„Et hic dii sunt – auch dieser Ort ist ein heiliges Land!“

Ernst Haeckel und Albert Kalthoff – eine Wahlverwandtschaft?

[Erstveröffentliching in: Lenz, Arnher E. und Volker Mueller (Hrsg.): Darwin, Haeckel und die Folgen: Monismus in Vergangenheit und Gegenwart, Neustadt am Rübenberge: Angelika Lenz 2006 – Das Bild zeigt einen Ausschnitt aus Haeckels Werk „Kunstformen der Natur“, Ascidiae, Seescheiden]

1. Die Begegnung in Jena

In seinem Aufsatz Ein deutscher Monistenbund aus dem Jahre 1906[1] hat Albert Kalthoff  auf einigen  Seiten  des gemeinsam mit Heinrich Ilgenstein herausgegebenen Blaubuchs einen lesenswerten Bericht über seine erste persönliche Begegnung mit Ernst  Haeckel gegeben. Kalthoff war nach Jena gekommen, um der am 11. Januar stattfindenden konstituierenden Sitzung des  Deutschen Monistenbundes beizuwohnen. Zum Zeitpunkt seines Eintreffens wußte er allerdings noch nicht, daß Haeckel, den er bis dahin nur literarisch und brieflich kannte,  ihn dazu ausersehen hatte, den Vorsitz des DMB zu übernehmen. Haeckel wollte ihm dies erst in einem vertraulichen Vorgespräch eröffnen, zu dem er Kalthoff und seinen Assistenten Heinrich Schmidt am Vormittag in seine „Villa Medusa“ eingeladen hatte.  Kalthoff war von einer „gespannten Erwartung“ erfüllt, „wie sich wohl der erste Eindruck seiner Persönlichkeit mir darstellen werde“, als er „die nach ihm benannte Straße zu seiner Villa“ hinaufging.

Villa Medusa in Jena, Bergstraße 7 - heute Haeckel-Museum
Villa Medusa in Jena, Bergstraße 7 – heute Haeckel-Museum – Foto: www.knerger.de

Der beiläufige Hinweis  auf die nach Haeckel benannte Straße ist wohl nicht ganz zufällig und deutet bereits auf das Gefälle zwischen den beiden Männern. Auf der einen Seite Kalthoff – 16 Jahre jünger als Haeckel und trotz einiger Publikationen und eines beachtlichen Anhangs in St. Martini in Bremen ein der deutschen Öffentlichkeit kaum bekannter Theologe und Freigeist. Auf der anderen Seite der schon zu Lebzeiten zur Legende gewordene, in seiner „Villa Medusa“ residierende Ernst Haeckel, Forscher, Zoologe und Buchautor, der für seine wissenschaftlichen Leistungen bereits  mit vielen Ehrendoktorwürden honoriert worden war, dessen Welträtsel ein in viele Sprachen übersetzter internationaler Bestseller war, der mit seinen Beiträgen das geistige Leben des wilhelminischen  Deutschland nachhaltig beeinflußt hatte, dem noch zu Lebzeiten  Büsten gefertigt – und nach dem Straßen benannt wurden!

Haeckel scheint sich seiner historischen Bedeutung bewußt gewesen zu sein. Trotz einer gewissen   jovialen Leutseligkeit, die er dem Theologen  aus Bremen gegenüber in Gesprächen und Briefen an den Tag legte, pflegte er seine Lorbeeren nicht zu verstecken. Bezeichnend dafür sind zwei Ansichtskarten an Kalthoff, die sich im Kalthoff-Nachlaß des Bremer Staatsarchivs befinden und auf deren Vorderseite die Abbildung eines Haeckel-Reliefs[2] prangt. Eine der beiden Karten ist „Herrn Dr. Albert Kalthoff , Bremen, dem Förderer der Monistenreligion, dem kühnen Reformator der Entwicklung  und Entstehung des Christentums“[3]  gewidmet. Die Widmung wirkt – auf einer Karte mit Haeckels Reliefbild – ein wenig  gönnerhaft und läßt den Eindruck aufkommen, Haeckel habe Kalthoff durch die schmeichelhafte Anrede erst „auf Augenhöhe“ zu sich emporheben wollen – zumal die „Monistenreligion“ als Haeckels Werk gelten durfte und Kalthoff allenfalls als deren Prophet angesehen werden konnte.[4]

Kalthoff fährt in seinem Bericht über die Konstituierung des deutschen Monistenbundes damit fort, die Begegnung mit dem greisen Forscher aus Jena zu schildern. Er hatte davon gehört, daß Haeckel leidend sei, dieser selbst hatte ihm von den Beschwerden des Alters geschrieben. So zeigte sich Kalthoff

„freudig überrascht, den 72 jährigen, auf dessen Schultern die Last einer Riesenarbeit liegt, mir so elastisch entgegenkommen zu sehen. Das leuchtende Künstlerauge, die sonnige Heiterkeit seines Wesens zeigten mir das Bild eines Kämpfers, der im Kampfe nur sich selber vertieft und verklärt, weil es eine große, eine Menschheitssache war, für die er gekämpft.“

