20 Dankesworte und 4,21f Grüße.
Den Beginn dieser Mahnungen Phil 4,1-9 bilden Anweisungen an einzelne:
„Geliebte[1],
Euvodi,a
ermahne ich, und Suntu,ch
ermahne ich, im Herrn einig zu sein. Ja, auch dich,
gnh,sie su,zuge, bitte ich: Mit ihnen lege Hand an, welche sie gemeinsam
mit mir für das Evangelium gearbeitet haben und auch
zusammen mit
Klh,mhj
und den übrigen Mitarbeitern; deren Namen seien im Buch des
Lebens!“ (4,2f) Wer sind die Phil 4,2 genannten Personen, wer ist insbesondere jener su,zugoj in Philipper 4,2? Die Frage—so gestellt—hat die Exegese in die Aporie geführt: „Umstritten ist nämlich, ob die Anrede su,zuge als Apellativ oder als nomen proprium zu verstehen ist.“[2]
Die Strittigkeit gründet darin, daß
su,zugoj
zwar gebraucht wird wie ein Eigenname, daß ein Name
su,zugoj
aber gar nicht belegt ist.
Fast alle altkirchlichen Exegeten[3]
hat der Umstand, daß ihnen kein Eigenname
su,zugoj
bekannt war, dazu bewogen,
su,zugoj
nicht als nomen proprium zu deuten. Die Namen
Euvodi,a
und Suntu,ch
dagegen
waren ihnen geläufig[4].
Den antiken Exegeten legten sich aus der Weise, wie die griechische
Literatur das nomen
su,zugoj
verwendete, zweierlei Deutungen nahe:
su,zugoj sei ein entweder allegorischer Apellativ für einen Mitarbeiter Pauli
oder ein metaphorischer Apellativ für des Apostels Ehefrau.
Was zunächst die Deutung von
gnh,sie su,zuge als metaphorischen Apellativ für die Ehefrau Pauli angeht,
schien sich diese zu ergeben aus der Zusammenstellung der
poetischen Metapher[5]
su,zugoj
„Ehegespons“ oder „Bruder“ einerseits und des juridischen
terminus gnh,sioj
„rechtmäßig“ andererseits. Diese Deutung als Apellativ erlaubt sowohl,
su,zuge
als Mann, als auch als Frau zu verstehen; denn sofern
gnh,sioj
klassisch
als Adjektiv zweier Endungen[6]
gebraucht ist, kann der Vokativ
su,zuge
gnh,sie
sowohl maskulinen oder femininen Genus’ sein.
Bei dieser Interpretation von
gnh,sie su,zuge als „rechtmäßiger Gatte oder Bruder“ bleibt mit dem
Geschlecht auch die Identität von
su,zugoj offen. Damit ergeben sich wiederum zweierlei Möglichkeiten aus der
Annahme, daß der Brief mit dem Appellativum
gnh,sie su,zuge eine den Philippern bekannte Person bezeichnet haben muß.
Die erste Identifikationsmöglichkeit nimmt an, der Ausdruck
gnh,sie su,zuge
sei maskulinen Genus' und bezeichne entweder den Ehemann der
Suntu,ch[7]
oder aber den Bruder von einer der beiden Frauen[8];
diesen Gatten oder Bruder identifizieren einige als den
bekehrten philippischen Gefängniswärter[9]
der Apg. Eine Variante dieser Identifikation nimmt an, der
Akkusativ Suntu,chn
sei vom maskulinen nomen proprium
Suntu,chj[10]
gebildet und dieser Mann wiederum sei der Gemahl der
Euvodi,a
[11]. Die zweite Möglichkeit, su,zugoj zu identifizieren, geht davon aus, daß die Wendung gnh,sie su,zuge weiblichen Geschlechts sei und mithin eine Frau bezeichne: Wenn aber Paulus eine Frau gnh,sie su,zuge nenne, ohne deren Namen zu nennen, so könne die „rechtmäßige Gattin“ nur die den Philippern als seine Ehefrau bekannte sein[12]: „Hinc igitur orta celebris quaestio de uxore Pauli.“[13]
Gegen diese Auslegung[14]
sprechen allerdings stilistische wie auch sachliche Gründe:
Die Deutung von
gnh,sie su,zuge
auf eine Ehefrau des Apostels ist weder sprachlich[15]
eindeutig noch von anderen Schriften des Corpus Paulinum[16]
gestützt.
