Die heilige Sieben

Wissenschaftler sind immer froh, wenn sie einen Konsens vorweisen können. Er zeigt, dass ihre Bemühungen nicht ganz erfolglos waren und dass es möglich ist, ihrem Fachgebiet durch solide methodische Arbeit und vernünftige Argumente eine gediegene, allgemein anerkannte Basis zu geben.

Dass in der „seriösen Wissenschaft“ sieben Paulusbriefe als echt gelten, ist inzwischen ein von Verfassern neutestamentlicher Einleitungen, Kommentare und Paulusmonographien so oft repetiertes Urteil, dass man meinen könnte, der Glaube an sieben echte Paulusbriefe sei unter Theologen inzwischen weiter verbreitet als der an die Heilige Dreifaltigkeit.[1] Und doch sei daran erinnert, dass die vermeintliche Einheitsfront von Neutestamentlern durchaus manche Lücke aufweist.

Hans Georg Kümmel zum Beispiel hielt die Argumente, die gegen die Echtheit des Kolosserbriefes und des 2. Thessalonicherbriefes vorgebracht wurden, für „keineswegs zwingend“ und war überzeugt, dass in Wahrheit  neun Paulusbriefe aus der Feder des Apostels stammten.[2] Andere Theologen dagegen betrachten entweder nur den einen oder den anderen von Kümmel für echt erachteten Brief als unecht.[3] Wiederum andere Theologen zählen auch die drei Pastoralbriefe zu den echten Paulusbriefen hinzu, usw.[4]

In der vorkritischen Phase der Forschung wurde ohnehin alles als paulinisch angesehen, was den Namen des Apostels trug – solange darin keine „häretischen“, d.h. abweichenden theologischen Gedanken vorkamen. Die Bedenken der modernen historischen Kritik in Bezug auf die Echtheit der Pastoralbriefe oder den Epheser- und Kolosserbrief waren unbekannt. Alle im neutestamentlichen Kanon enthaltenen paulinischen Briefe galten als echt – mit der einzigen Ausnahme des Hebräerbriefs, der sich freilich auch gar nicht explizit als Schrift des Apostels ausgibt. Wegen des fehlenden Präskripts war dessen Verfasserschaft früh umstritten. Dabei gingen griechische Kirche und lateinische Kirche getrennte Wege. Während die alexandrinischen Theologen mehrheitlich die paulinische Herkunft des Hebräerbriefes anerkannte, verhielt sich die abendländische Kirche in dieser Hinsicht spröder. Tertullian scheint ihn offenbar weder als kanonisches noch als paulinisches Schreiben zu kennen, auch Ambrosius zitiert das Schreiben nie unter dem Namen des Paulus.[5] Dagegen kann Eusebius konstatieren: „Von Paulus aber sind sicher und bestimmt die vierzehn Briefe verfasst“ (Hist Eccl 3.3.5).[6]

Auch sonst erbaute sich die „rechtgläubige“ Kirche gern an Schriften, die später als „unecht“ und „apokryph“ galten. Bei Hippolyt finden wir die treuherzige Nacherzählung einer Episode, die den Acta Pauli entnommen ist: es handelt sich um die Geschichte eines Löwen, der sich dem zum Tierkampf verurteilten Paulus zu Füßen legt (Hipp Dan 3.29.4). Auch Origenes hat die Acta Pauli geschätzt, und selbst bei Eusebius werden sie noch nicht ganz abgelehnt, auch wenn er Bedenken an ihrer Echtheit äußert  (Hist Eccl 3.3.5).[7] Lediglich Tertullian nahm Anstoß an der predigenden und taufenden Thekla und behauptete, ein asiatischer Presbyter habe diese Dinge „aus Liebe zu Paulus“ in die Welt gesetzt. Mit der Rezeption durch die gnostischen Manichächer kam diese Literatur dann schließlich völlig in Verruf.

Die Gründe dafür, dass frühchristliche Schriften als unecht betrachtet wurden, waren, wie man am Beispiel Tertullians sieht, in der Alten Kirche weniger wissenschaftlicher als dogmatischer Art. Insofern wurde die Auseinandersetzung vielleicht sogar ein wenig ehrlicher geführt als heutzutage, wo sich hinter dem jeweiligen historisch-wissenschaftlichen in Wahrheit oft ein theologisches Urteil verbirgt.