Daß Kalthoff bei der Beschreibung Haeckels zuerst  das „leuchtende Künstlerauge“ auffällt, mag überraschen (zumal sein Besuch vor allem dem Philosophen und Vertreter des Monismus in Deutschland galt, weniger dem Künstler). Nicht ganz auszuschließen ist, daß Kalthoff den Universalgelehrten an dieser Stelle zu einem zweiten Goethe stilisieren wollte. Auch mit dem Hinweis auf die „sonnige Heiterkeit seines Wesens“ könnte er beim Leser ganz bewußt eine Assoziation an den beiderseits verehrten „Olympier“ aus dem nicht weit entfernten Weimar erzeugt haben wollen. Was dann folgt, ist wilhelminisches Pathos: Von den Bildern des „Kampfes“ und des „Kämpfers“, das auf den Provokateur Haeckel  allerdings zweifellos gut paßt, wird in den Werken Kalthoffs und Haeckels (und ihrer Zeitgenossen) ein geradezu inflationärer Gebrauch  gemacht[5] — beide erweisen sich darin als Kinder ihrer Zeit, der wilhelminischen Epoche, in der man sich offenbar kaum einen Sachverhalt ohne militaristische Kategorien zu veranschaulichen vermochte.

Der Inhalt der Unterredung faßt den Kern der von Haeckel und Kalthoff vertretenen monistischen Weltanschauung zusammen: Auf die Versicherung, daß der Monismus als antidogmatische Bewegung nicht seinerseits Dogmen produzieren dürfe – eine bis heute bedenkenswerter Devise –, folgt eine Kritik an der dualistischen Weltanschauung, die als „zwiespältiges Lebensbild, wie es dem kindlich naiven Denken der Vorfahren genügte“, bezeichnet wird. Sie sei in  einer Epoche der fortgeschrittenen naturwissenschaftlichen Erkenntnis obsolet geworden und müsse für die  auf dem ganzen Kulturleben lastende „Halbheit und Zerfahrenheit“ verantwortlich gemacht werden. Demgegenüber gelte es, „die Kulturwerte aufzuzeigen, die in einer monistischen, das Weltbild einheitlich betrachtenden, alle Lebensfunktionen auf ihren inneren Zusammenhalt zurückführenden Weltanschauung beschlossen liegen“. Die Einheit müsse noch fester bestimmt werden, damit die „Moral, die Kunst, die Religion als besondere Erscheinungsformen des in sich einheitlichen Lebens erkannt und gewürdigt, und auch die gesellschaftlichen Vorgänge, die politischen und sozialen Bildungen und Entwicklungen in ihrer biologischen Bedingtheit erfaßt werden“.[6]

Hinsichtlich ihrer Anschauungen über Grundlagen und Zielsetzung des  Monismus  gibt es zwischen den beiden Männern keine Meinungsverschiedenheiten.[7] Das von Kalthoff  etwas weitschweifig umschriebene Programm ist die Paraphrase einiger von Haeckel schon in seinen Welträtsel ausgesprochenen Gedanken sowie des später im Altenburger Vortrag  wiederholten Glaubensbekenntnis[ses]  der reinen Vernunft. [8] Kalthoff, der die monistischen Gedanken eloquent zu formulieren und öffentlichkeitswirksam vorzutragen verstand, war trotz seiner theologischen Herkunft, in den Augen Haeckels zweifellos ein ideales Sprachrohr und ein geeigneter Vorsitzender des DMB.  Daß Kalthoff sich angesichts der Größe der Aufgabe noch eine Weile zierte, ist sicher wenig mehr als bescheidene Attitüde. Am Ende läßt er sich natürlich doch erweichen, vor allem durch „Hinweisung auf die Männer, welche ihre Kräfte in den Dienst der Sache“ stellen wollen und erklärt sich, wenigstens „vorläufig“, zur Übernahme dieses Amtes bereit.

Der historische Tag findet einen würdigen  Ausklang. Zunächst wird in Anwesenheit Haeckels der Satzungsentwurf des Monistenbundes beschlossen, was dieser, wie Kalthoff bemerkt,  mit „sichtbarer innerer Bewegung“ verfolgte, da es sich hierbei um die „Ausführung des Testaments, in welchem Haeckels beste Lebensarbeit der Welt vermittelt und erhalten werden sollte,“ handelte. Danach begibt sich der Ehrenvorsitzende mit dem Vorsitzenden in sein Arbeitszimmer (das Kalthoff bereits aus Abbildungen vertraut war!), um mit ihm  am Fenster ein vertrauliches Gespräch zu beginnen:

„’Hier sehen Sie, wie ich mich ausruhe, wenn mir`s einmal zu arg wird in der Arbeit und allem Staub der Lebenskämpfe.’ Dabei öffnete er den Fensterflügel und deutete mit der Hand auf den vor uns liegenden Berg mit dem rötlich strahlenden Gipfel, wie Schiller ihn gegrüßt, und sagte: ‚Ist das nicht schön?’ Dann nahm er meine beiden Hände, hielt einen Augenblick still und fuhr mit leuchtendem Auge, aber mit vor Erregung zitternder Stimme fort: ‚Ich denke jetzt an meinen Altenburger Vortrag – Monismus als Bund zwischen Wirklichkeit und Religion. Das soll nun durch uns beide verwirklicht werden.’ Und wie ich seinen Händedruck stumm erwiederte [sic!], fuhr mir`s durch den Sinn: et hic dii sunt – auch dieser Ort ist ein heiliges Land!“[9]

Die gefühlvolle und nicht ohne  Pathos dargestellte Szene kann als Höhepunkt der von Kalthoff überlieferten Begegnung mit Haeckel gelten. Allerdings ist der Sinn des Zitats an dieser Stelle nicht ganz eindeutig. Die Schwierigkeit besteht, abgesehen davon, daß Kalthoff nicht korrekt übersetzt,[10] darin, daß dieses ursprünglich auf Heraklit zurückgehende Zitat[11] eine lange Rezeptionsgeschichte hat und als Motto von Lessings Nathan der Weise fungiert.[12] Immerhin wäre also denkbar, daß Kalthoff an dieser Stelle weniger an Heraklit als an Lessing dachte und das Zitat (wie dieser) auf die Frage nach der „wahren Religion“ bezogen hätte.