Was sodann die Deutung der Wendung als allegorischen Apellativ angeht,
so legte sich diese den antiken Exegeten nahe aus der
literarischen Metapher „Jochgenosse“[17]
einerseits und der epistularen Floskel
gnh,sioj
(„wahrhafter“)[18]
andererseits.
Wenn su,zugoj
kein nomen proprium, sondern ein allegorischer Apellativ
ist, bleibt die bezeichnete Person zunächst anonym. Mögliche
Identifikationen ergeben sich zunächst daraus, ob das nomen
allegoricum aktiv—aus dem Verbum
suzeu,gnumi—oder passiv—aus dem Substantiv
zugo,j—interpretiert
wird. Je nach Ausdeutung ergibt sich aus dem Zusammenhang
von su,zugoj mit dem Beiwort
gnh,sioj
einerseits und dem Imperativ
sullamba,nou
anderseits auch ein anderer Sinn: So hielt
Chrysostomos[19]
dafür, su,zugoj—„Bruder“—sich
als der „wahre“ Bruder erweisen solle, welcher er im Herrn
den beiden Schwestern geworden sei. Meyer hingegen meinte,
su,zugoj—in
der Bedeutung „Mitarbeiter“—solle sich als der „ächte“[20]
Gefährte Pauli erweisen.
Diese Deutung des allegorischen Appellativs ergibt—zusammen mit dem
Terminus
sunergo,j
im
Kontext Phil 4,3 (vgl. Phil 2,25
sustratiw,thj)—eine
Konkretion des
su,zugoj:
Gemeint sei ein mit Paulus zusammengespannter Mitapostel[21].
Die Notwendigkeit, daß in diesem Falle den Adressaten
deutlich sein mußte, welche Person gemeint sei, führte auf
zweierlei Identifikationen.
Die erste Lokalisierung sucht
su,zugoj bei den Adressaten: Des Apostels persönliche Anrede Phil 4,3
evrwtw/ kai. se,
zeichne seinen Mitarbeiter so aus, daß die Philipper wußten,
wer gemeint sei[22].
Die eine Identifikation ergibt sich aus der Zuschrift
Phil 1,1
evpisko,poij kai. diako,noij:
su,zugoj sei entweder der „fürnehmste Bischof“[23]
bzw. einer der
epi,skopoi[24]
oder
dia,konoi[25]
oder aber su,zugoj
sei ein Mitarbeiter der beiden Frauen[26],
diese selbst seien
dia,konoi
[27].
Die zweite Identifikation sucht
su,zugoj
beim Verfasser des Briefes. Dabei zog die klassische Exegese nicht nur
sämtliche Mitarbeiter Pauli im Philipperbrief sondern auch
weitere aus Past und Apg in Betracht: Die einen meinen, als
den „Jochgenossen“ hätten die Philipper Epaphroditus[28]
erkennen können, die anderen, Timotheus[29],
wieder andere, Silas[30].
Da alle diese Versuche, den mit
su,zugoj bezeichneten Mitarbeiter zu identifizieren, sich als unhaltbar
erwiesen haben, nimmt die Mehrheit[31]
der modernen Exegeten an,
su,zugoj
sei eben doch ein Eigenname, dessen Träger – bescheiden sich
die neueren Ausleger[32], —nicht
mehr zu identifizieren sei. Daß dabei Phil 4,3 die einzige
Belegstelle für das nomen proprium bleibt, rechtfertigten
manche Ausleger[33]
mit dem ad-hoc-Argument, die Überlieferung antiker Namen sei
lückenhaft. Die Annahme aber, su,zugoj sei ein nomen proprium, führt in ein Dilemma: „su,zuge [sic] kann ... nur ein nomen proprium sein, das gnh,sie aber bezeichnet ihn als einen, der diesen Namen in Wahrheit führt ... im activen Sinne des ... suzeu,gnumi, der Vermittler. Daß dies die ursprüngliche Bedeutung des Wortes ist, kommt bei solchen symbolischen Ausdeutungen nicht in Betracht.“[34]
Aus diesem Dilemma führen zwei Annahmen: Entweder stellt
su,zugoj
einen „unechten Namen“ dar, wobei dem Mitarbeiter das
allegorische Appellativum als Taufname[35]
oder Auszeichnung beigelegt[36]
worden wäre, oder
suzu,goj
bleibt ein „echter Name“, wobei der Briefautor zum allegorischen
Wortspiel[37]
zufällig Gelegenheit bekam.