Der Gedanke, dass ein harter Kern von „sieben echten“ Paulusbriefen von einer weichen Hülle pseudepigraphischer Schriften umgeben ist bzw. dass es innerhalb des Corpus Paulinum neben gefälschten Schriften einen speziellen Kanon echter Briefe gibt, ist, wie man sieht, ein neuzeitliches Phänomen und ein Resultat der historischen Kritik. Ferdinand Christian Baur war überzeugt davon, dass nur der Galaterbrief, die beiden Korintherbriefe und der Brief an die Römer als echt angesehen werden dürften. Gegen sie, so Baur, sei „nie auch nur der geringste Verdacht der Unächtheit erhoben“ worden; sie trügen„den Charakter paulinischer Originalität so unwidersprechlich“ an sich, dass sich nicht einmal denken ließe, „welches Recht je der kritischer Zweifel gegen sie geltend machen könnte.“[8]

Baurs Ansicht konnte sich allerdings nicht durchsetzen. Am wenigsten beim Kirchenvolk, das ungern auf die Korrespondenz des Apostels mit den Philippern oder sein warmherziges Schreiben an Bruder Philemon verzichtete.  Auch wenn spätere Kritiker sich über die Echtheit des Kolosserbriefs  und des 2. Thessalonicherbriefs noch lange Zeit uneins waren (und sind), gelang es ihnen, zumindest diese beiden Briefe wieder in den Kanon der echten Schriften heimzuholen.

Ganz unberücksichtigt blieb bisher ein Gesichtspunkt, über den sich die heutigen Befürworter eines „Sieben Briefe-Kanons“ in der Regel gar keine Rechenschaft geben: Aufgrund der vielfachen Widersprüche innerhalb des Corpus Paulinum, sehen sie sich, selbst die konservativeren unter ihnen, schon seit Langem genötigt, mit Teilungshypothesen zu arbeiten. Auch jene Neutestamentler, die sich, wie Jürgen Becker, gerne auf eine „stabile gemeinsame Basis“ bzw. einen „sicheren Grundstock“ von sieben echten Briefen berufen,[9] räumen indirekt ein, dass es in Wahrheit mehr als sieben echte Paulusbriefe gibt. Nach Meinung Beckers kann ein „Bruch wie zwischen Phil 3,1 und 3,2 oder eine isolierte Sonderstellung mit geschlossenem Aufbau und Thema wie im Falle von 2. Kor 10-13“ nur durch literarkritische Zerlegung der jeweiligen Briefe erklärt werden.[10] Mit anderen Worten: Nach Becker handelt es sich bei dem Philipper- und dem 2. Korintherbrief in Wahrheit nicht um zwei, sondern eine Komposition aus 2 (Phil)+3 (2Kor) = 5 Briefen. Beckers „stabile Basis“ erweist sich in Wahrheit als eine Sammlung von zehn Paulusbriefen.

Hinzuzufügen ist, dass Becker unter den neutestamentlichen Exegeten zur Fraktion derer gehört, die ein minimalistisches Programm vertreten. Es gab und gibt Neutestamentler, die viel weiter gehen als er und noch mehr Paulusbriefe innerhalb der Paulusbriefe entdeckt zu haben glauben – eben jene, vor deren „inflatorischer Rekonstruktion der Briefe“ Becker warnen zu müssen glaubt.[11]

Wohl am kühnsten verfuhr  mein verehrter Lehrer Walter Schmithals, der das paulinische Corpus als ein Permixtum aus 16 redaktionell zusammengefügten kleinen Paulusbriefchen betrachtete,[12] deren Entstehung er sich etwa in der folgenden chronologischen Reihenfolge dachte: Gal – Phil A – Phil B – Thess A – Kor A – Thess B – Thess C – Kor B – Kor C -Thess D – Kor D – Phil C – Kor E – Kor F – Röm – Röm-Eph.[13]

Der Neutestamentler Otto Kuss bemerkte dazu ironisch, dass solche Rekonstruktionsversuche „von einem starken Glauben“ getragen sein müssten.[14] Wohl wahr. Der Glaube spielt in der neutestamentlichen Forschung seit jeher eine große Rolle – hier wie da . Genau besehen besteht zum Spott aber wenig Anlass, weil Schmithals die vielfältigen Probleme innerhalb des Corpus Paulinum  ernst nahm, anstatt sie, wie viele seiner Kritiker, schlicht zu ignorieren.

Befremdlich ist allerdings, dass Rekonstruktionsversuche dieser Art in den wissenschaftlichen Zeitschriften immerhin diskutiert werden, während die viel einfachere  Lösung, die vorhandenen Probleme der Paulusbriefe mittelst der Unechtheitshypothese zu erklären, gar nicht erst zur Kenntnis genommen wird. Offenbar ist in Sachen akademischer Paulusforschung alles erlaubt – solange nur an der „Echtheit“ eines Restbestands „authentischer“, also auf den Apostel zurückgehender Briefe festgehalten wird. Wer diese Spielregel missachtet, scheidet aus dem Diskurs aus.