Haeckel und Kalthoff sprechen in ihren Büchern mitunter  von  „Wahlverwandtschaften“.[13] Damit  wurde in der Naturwissenschaft der damaligen Zeit die Verwandtschaft bestimmter chemischer Elemente bezeichnet, die sie dazu befähigt, untereinander Bindungen einzugehen.  In seinem gleichnamigen Roman hatte Goethe den Begriff  als Metapher auf menschliche Beziehungen übertragen. Seither wurde er gerne für menschlich-soziale oder kulturelle Verbindungen und Abstoßungen verwendet. Auch Haeckel und Kalthoff, die ihren Goethe gut kannten, taten das.[14]  Kalthoff bezeichnet sie einmal als ein „Bündnis zu neuer Lebensgestaltung“.[15] Ganz im Sinne dieser Definition könnte auch die Koalition  Kalthoff-Haeckel  als „Wahlverwandtschaft“  bezeichnet werden, mit dem Ziel, unter dem Dach einer „Monistenreligion“ ein gemeinsames „Bündnis zu neuer Lebensgestaltung“ zu schaffen. Jedenfalls standen der um wissenschaftliche Redlichkeit bemühte radikale Theologe und der um Ausgleich mit der Religion bedachte Naturwissenschaftler bei dem Projekt der Schaffung einer monistischen „Religion in den Grenzen der reinen Vernunft“ Seit an Seit.

 Nachdem Haeckel noch einmal seiner Freude Ausdruck verliehen hat, daß das Werk, „an das er selber nur nach ernstesten Erwägungen Hand angelegt habe, jetzt der Verwirklichung nahe gerückt sei“,  verabschiedet er sich auf Anraten seines Arztes, der ihm nur eine halbe Stunde gestattet hatte, vom Gründungskomitee. Die Szene wird mit einem Bonmot aus dem Mund von Adlatus Schmidt abgerundet:

„Ich weiß, daß unser [!] Professor, dessen Hauptleiden nervöse Schlaflosigkeit ist, in der kommenden Nacht einmal besser schlafen wird.“

Haeckels Arbeitszimmer - Foto: http://www.ehh.uni-jena.de/Museum.html
Haeckels Arbeitszimmer – Foto: http://www.ehh.uni-jena.de/Museum.html

Kalthoff  war sich über die historische Dimension seiner Begegnung mit Haeckel gewiß im klaren. Er schildert eine ideale Szene. So hätte es sein sollen: Der Ältere übergibt dem Jüngeren am Ende eines langen Forscherlebens sein Vermächtnis und beauftragt ihn damit, sein Lebenswerk, das heißt die Sache des Monismus, fortzuführen. Haeckel – eine Art Mose, Begründer einer neuen Religion, der „Monistenreligion“ – dem es selber voraussichtlich nicht mehr vergönnt sein würde, das Heilige Land zu betreten, Kalthoff als dessen Nachfolger Josua. Die von Haeckel im Altenburger Vortrag programmatisch geforderte Verbindung von Wissenschaft und Religion sollte durch den Monistenbund unter Vorsitz des jüngeren Kalthoff  in die Tat  umgesetzt werden. In dem beruhigenden Wissen, daß sich sein Vermächtnis in guten Händen befand, hätte Mose-Haeckel fortan der wohlverdienten Ruhe pflegen können. Josua-Kalthoff sollte es vorbehalten bleiben, das Volk ins Gelobte Land des Monismus zu führen.

Die von Kalthoff sorgfältig stilisierte Szene wurde genau vier Monate später von der Realität ad absurdum geführt. Das Schicksal, das sich menschlichen Inszenierungen und Selbstinszenierungen gegenüber gewöhnlich als wenig einfühlsam zu erweisen pflegt, hatte es anders gewollt: nicht der Ältere starb zuerst, sondern der soeben designierte Nachfolger. Kalthoff erkrankte kurz nach der Begegnung mit Haeckel und verschied noch am 11. Mai desselben Jahres nach einer durch eine Bronchitis verursachten Herzaffektion. Der greise Haeckel hingegen, dem der Arzt bei der konstituierenden Sitzung aus gesundheitlichen Gründen nur eine halbe Stunde des Beiseins gestattet hatte, sollte ihn noch um 13 weitere Jahre überleben und starb erst nach dem 1. Weltkrieg am 5. August 1919.