Wenn die moderne Deutung von
su,zugoj
annimmt,
dieses nomen sei ein nomen proprium, welches erstens
zufällig nicht belegt und zweitens zufällig allegorisch
deutbar ist, so ist dieser Erklärungsversuch mit einer
doppelten Unwahrscheinlichkeit belastet. Wer schließlich sind Euvodi,a( Suntu,ch und Klh,mhj? Alle diese Namen sind inschriftlich belegt und waren den antiken Auslegern als nomina propria bekannt. Die Identifikation der Frauen pflegt ihren Ausgang von Phil 4,3 ai[tinej evn tw/| euvaggeli,w| sunh,qlhsa,n moi zu nehmen und sich mit der Konkretion der an sie gerichteten Ermahnung to. auvto. fronei/n evn kuri,w| zu verbinden.
So versuchte die klassische Exegese, die Frauen mittels einerseits
Angaben des Philipperbriefes, anderseits Ausführungen von
Apg zu identifizieren; einige erkannten etwa in
Euvodi,a
das
Kognomen der Lydia[38],
welche laut Apg 16 Paulus und Silas in Philippi aufgenommen
hat.
Die moderne Exegese hingegen verzichtet auf solche Identifikationen: Die klassische Identifikation des Klh,mhj stützte sich teils auf Apg – dieser sei der von Paulus bekehrte Gefängniswärter[44] —, teils auf Traditionen über Clemens Romanus[45] — „Clemens hic videtur fuisse Romanus aliquid in Macedonia negotians.“[46] Die moderne Exegese nimmt an, auch Klh,mhj sei ein philippischer Mitarbeiter[47] des Apostels, der zufällig denselben – häufigen – Namen trage wie Clemens Romanus.
II. Dogmatische Chiffren in einem katholischen Brief?„Schließlich mag ... bemerkt werden, daß weder die vepi,skopoi und dia,konoi ))) noch die ... auf eine so eigne räthselhafte Weise genannten Personen, die Euodia und die Syntyche (welche man wegen der Ermahnung zur Eintracht eher für zwei Parteien als für zwei Frauen halten möchte) mit der sonstigen Weise der paulinischen Briefe übereinstimmen.“[48]
Mit dem Hinweis auf die Frauennamen Phil 4,2 rundete Baur seine
Argumente dafür ab, den Philipperbrief in die Klasse der (pseudepigraphen)
frühkatholischen Schriften zu versetzen.
Mit seiner Hypothese zur Gattung des Philipperbriefes wechselte Baur
den Rahmen der Exegese der Namen Phil 4,2f. Solange nämlich
der Brief als eine Schrift des Paulus Apostolos gilt,
bezeichnen die Namen darin historische Personen, sobald er
ein fiktiver Brief ist, können diese Namen auch fiktiv oder
allegorisch sein.
Den Namen Klh,mhj
interpretierte Baur als zugleich historischen und
allegorischen. Dieser Name verweise einerseits auf Clemens
Romanus und versetze damit das Pseudepigraphon in die
apostolische Zeit;
Klh,mhj typisiere andererseits das (petrinischen) Judenchristentum
ebenso wie der Paulus des Philipperbriefes das
Heidenchristentum. Zwischen diesen Typen knüpfe der
(katholische) Philipperbrief ein „neues Band des
harmonischen Verhältnisses“[49].
Die von Baur problematisierte rätselhafte Weise, in welcher Phil 4,2f
die Namen verwende, nahmen Baurs Schüler zum Anlaß, diese
als Typoi der judenchristlichen oder heidenchristlichen oder
katholischen (bzw. unionspaulinischen) Partei zu deuten.