Aber vermutlich handelt es sich bei dem Ganzen auch nur um eine notwendige Immunisierungsmaßnahme von Kirche und kirchlicher Wissenschaft. Sie steht vor dem Hintergrund der Erkenntnis, dass das tradionelle Bild von der urchristlichen Geschichte im 1. Jahrhunderts nach 200 Jahren historisch-kritischer Forschung mehr oder weniger nur noch von der Existenz des Apostels und seiner „unzweifelhaft echten“ Briefe abhängt. Dort, wo auch diese Säule einmal bersten sollte, müsste unweigerlich eine Trümmerlandschaft, vielleicht auch eine „tabula rasa“ zum Vorschein kommen, was am Ende, wie man (m.E. zu Unrecht) befürchtet, ungünstige Folgen für den Glauben hätte. Unnötig zu sagen, dass derartige Immunisierungsstrategien mit seriöser Suche nach Erkenntnis wenig zu tun haben.

Zusammenfassend lässt sich feststellen:

1) Das bis heute immer wieder selbstsicher wiederholte Urteil, wir besäßen sieben unzweifelhaft echte Paulusbriefe, erweist sich bei näherer Betrachtung als unzutreffend. In Wahrheit kennen Theologen heutzutage nicht nur sieben Briefe, sondern acht, neun oder mehr, weil auch der 2. Thessalonicherbrief, der Kolosserbrief  oder selbst die Pastoralbriefe zum Kanon echter Paulusbriefe hinzugezählt werden.

2) Von einem „sicheren Grundstock“ sieben echter Briefe sollte man aber vor allem deswegen nicht sprechen, weil sich durch die Anwendung verschiedener Teilungshypothesen seit Langem ein sehr viel differenzierteres Bild ergeben hat. Ist doch eine Mehrheit von Theologen heute der Überzeugung, dass die Echtheit einiger Paulusbriefe nur durch tiefgreifende literarkritische Umstellungen, durch hypothetische Situationsangaben und phantasievoll erdachte Handlungsabläufe aufrecht erhalten werden kann. Besonders der 2. Korinther- und den Philipperbrief profitieren von solchen „echtheitsrettenden“ Maßnahmen.

Vieles ist dem Scharfsinn überlassen, vieles aber auch nur dem Geschmack und der Willkür des jeweiligen Exegeten. Konservativere Theologen, die ihre Studenten nicht verwirren wollen und ihren eigenen Biedersinn zum Maßstab für das machen, was in ihren Augen „historisch“ ist, entscheiden sich gerne für eine moderate Lösung von, sagen wir, 9-11 Briefen; ein faustischer Typ wie Walter Schmithals schreckte auch vor der Annahme von 16 und mehr kleinen Apostel-Billetts nicht zurück.

3) Ein Blick in die bewegte Forschungsgeschichte mahnt zur Bescheidenheit. Was heute in der Wissenschaft noch als dernier crie gilt, kann morgen schon wieder kalter Kaffee sein. Wer sich mit dem Zeitgeist verheiratet und heute auf sieben echte Briefe schwört, ist morgen möglicherweise Witwer. Die Alte Kirche kannte einst 14 Paulusbriefe, F.C. Baur nur noch vier; unsere heutigen Neutestamentler kennen sieben „echte“ Briefe, bei denen es sich in Wahrheit jedoch um  8, 9, 10, 11 oder 16 handelt, usw.

Dass sich angesichts dieses ständigen Hin und Her das Blatt irgendwann noch einmal wenden wird, ist nicht von vornherein auszuschließen und sogar sehr wahrscheinlich. Dies deswegen, weil auch künftig damit zu rechnen ist, dass Ausleger auf der „recht stabilen gemeinsamen Basis“ immer wieder gerne „ihre je eigenen Akzente“ (Jürgen Becker) setzen werden, schon allein deswegen, um nicht ganz in der grauen akademischen Masse zu verschwinden und einen je eigenen theologischen Lehrstuhl zu erhalten.

 

 

[1] Konservative Theologen, wie z.B. Martin Hengel („die sieben sicher echten Paulusbriefe“, Hengel, Martin: Studien zur Christologie, Bd. 201, Tübingen: Mohr Siebeck 2006), S. 453), urteilen in dieser Beziehung  nicht anders als „moderne“, wie z.B. Gerd Lüdermann: „Im Neuen Testament gibt es sieben echte und sechs unechte Paulusbriefe“;  Lüdemann, Gerd: Die gröbste Fälschung des Neuen Testaments: Der zweite hessalonicherbrief, zu Klampen Verlag GbR 2012.