Gewiß, der durch den Tod von Kalthoff vakant geworden  Platz des Vorsitzenden wurde schnell wieder besetzt, und die Geschichte des Monistenbundes ging auch ohne den freisinnigen Theologen  aus Bremen weiter. Aber die historische Bedeutung der Begegnung in Jena war durch Kalthoffs frühen Tod und dadurch, daß sein Vorsitz im Monistenbund nur eine flüchtige Episode geblieben war,  erheblich relativiert worden. Möglicherweise hätte auch die Geschichte des Monistenbundes mit Kalthoff als Vorsitzenden einen anderen Verlauf genommen. Der von Haeckel initiierte kühne Streich, ausgerechnet einen Theologen, wenn auch einen „radikalen“, zum Vorsitzenden des Monistenbundes zu machen, ließ sich nicht ein zweites Mal wiederholen.  Mit dem Chemiker Wilhelm Ostwald übernahm 1912 ein profilierter Naturwissenschaftler die Leitung des DMB. In der ideologischen Ausrichtung des Monistenbundes, der in dieser Zeit – darf man sagen: noch ein wenig dualistisch? – zwischen Naturalismus und Idealismus hin und herpendelte, wurde damit eine klare Entscheidung zugunsten  des Naturalismus getroffen.[16] Die  von Haeckel mit der Nominierung von Kalthoff einst anvisierte Annäherung und Aussöhnung von Religion und Wissenschaft war damit auf Eis gelegt, vielleicht sogar revidiert worden. Der Ausstieg selbst „radikaler“ Theologen, wie der Kalthoff-Nachfolger  Steudel und Mauritz, war, soweit nicht durch kirchliche Repression erzwungen, bereits eine Konsequenz der zunehmenden „Naturalisierung“ bzw. Säkularisierung des DMB nach dem Tode Kalthoffs.[17] Der an E. von Hartmann angelehnte idealistische Monismus eines Arthur Drews fand innerhalb des Monistenbunds, trotz rühriger literarischer Tätigkeit des Philosophen aus Karlsruhe, nie nennenswerten Widerhall.[18]

2. Haeckel und Kalthoff – Schnittmengen

In der Politik ist es heutzutage üblich geworden, bei Koalitionsverhandlungen in bezug auf den Konsens zweier Parteien in Anlehnung an Kategorien der Mengenlehre von „Schnittmengen“ zu sprechen. Es ist eine reizvolle Aufgabe, auch die „Koalition“ bzw. „Wahlverwandtschaft“ Haeckel-Kalthoff unter diesem Gesichtspunkt zu untersuchen und sowohl nach gegenseitigen Schnitt- als auch Differenzmengen Ausschau zu halten. Im vorangehenden Abschnitt zeigte sich schon, daß die Zahl der ersten prima facie recht groß ist und sich noch um ein Vielfaches ergänzen läßt. Allerdings hat es auch an Differenzmengen, wie sich noch zeigen wird, keineswegs ganz gefehlt.

Zunächst fällt auf, daß es sich bei den vielfach feststellbaren Übereinstimmungen zwischen den beiden Männern keineswegs nur um sachliche, sondern auch um persönliche  Berührungspunkte handelt. Ihr  Persönlichkeitsprofil weist eine Reihe auffallender Parallelen auf. So besaßen z.B. beide ein beachtliches  rhetorisches Talent, das sie dazu befähigte, ihre Thesen  in Vorlesungen, Ansprachen oder Predigten in allgemein faßlicher Form „unter das Volk zu bringen“. Bei Kalthoff, dessen literarisches Schaffen in erster Linie aus überarbeiteten Vorträgen besteht, die in Buchform erschienen,  braucht das nicht eigens betont  zu werden. Seinen Erfolg hatte er wesentlich seiner regen Vortragstätigkeit zu verdanken, die sich keineswegs nur auf den Dienst auf der Kanzel bezog, sondern auf umfangreicher Rednertätigkeit gründete, sei es im Protestantenverein, im Bürgersaal des Rathauses, in Schulen, im Handwerkerverein oder anderswo. Kalthoff besaß, wie Zeitgenossen bezeugen, nicht nur das erforderliche rhetorische Talent, sondern auch ein persönliches Charisma,[19] dazu eine Begabung, komplizierte Sachverhalte in einer allgemeinverständlichen Sprache darzulegen.[20] Gleiches muß auch von Haeckel gesagt werden, der mit seinen Vorträgen im Volkshaus in Jena und seinen populär geschriebenen Büchern der darwinistischen Entwicklungslehre in Deutschland zum Durchbruch verhalf. Anders als viele seiner Kollegen wollte sich Haeckel nicht damit begnügen, die Ergebnisse seiner Forschungen im Elfenbeinturm der Wissenschaft unter Fachgenossen zu diskutieren. Ihn drängte es, sie der Öffentlichkeit mitzuteilen und im wohlverstandenen Sinn aufklärerisch zu wirken, wobei er anders als Kalthoff ohne Rücksicht auf wilhelminische Empfindlichkeiten  auch vor provokativen Zuspitzungen und Schärfen  nicht zurückschreckte.