So fand zunächst Schwegler[50]
in Euvodi,a
die judenchristliche, in
Suntu,ch
die heidenchristliche Partei, in
su,zugoj
hingegen den katholischen Petrus. Holsten[51]
bestimmte gerade andersherum
Euvodi,a
als die heidenchristliche,
Suntu,ch
als die judenchristliche Partei; die Figur des
su,zugoj
deutete Holsten teils historisch, teils allegorisch: Diese
„hervorragende Persönlichkeit“[52]
habe die Aufgabe, „die Gemeinde zur Einheit
des Bewußtseins völlig zusammenzujochen“[53].
Weitere Baur-Schüler suchten dessen Parteien-Hypothese etymologisch zu
erhärten: Volkmar[54]
deutete Euvodi,a—„die
Rechtwegige“ bzw. „orthodoxia“—als die judenchristliche
Partei, Suntu,ch—„die Mitschwester“—als die heidenchristliche Partei, den
avpostoloj su,zugoj
als „das
zweite Apostelhaupt neben dem Heidenapostel“, nämlich
Petrus. Hitzig[55]
interpretierte
Euvodi,a
als die lateinische,
Suntu,ch
als die griechische Partei in der Gemeinde. Da diese Etymologismen alle spekulativ blieben, urteilte Völter, der den Passus Phil 4,2f einem Redaktor zuwies: „Ob der Ausdruck euvodi,a (Wohlgeruch, sc. Gottes) auf die Judenchristen, der Ausdruck suntu,ch (die Loosgefährtin [sic], Mitberufene) auf die Heidenchristen zu beziehen ist, läßt sich nicht ausmachen und ist auch ohne Bedeutung.“[56] Die Möglichkeit, daß nicht nur Su,zugoj, sondern auch Euvodi,a und Suntu,ch, sowie Klh,mhj allegorische nomina sein könnten, schied, als Baurs Pseudepigraphitäts-Hypothese sich als methodisch unhaltbar erwies, aus der Diskussion aus.
III. Historische Personen in einem paränetischen Brief?
„Jeder Versuch einer literarkritischen Analyse des Philipperbriefes ist
eine Hypothese. ... Die These von der literarischen
Einheitlichkeit ist aber nicht weniger eine Hypothese.“[57]
So pointiert Schmithals die Alternative[58],
auf welche die historisch-kritische Exegese des
Philipperbriefes geführt hat.
Sowohl die Hypothese der Einheitlichkeit als auch diejenige der
Uneinheitlichkeit nämlich muß gerade deswegen, weil sie
bestimmte Phänomene des Philipperbriefes einer Erklärung
zuführt, andere Phänomene ignorieren: Die Hypothesen
redaktioneller Komposition unternehmen eine Erklärung für
das Phänomen, daß aus den situativen Angaben des
Philipperbriefes weder eine konsistente historische noch
eine psychologische Konstellation[59]
zu rekonstruieren sei (sieht man von extra-textuellen
ad-hoc-Annahmen[60]
ab). Dabei ignoriert dieser Hypothesentypus das Phänomen,
daß stilistische Mittel und Motive das Briefcorpus bzw. alle
postulierten Teilbriefe durchziehen.
Die Hypothesen der literarischen Integrität hingegen bieten eine
Erklärung für das Phänomen, daß in allen Briefteilen Motive
und Stilmittel auftreten, welche ein einheitliches Schreiben
strukturieren. Dieser Hypothesentypus wiederum ignoriert die
historische wie psychologische Inkonsistenz der situativen
Angaben des Briefes. Diese methodische Aporie haben Varianten der Integritätshypothese dadurch zu überwinden versucht, daß sie den Philipperbrief formgeschichtlich interpretierten: Deren Annahme, der Philipperbrief sei eine primär paränetische Gattung, soll sowohl erklären, daß seine strukturierenden Phänomene in allen Briefteilen eintreten, als auch nachweisen, daß die situativen Angaben des Briefes konsistent seien.