[2] Kümmel, Werner Georg: Die Theologie des Neuen Testaments nach seinen Hauptzeugen Jesus, Paulus, Johannes, Bd. 3, 5. Aufl., Göttingen: Vandenhoeck u. Ruprecht 1987 (Grundrisse zum Neuen Testament), S. 125.

[3] Im Allgemeinen wird die „Echtheit“ des jeweiligen Schreibens mittels der „Sekretärshypothese“ gerettet, d.h. durch die Annahme, ein Gehilfe des Paulus habe den Brief ausgearbeitet; vgl. Berger, Klaus: Kommentar zum Neuen Testament, 2. Aufl., Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus 2011. Lähnemann, Johannes: Der Kolosserbrief: Komposition Situation und Argumentation: Teilw. zugl.: Münster/Westf., Univ., Diss., 1967/68, Gütersloh: Gütersloher Verl.-Haus Mohn 1971 (Studien zum Neuen Testament). Reicke, Ingalisa, David P. Moessner und Bo Reicke: Re-Examining Paul’s Letters: The History of the Pauline Correspondence, Harrisburg, PA: T & T Clark Us 2001

[4] Hier tritt die „Sekretärshypothese“ gern in der Form auf, „daß Lukas dieser Sekretär gewesen sein könnte“ – Schenke, Hans-Martin und Karl Martin Fischer: Einleitung in die Schriften des Neuen Testaments, Lizenzausg. Aufl., Gütersloh: Gütersloher Verl.-Haus Mohn 1978, S. I, 231.

[5] Wikenhauser, Alfred: Einleitung in das Neue Testament, 6. Aufl., Freiburg im Breisgau: Herder 1973, S. 549 f.

[6] „Von Paulus aber sind sicher und bestimmt die vierzehn Briefe verfasst. Es wäre indes nicht recht, ausser acht zu lassen, dass manche behaupteten, der Brief an die Hebräer sei von der römischen Kirche nicht als paulinisch anerkannt worden, und denselben deshalb verwarfen.”

[7] Schneemelcher, Wilhelm und Edgar Hennecke (Hrsg.): Neutestamentliche Apokryphen in deutscher Übersetzung, 4. Aufl., durchges. Nachdr. der 3. Aufl., Tübingen: Mohr 1971, S. II, 222 f.

[8] Baur, Ferdinand Christian: Paulus, der Apostel Jesu Christi; sein Leben und Wirken, seine Briefe und seine Lehre; ein Beitrag zu einer kritischen Geschichte des Urchristenthums, 2. Aufl., Leipzig: Fues’s Verl. (R. Reisland) 1866, S. 276.

[9] Becker, Jürgen: Paulus: Der Apostel der Völker, UTB 1998, S. 10.

[10] Ebd., S. 11.

[11] Ebd.

[12] Kor A = 2 Kor 6,14-7,1; 1 Kor 9,24-10,22; 6,12-20; 11,2-34; 15; 16,13-24. – Kor B = 1 Kor 1,1-6,11; 7,1-9,23; 10, 23-11,1; 12,1-14,40; 16,1-12. – Kor C = 2 Kor 2,14-6,13; 7,2-4. – Kor D = Kor 10,1-13,13. – Kor E = 2 Kor 9,1-15. – Kor F = 2 Kor 1,1-2,13; 7.5- 8,24. – Gal = Gal 1,1-6,18. – Phil A = Phil 4,10-23. – Phil B = Phil 1,1-3,1; 4,4-7. – Phil C = Phil 3,2-4,3; 4,8.9. – Röm = Röm 1-15; 16,21-23. – Röm-Eph = Röm 16,1-20; 16,21-23. – Thess A = 2 Thess 1,1-12; 3,6-16. – Thess B = 1 Thess 1,1-2,12; 4,2-5,28. – Thess C = 2 Thess 2,13.14; 2,1-12; 2,15-3,5; 3,17.18. – Thess D = 1 Thess 2,13-4,1.

[13] Schmithals, Walter: Paulus und die Gnostiker: Untersuchungen zu den kleinen Paulusbriefen: zugleich Univ., Habil.-Schr.–Marburg., Hamburg-Bergstedt: Reich 1965 (Theologische Forschung), S. 184.