Ernst Haeckel
Ernst Haeckel

Die zweite Gemeinsamkeit der beiden Männer betrifft ihr Verhältnis zur Kunst. Sowohl in Kalthoffs wie in Haeckels Vita fehlt es nicht an „bohemienhaften“ Zügen.  Es ist bekannt, daß die Malerei im Leben des „Augenmenschen“ Haeckel  eine wichtige Rolle spielte und er während seines Aufenthaltes in Italien, unter dem Eindruck der Schönheit der italienischen Landschaft sogar mit dem Gedanken spielte, Landschaftsmaler zu werden. Ebenso bekannt ist, daß der verhinderte Maler später viel Gelegenheit fand,  seine Begabung im Rahmen seiner wissenschaftlichen Tätigkeit doch noch zu entfalten. Mit seinen Blättern aus der Sammlung „Kunstformen der Natur“ schuf der Detailbesessene Bilder von berückender Schönheit, deren Ästhetik weit über das Niveau des von einem Naturwissenschaftler zu Erwartenden hinausragte und sogar auf die zeitgenössische Kunst wirkte.[21] Haeckel, der auf seinen über 90 großen Reisen an die 1200 Landschaftsaquarelle schuf, dazu zahlreiche Skizzen und einige Ölbilder,  sich selber freilich nur bescheiden als einen „enthusiastischen Dilettanten“[22] bezeichnete, frönte seiner Leidenschaft, der Landschaftsmalerei, bis in die letzten Lebensjahre.

Wie eng das ästhetische Moment (das sich bei Haeckel fast übergangslos mit dem ökologischen verbindet) im monistischen Weltbild mit dem wissenschaftlichen und ethischen verbunden ist, zeigt Haeckels Altenburger Vortrag: Der Monismus als Band zwischen Religion und Wissenschaft, aus dem Jahre 1893. Darin zitiert er die Worte des Chemikers Johannes Wislicenus,  der  seine Festreden gewöhnlich mit: „Das walte Gott, der Geist des Guten und der Wahrheit“, zu schließen pflegte. Haeckel ist es ein besonderes Anliegen, diese Worte durch den Zusatz „Und der Geist der Schönheit“ zu erweitern. Mit der von ihm als „monistisches Glaubensbekenntnis“ bezeichneten triadischen Formel läßt er sodann seinen eigenen Vortrag ausklingen: „Das walte Gott, der Geist des Guten, des Schönen und der  Wahrheit!!“[23]

Auch Kalthoff hatte eine stark ausgeprägte „künstlerische Ader“.[24] Die Kunst in Form von Dichtung, Literatur und Musik – weniger die bildende Kunst wie bei Haeckel – sind aus seinem Leben nicht wegzudenken. Aus Kalthoffs Predigten und Vorträgen spricht nicht nur der reflektierende Theologe oder Philosoph, sondern vor allem der Schriftsteller und Dichter.[25] Nicht nur Kopf und Verstand sollen angesprochen werden, sondern der ganze Mensch, vor allem aber Empfindung, Gefühl und Anschauung.[26] Besonders um letztere ist Kalthoff stets bemüht. Man lese nur, wie er aus dem spröden  Begriff „Unendlichkeit“  in seiner Predigt über Die Unendlichkeit der Welt gleichsam Funken herauszuschlagen weiß.[27] Kalthoffs Liebe zur Dichtung schlägt sich vor allem in seiner Beschäftigung mit Goethe nieder. Kalthoff ist der erste deutsche Theologe, der es wagte, die Bibel auf der Kanzel durch Goethetexte zu ersetzen. Im Grunde ist Kalthoff  noch  ein Ausläufer der schleiermacherschen (wackenroder- und tieckschen)  Romantik,[28] deren Programm auf eine Aufhebung der Unterschiede von Kunst und Religion zielte. Das Motto der von ihm gepredigten Zukunftsreligion soll lauten: „Frömmigkeit ist Lieb allein zum Schönsten, was es gibt“. Ähnlich wie für Schleiermacher sind Religion und Kunst auch für Kalthoff zwei befreundete Seelen. Der Schönheitssinn, so Kalthoff, wird von der Frömmigkeit in Bewegung gesetzt zu einem „Schauen der allgegenwärtigen Schönheit“. [29] – Der Kunst- und Musikliebhaber Kalthoff war in der Lage, ausgebildete Sänger an Flügel oder Orgel zu begleiten. Mußte er aus Zeitgründen auf einen Konzertbesuch verzichten, pflegte er sich statt dessen die Partitur zu Gemüte zu führen. Nach Aussage seines Freundes Friedrich Steudel soll sich Kalthoff mit dem Gedanken getragen haben, einen großen Roman zu schreiben.[30]

Für Kalthoff wie für Haeckel existierte keine Trennung zwischen Wissenschaft, Ethik und Kunst. Ihr Monismus war kein abstraktes weltanschauliches Programm, sondern, als ständiges Bemühen um eine einheitliche Welterfassung, im Wesen ihrer jeweiligen Persönlichkeit angelegt. Von hier aus entwickelten sich ganz selbstverständlich  die zahlreichen Berührungspunkte zur Lebensphilosophie und Naturmystik ihrer Zeit, vor allem aber zu Schleiermacher, mit dem Kalthoff oft verglichen wurde, und zu Nietzsche und Goethe. Mit ihnen wurde alle „unsinnliche“ Metaphysik und Spekulation abgelehnt und als „dualistisch“ verworfen.

Durch ihr Streben nach ganzheitlicher Lebenserfassung waren Haeckel und Kalthoff stets versucht,  die Grenzen ihres eigenen Fachs zu überschreiten und fremdes Terrain zu betreten. Man denke an die zahlreichen Ausflüge des Theologen Kalthoff in das Gebiet der Ökonomie, die des Zoologen Haeckel in das der Philosophie. Klar, daß sie ihren Gegnern damit eine willkommene Angriffsfläche boten. Der Vorwurf des Dilettantismus wurde laut.[31] Man übersah geflissentlich, daß solche „Grenzüberschreitung“ keineswegs mit falsch angemaßter Kompetenz zu tun hatten, sondern letztlich in dem ganzheitlichen (monistischen) Denken der beiden sowohl programmatisch als auch persönlich verankert war.