Lohmeyer bedient sich des Modells des Martyriums: Dieses gebe „dem
Brief eine strenge Geschlossenheit des inneren Aufbaus.“[61]
Mit diesem Modell will Lohmeyer sowohl die Paränese
(Mahnungen, Vorbild des Apostels) als auch den damit
verbundenen Stil (hymnisierende Diktion, Motive: Freude und
Einheit) als auch die Disposition des Philipperbriefes
erklären (Gegner- und Dank-Passagen). Lohmeyer kann indes
nur mittels Zusatzannahmen die historischen Inkonsistenzen
deuten (Reduktion der vorauszusetzenden Reisen;
Caesarea-Hypothese; doppelte Gegnerschaft). Bloomquist kombiniert Semiotik und Rhetorik zum Modell des Leidens: Paulus entwickle, um die Gemeinde zu ermahnen, aus dem Typos des Leidenden Gerechten (nach Jes 53) zunächst das Urbild des leidenden Christus, sodann einerseits die positiven Abbilder seiner, Pauli, selbst und seiner Mitarbeiter, andererseits die negativen Gegenbilder seiner Gegner[62]. Bloomquists Modell deutet ebenso die Paränese wie die Motive[63] (Typoi, Leitworte) wie die Disposition[64] des Philipperbriefes (Variation eines epistolaren Schemas). Dabei interpretiert Bloomquist die situativen Angaben des Briefes weniger historisch als paränetisch: “Paul appears to have suppressed the facts surrounding his sufferings and to have stressed the meaning of those sufferings.”[65] Derart erscheinen einerseits die Ausführungen über die Gegner eher topologisch[66], andererseits die über Timotheos und Epaphroditos 2,19-30 eher allegorisch als historisch: „They exemplify the servant-hood depicted in 2.6-11 ... the Christ-type.“[67]
Rathjen[68]
entwickelt das formgeschichtliche Modell des Testamentes:
Der von Rathjen postulierte Teilbrief[69]
Phil 3,1-4,9 “follows the classical pattern of the testament
of a dying father to his children”, und sei Pauli “final
message to his best-beloved church”[70].
Rathjens Modell deutet zwar die paränetischen Phänomene des
Philipperbriefes (autobiographische Darstellung;
Vorbild-Motiv; Zukunftsschau), kann aber die Inkonsistenz
der situativen Angaben nur durch eine Teilungshypothese
erklären, womit das Problem der Disposition ungelöst bleibt.
Schließlich wirft Rathjens formgeschichtliches Modell die
Frage auf, warum der historische Paulus sein Testament in
eine solche literarische Form einkleiden sollte, für welche
Pseudepigraphie konstitutiv ist.
Indem Lohmeyer, Bloomquist und Rathjen mit ihren formgeschichtlichen
Modellen den Philipperbrief als Paränese bestimmen,
funktionalisieren sie sämtliche Ebenen des Briefes: Sowohl
die paränetische Ebene als auch die formale Ebene (Syntax,
Semantik) als auch die situative Ebene (Gefangenschaft,
Mitarbeiter, Gegner) sind einander als Paränese zuzuordnen.
So werden selbst die Personen des Paulus und seiner Mitarbeiter zu
paränetischen Allegorien, wie etwa Lohmeyer formuliert: „Das
Martyrium hat die Bedeutung, seinen Träger zum
`vollkommenen' Repräsentanten des Evangeliums zu bestimmen.“[71]
Derart stellen diese formgeschichtlichen Modelle ihre
Voraussetzung in Frage: Die Hypothese nämlich, der
Philipperbrief sei ein Brief des historischen Apostels
Paulus. IV. Allegorische Namen in einem paränetischen Brief?„Dass die beiden Namen Euodia und Syntyche Frauennamen sind, die auch sonst vorkommen, daran soll gar nicht gezweifelt werden. Aber damit ist die Sache noch nicht abgetan. Der Verfasser will ja jedenfalls, daß man zunächst an Frauen denkt ... Aber die Frage ist, ... ob er nicht vielmehr zu einer allegorischen Deutung der Namen herausfordern will.“[72]
Die formgeschichtlich orientierten Integritäts-Hypothesen haben
herausgestellt, daß der Philipperbrief sein Thema
koinwni,a| u`mw/n eivj to.
euvagge,lion
(1,5) auf
mehreren Ebenen transportiert.
Was zunächst die inhaltliche Ebene der Paränese angeht, so gehören ihr
die Mahnungen[73]
und der Hinweis auf das Vorbild des Apostels[74]
an; was sodann die formale Ebene angeht, so sind ihr
zuzurechnen die parataktische[75]
hymnisierende[76]
Diktion, gebetsähnliche Satzbildungen[77],
kultische Metaphern[78],
septuagintisierendes Hendiadyoin[79]
plerophores
pa/j
(44 Belege[80]).