[14] Kuss, Otto: Paulus: Die Rolle des Apostels in der theologischen  Entwicklung der Urkirche, Regensburg: Pustet 1971 (Auslegung und Verkündigung), S. 86.

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3 Kommentare

  1. Wenn der Mythos um die symbolträchtige Zahl Sieben mit dem Mythos um den Apostel Paulus zusammentrifft, dann entsteht daraus die angeblich wissenschaftlich fundierte Erkenntnis von sieben echten Paulus-Briefen. Das ist mathematische Magie, die eine doppelte Negation in eine Affirmation verwandelt. Oder: Mythos mal Mythos ergibt historische Wahrheit. Nur funktioniert das so dann doch nicht.

    Meistens wird die Frage nach den echten oder unechten Paulus-Briefen auf den Verfasser der Briefe bezogen: Hat Paulus diesen oder jenen Brief geschrieben? Damit wird suggeriert, dass Paulus tatsächlich eine historische Gestalt ist, was gewisse kluge Leute wie eben der Betreiber dieser Website mit guten Argumenten bezweifeln.

    Man kann die Frage nach echt oder unecht aber auch auf das Genre beziehen.
    Handelt es sich bei den Paulus-Briefen überhaupt um echte Briefe? Handelt es sich nicht vielmehr um Predigten, die bewusst in die Form eines Briefes gekleidet wurden? Ein Brief ist ein persönlicher Austausch zwischen Absender und Empfänger und wird normalerweise beantwortet. Es gibt aber keine Antwortbriefe auf die Briefe von Paulus. Das ist schon mal seltsam. Ein persönlicher Austausch enthält persönliche Botschaften, die bei den Paulus-Briefen jedoch nur die Einrahmung ausmachen. Usw. Usw. Hinter einem gefälschten Genre verbirgt sich eine Absicht, und die Absicht ist klar: Die Botschaft, wie sie ursprünglich von Jesus vertreten wurde, auf den Kopf zu stellen und zu einem Machtinstrument zu machen. Wer immer diese Schein-Briefe verfasst haben mag, so ist dieses Projekt gelungen. Tja, Jesus machte die Leute doch mit Spucke und Dreck sehend, warum wird dann Paulus durch seine Vision blind? Ist das noch derselbe Jesus? Einer, der die Leute mit Blindheit schlägt, also ihnen Gewalt antut, damit sie auf seiner Seite sind? Wirft diese kleine Episode nicht bereits den Schatten des apokalyptischen Jesus voraus?

  2. Bei meinen Recherchen zu meinen beiden Büchern (Denken statt glauben; Jesus, Römer, Christentum) habe ich in allen möglichen und durchaus gerade in „christlichen“ Büchern nach einer belastbaren Datierung für die angeblich „echten“ Paulus-Briefe gesucht. Zweifler an „einem Paulus“ gibt es immerhin doch einige (eben und gerade auch Detering selbst). Einzig bei Lüdemann wird überhaupt die Apostelgeschichte, diese unsägliche Märchengeschichte, mit der römische Imperiums-Politik betrieben wird, mit einem Statthalter Gallio in Verbindung gebracht und allein so eine Datierung „um 50“ vorgenommen.
    Könnte es aber nicht viel wahrscheinlicher sein, dass wir ganz verschiedene „Paulusse“ vor uns haben? Einen erfundenen „Reise-Paulus“ der Apostelgeschichte, einen gnostisch orientierten Schreiber, der gegen die orthodoxe Kirche antritt und sich dieser Figur und Briefe-Stils bedient, um nun als „Briefe-Paulus“ gnostische Akzente zu setzen, und schlussendlich dann nicht einen kirchlichen Schreiber, der diese Briefe „um-bearbeitet“ und somit als „Kirchen-Paulus“ die Vorlagen verfälscht und andere, die diese Briefe-Sammelsurium später gar mit weiteren Fälschung „bereichern“? Mit dieser Sichtweise lösen sich nahezu sämtliche „Paulus-Probleme“ in Luft auf! Paulus hat mit einem Jesus vor allem eines gemeinsam: Beide sind Erfindungen im Interesse des Flavischen Kaiserhauses und eines Flavius Josephus!
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    1. Ihrer Unterscheidung zwischen „Reise-Paulus“,„Briefe-Paulus“ und „Kirchen-Paulus“ stimme ich zu (wobei nach meiner Meinung der Apostel der Apg und der „Kirchenpaulus“ zusammengehören). Doch welche Gründe haben Sie anzunehmen, dass Paulus eine Erfindung des Josephus bzw. flavischen Kaiserhauses sei?

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