Eine weitere Übereinstimmung läßt sich an Haeckels und Kalthoffs Religionsbegriff feststellen. Das mag überraschen. Haeckel ist vielfach „als Vertreter des niederen ‚Materialismus’ und der einseitigen ‚Naturwissenschaft’“[32]  etikettiert worden. Möglicherweise ist er an diesem Vorwurf selber nicht ganz unschuldig. Viele seiner pointierten  Äußerungen über Gott, Seele und  Religion erwecken den Eindruck, als stammten  sie aus der Feder eines eingefleischten „Hardcore-Materialisten“. Bei näherer Betrachtung erweist sich allerdings, daß die Kritik Haeckels nicht der Religion an sich, sondern dem Theismus und der dogmatisch verfestigten Offenbarungsreligion gilt. Zu einer Klarstellung hinsichtlich seiner religiösen Position kam es erstmals in dem schon oben zitierten Altenburger Vortrag, in dem er sich offen zu einem pantheistischen Monismus bekannte: „Unsere ‚monistische Gottesidee’,“ so heißt es darin, „ welche allein mit der geläuterten Naturerkenntniss der Gegenwart sich verträgt, erkennt ‚Gottes Geist in allen Dingen’“. Und gegen den Theismus gewendet, heißt es weiter: „Sie kann nimmermehr in Gott ein ‚persönliches Wesen’ sehen, d.h. mit anderen Worten, ein Individuum von beschränkter räumlicher Ausdehnung oder gar von menschlicher Gestalt [das „gasförmige Wirbelthier“!]. ‚Gott’ ist vielmehr überall.“ Als Kronzeugen für sein Bekenntnis führt Haeckel Giordano Bruno, Spinoza und Goethe an, sowie Shakespeare, Lessing, Friedrich U. von Hohenstaufen, Friedrich II., Laplace und Darwin.[33] Ungeachtet der Frage, ob die von Haeckel zitierte „Wolke von Zeugen“ dem pantheistischen Monismus zu Recht oder Unrecht zugeordnet werden kann, ist klar, daß Haeckel hier vom naturalistischen bzw. materialistischen Monismus, der freilich für einen Großteil der Mitglieder des Monistenbundes feste weltanschauliche Basis blieb, abrückt und auf diese Weise eine Brücke zu den Vertretern eines christlich protestantischen Liberalismus oder besser:[34] zum theologischen Radikalismus Kalthoffs und seiner Anhänger schlägt. Ein  derart interpretierter Monismus konnte auch von ihnen akzeptiert werden, so daß zwischen dem Glaubensbekenntnis des Naturwissenschaftlers Haeckel und dem der Theologen Kalthoff, Steudel, Mauritz usw. kaum noch Differenzen bestanden.[35]  Wie Haeckel kann auch der „monistische Prediger“ Kalthoff [36] auf der Kanzel sowie in Aufsätzen und Büchern dem pantheistisch-monistischen Gottesverständnis huldigen. Auch für Kalthoff ist alles Leben Entfaltung des einen ewigen Urlebens, die Welt nichts anderes als die „zeitlich räumliche Entwicklung aller in Gott ruhenden Vollkommenheit“. Der Grund für unsere Existenz liegt nicht außerhalb der Natur, sondern in ihr selber, auch unsere „Uebernatürlichkeiten und Jenseitigkeiten“ sind somit ganz ihr Werk. Gott kennen wir nur im Zusammenhang mit dem Leben, er ist Lebensgrund, Lebenskraft, Lebensziel. So ist die Religion für Kalthoff stets „ihrem Wesen nach monistisch gewesen und der Dualismus war an ihr nur ein Bild und Gleichnis, eine Schale, darin ihr Lebenskern eingeschlossen war“.[37]

Daß die monistische Religion nur eine des Diesseits sein kann, ergibt sich daraus von selbst.  Eine „Himmelfahrt der Gedanken“[38] wird von Kalthoff ebenso entschieden abgelehnt wie von Haeckel.

Trotz vielfacher Übereinstimmungen bleibt zu fragen, ob die Idee einer monistischen Religion von beiden nicht doch unterschiedlich interpretiert wurde; ob der Pantheismus bei Haeckel, d.h. die restlose Identifizierung von Gott und Welt, nicht eine stärker „säkulare“, materialistische Komponente hat und letztlich auf einen „höflichen Atheismus“ hinausläuft,[39] während in  Kalthoffs theologischem Denken – trotz seiner Dementis – noch einige Reste theistischen und idealistischen Denkens sich erhalten haben. Doch stoßen wir bei der Beantwortung dieser Frage bereits auf die Kalthoff-Haeckelsche Differenzmenge, auf die erst im nächsten Abschnitt näher eingegangen werden soll.