Das Mittel, womit der Brief seine Paränese vornehmlich transportiert,
ist kaum untersucht worden: Motive, in denen die inhaltliche
und formale Ebene einander durchdringen. Diese für den
Philipperbrief typischen Motive, bestehend aus Wortstämmen,
Syntagmen und Präpositionen, durchziehen das gesamte Corpus
und entfalten das Briefthema
koinwni,a| u`mw/n eivj to.
euvagge,lion (1,5).
Dieses Briefthema erscheint im Wortstamm *koin*
(sechs Belege[81]),
im terminus
euvagge,lion
(neun Belege[82])
und im Syntagma evn
kuri,w|
(acht Belege[83]).
Die „Gemeinschaft des Evangeliums“ konkretisiert sich zum einen in der
Gemeinde, formuliert mit den Wendungen
to. auvto.
(vier Belege[84])
und
eivj
(vier
Belege)[85],
zum anderen zwischen Gemeinde und Apostel, formuliert
mittels Pronomina der 1. Person Singular (36 Belege[86]),
mittels des Syntagmas
pa,ntej u`mei/j
(sechs Belege[87]),
sowie mittels der Präposition
su,n
und ihren
Komposita (17 Belege[88]).
Diese „Gemeinschaft“ wirkt „Freude“ (14 Belege für den
Wortstamm *car*[89])
und (Gottes) „Wohlgefallen“ (Komposita mit
eu=
[90])
in Gehorsam[91]
und Leiden[92]
.
Das Briefthema koinwni,a eivj
to. euvagge.lion
entfalten
nicht allein die Mahnungen der Schlußparänese Kap. 4,1-9:
Die Gemeinde soll jene Lehre bewahren, welche der Apostel
vorgelebt habe, damit sein apostolisches Wirken nicht
vergebens[93]
gewesen sei. Das Briefthema entfalten darüber hinaus die
Namen Phil 4,2f, insofern auch sie gebildet sind aus solchen
Wortstämmen und Präpositionen, die jenes Thema im Corpus
formulieren.
Was zunächst su,zugoj
angeht, so gehört der erste Wortteil
su,n
zum Motiv
der Gemeinschaft, sein zweiter Teil
zugo,j
gehört
zum Wortfeld „Ackerbau“, welche Metaphorik das Corpus
Paulinum[94]
für die Arbeit des Missionars verwendet.
Was sodann Euvodi,a
angeht,
so gehört der erste Bestandteil
eu=
zum Motiv
„Freude“ und „Wohlgefallen“ (Komposita mit
eu=).
Der zweite Bestandteil
o`di,a
(zu
o/do,j) gehört dem Wortfeld
avgw/n
an ,
welches im Philipperbrief[95]
wie im Corpus Paulinum[96]
den „Wettkampf“ des Missionars bezeichnet.
Was schließlich Suntu,ch
betrifft, so sind zweierlei Auflösungen möglich: Entweder
ist auch dieser Name eine zusammengesetzte Bildung, dann
gehörte su,n
zum Motiv
„Gemeinschaft“ und
tu,ch
wiese auf
den erhofften „glücklichen Ausgang“ der paulinischen Mission
hin. Oder Suntu,ch
ist eine einfache Bildung, dann exemplifizierte das Verbum
suntugca,nw
(„zusammenkommen“[97])
jene freudige Eintracht, zu welcher der Philipperbrief
unermüdlich mahnt:
Cai,rete evn kuri,w|.
Was im übrigen Klh,mhj
angeht,
so könnte dieser Name eine Allegorie zu Phil 4,5 sein, einer
Illustration der „Gemeinschaft“, wie der Apostel sie in der
Schlußparänese Phil 4,4 als
evpieike,j, dem griechischen Gegenstück zur clementia,
beschwört. Der Befund, daß die Teile der Namen Suzu,goj( Euvodi,a und Suntu,ch zu jenen Worten gehören, welche die Motive des Philipperbriefes konstituieren, und daß zweitens diese Teile dem Wortfeld Mission zuzuordnen sind, ist erklärungsbedürftig.
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