Daß sich die monistische, anders als jede Offenbarungsreligion,  „innerhalb der Grenzen der reinen Vernunft“ zu bewähren  habe, ist bei alledem eine sowohl von Haeckel als auch von Kalthoff nie in Frage gestellte Prämisse. Das bedeutete, daß die monistische  Religion sich selbstverständlich im Einklang mit den Ergebnissen der Naturwissenschaft, insbesondere der darwinschen Entwicklungslehre, befinden müsse, da „wir als festes Fundament derselben ausschließlich die reine Vernunft in Anspruch nehmen, die Weltanschauung auf Grund der Wissenschaft, der Erfahrung und des vernünftigen Glaubens (der wissenschaftlichen Hypothese)“.[40]

Wir stoßen hier auf ein anderes Gemeinsames zwischen Kalthoff und Haeckel: ihr Mut zur wissenschaftlichen Redlichkeit (der sich bei beiden durchaus auch mit einer gewissen Lust an der Provokation verbinden konnte). Beide, auch der im Amte stehende Prediger, duldeten an diesem Punkt keine faulen Kompromisse. Als Forscher und Naturwissenschafter mußte Haeckel die Diskrepanz zwischen modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen  und den von den Kanzeln herab verkündeten Lehren der christlichen Religion  besonders schmerzen. Von daher sein scharfer Appell, die Lücken zu schließen. Da dieser bei den meisten Vertretern der Kirchen auf taube Ohren stieß, antwortete er mit der Gründung seiner monistischen Religion.

Was für Haeckel die Naturwissenschaft, das war für  Kalthoff die Geschichte, insbesondere die Geschichte des frühen Christentums. Kalthoff betrachtete es seinerseits als ein Gebot der wissenschaftlichen Redlichkeit, diese einer streng historisch-kritischen Betrachtung zu unterziehen. Eine solche aber mußte nach seiner Auffassung unvermeidlich zu dem Ergebnis gelangen, daß  die Geschichte des Christentums sich unmöglich so ereignet haben konnte,  wie sie von den theologischen Kathedern seiner Zeit,  insbesondere von Harnack und seinem Anhang, den Vertretern des liberalen Christentums, gelehrt wurde.  Der „Zimmermannssohn des liberalen Christentums“, der „harmlose Landmann“ und „fröhliche Optimist“, der „junge Mann in Palästina, von dem die Gelehrten eigentlich nur wissen, daß er gerade das nicht gewesen ist, was er nach den Schriften der Bibel sein soll“,[41] und der doch zugleich als Vorbild des weisesten und frömmsten Mensch angepriesen wird – er hat nie gelebt. Die bisherige kritische Forschung hat das nicht erkannt, weil sie noch von dem Gegensatz zur römisch-katholischen Kirche geleitet war und von dem Interesse, eine Quelle zu besitzen, welche die protestantische Auffassung gegen die katholische Verfälschung des Christentums  als ursprünglich erwies. So wurde der historische Jesus für sie zum Strohhalm, an „den das Autoritätsbedürfnis sich anklammert, von welchem die liberale Theologie nicht loskommt.“[42] Doch der ist längst zum „Professorenchristus“ verkommen, der auf einer Universität wieder anders aussieht als auf der anderen;[43] zum leeren Gefäß, in das jeder Theologe seine eigenen Inhalte ergießt. Der historische Jesus der protestantischen Forschung ist aber ein durch und durch künstliches Konstrukt, voll innerer Widersprüche und als historische Person unvorstellbar. Man beachte, daß er in den neutestamentlichen Schriften durchweg als Gottmensch dargestellt wird. Dieses Göttliche aber ist „in Christus stets und überall mit dem Menschlichen innerlich eins zu denken“.[44] Die von vielen Forschern angewendete „Abziehmethode“ kann deswegen nicht zum Erfolg führen, weil nach Abzug aller mythischen und wunderbaren Elemente kein historisches Individuum übrigbleibt. Bei dem historischen Jesus handelt es sich um ein reines Postulat der liberalen Theologie!

Das neutestamentliche Jesusbild ist für Kalthoff nichts anderes als das historisierte Messiasbild des späten Judentums. Wie in dem Gottesknecht des Deuterojesaja das Schicksal Israels, spiegelt sich in ihm außerdem  die Geschichte der christlichen Gemeinde selber wider. Das Kreuz Christi ist das Kreuz der im Römischen Reich verfolgten jüdischen Messiasgemeinden.[45] Die Evangelien sind „nicht Urkunden der Geschichte eines Individuums, sondern der einer sozialen Bewegung, der werdenden katholischen Gesellschaftsordnung“.[46] Sie sind auch nicht in Palästina, sondern in den jüdischen Diasporagemeinden Roms entstanden, wie daraus hervorgeht, daß einige Gleichnisse und Erzählungen der Evangelien römische und nicht palästinensische (Rechts- und Besitz-) Verhältnisse  voraussetzen. Kalthoff, der offenbar durch seinen Kollegen Moritz Schwalb, einem Bekannten des niederländischen radikalen Theologen A.D. Loman in Amsterdam, mit der holländischen Radikalkritik bekannt gemacht wurde, sympathisiert auch mit der These, daß es sich bei sämtlichen  paulinischen Briefen um Fälschungen aus dem 2. Jahrhundert handelt.[47]

Von allen Leistungen Kalthoffs scheint mir diejenige die bemerkenswerteste, daß mit ihm erstmals ein Theologe in Deutschland – nach Bruno Bauer – den Mut fand, der erstaunten Öffentlichkeit  die  Ergebnisse der radikalen historischen Bibelkritik mitzuteilen. Kalthoffs Arbeiten auf diesem Gebiet, von denen auch Haeckel Notiz nahm,[48] verdienen bis heute Beachtung. Während viele seiner Predigten oft schon einen etwas angestaubten Eindruck machen und sowohl in inhaltlicher als auch in stilistischer Hinsicht noch stark den Geist ihrer Zeit atmen, wirken seine Schriften immer dann, wenn er Kritik am Jesuskult der Liberalen  übt, so frisch, bissig und aktuell wie eh und je. Ebenso seine Polemik am Historismus und der Vergangenheitsorientierung des Glaubens. So erinnert z.B. der Biblizismus mancher Christen Kalthoff an das senile Gebrabbel von Greisen, die „dieselbe Geschichte  hundertmal erzählen, und jedesmal meinen …, ihre Zuhörer müßten an ihren Worten dieselbe Freude haben, die sie dabei empfinden.“[49]

Auch Kalthoffs Thesen über die Entstehung des frühen Christentums sind trotz vielfacher Mängel keineswegs ganz überholt und dem Liebhaber  unvoreingenommener Bibelkritik sicherlich wertvoller als die Platitüden und der x-fache Aufguß liberaler Leben-Jesus-Forschung, wie wir sie bis heute in den Büchern von Klaus Berger, Gerd Theißen, J.D. Crossan usw. antreffen und die auch noch auf den Kanzeln ihre fröhlichen Urständ feiern. Bedauerlich nur, daß seine Entstehungsgeschichte des Christentums – nicht zuletzt durch seinen frühen Tod – ein Entwurf geblieben ist. Zu kritisieren wäre allerdings, daß Kalthoff  den Anteil der Gnosis im Hinblick auf die Entstehung des Christentums m.E. viel zu gering einschätzt.

Über die Bedeutung von Haeckels wissenschaftlichem Werk braucht nicht viel gesagt zu werden. Trotz aller Kritik, die daran inzwischen  laut geworden ist, trotz mancher Revisionen, denen es unterzogen wurde,  besteht seine bleibende Leistung darin, der darwinistischen Lehre bei uns zum Durchbruch verholfen und Deutschland bis heute gegen den Ungeist biblizistischen Unsinns im pseudowissenschaftlichen Gewand, Kreationismus genannt, immunisiert zu haben. Man muß nur auf die heutige Situation in den USA schauen, um diese Leistung angemessen würdigen  zu können.

Der Unterschied zwischen Kalthoffs und Haeckels Werk ist der, daß letzteres allgemein rezipiert wurde, während der von Kalthoff vertretene theologische Radikalismus bis heute in der Öffentlichkeit nahezu unbekannt geblieben ist. Angesichts dessen, daß sich seit Kalthoff die Lage weiter verändert hat und die Indizien, die für eine radikale Revision unseres Bildes der frühchristlichen Geschichte sprechen, inzwischen durch weitere Funde und neue Erkenntnisse um ein Vielfaches vermehrt wurden, wäre eine „Wiederaufnahme“ des damals ausgesetzten Verfahrens gegen den sog. historischen Jesus längst überfällig. Freilich wird die akademische Theologie alles daran setzen, eben dies zu verhindern und weiter ihre bewährten Praktik des Totschweigen, Ignorierens und Ausgrenzens gegen alle diejenigen einsetzen, die ihre beschaulichen, kirchlich-kompatiblen Kreise stören.

Noch einige weitere Gemeinsamkeiten zwischen Haeckel und Kalthoff wären zu erwähnen, was aber, aus Platzgründen nur kurz geschehen kann, zumal es sich dabei um Anschauungen handelt, die sie mit vielen (auch nicht-monistischen) Zeitgenossen teilten. So wäre beispielsweise auf den Fortschrittsglauben hinzuweisen, dem  sowohl Haeckel als auch Kalthoff anhingen. Beide lebten in dem Bewußtsein, am Anfang einer neuen Menschheitsära  zu stehen, in der (fast) alle „Welträtsel“ durch die Wissenschaft würden gelöst werden können[50]. Entsprechend galt ihr Hauptaugenmerk nicht der Vergangenheit – Kalthoff ist ein entschiedener Gegner des Historismus – sondern der Gegenwart und Zukunft und dem Aufbau einer neuen Kultur – das Wort  begegnet  in verschiedenen Zusammensetzungen und Variationen („Kulturmensch“, „Kulturwelt“, „Kulturstaat“, „Kulturvolk“) fast auf jeder Seite ihrer Werke.

In der Theologie bezeichnet man diese Epoche heute als „Kulturprotestantismus“. Dem naiv fröhlichen Glauben, der wissenschaftliche Fortschritt werde mit dem menschlichen Hand in Hand gehen, haben die beiden Weltkriege die Unschuld geraubt. „Mit der Krise der schönen neuen Wissenschaftswelt in den flandrischen Schützengräben“, so konstatiert Ernst Zander, „erhielt auch der Selbstläufer namens Fortschritt einen Steckschuss, von dem sich die Weltanschauungsproduktion seitens der Biologie in Deutschland erst am Ende des 20. Jahrhunderts wieder erholte“.[51] Das gilt für Biologie wie Theologie gleichermaßen. Auch auf dem Feld der Theologie bewahrheitete sich das alte hegelsche Gesetz, daß in der Geschichte auf die These zwangsläufig die Antithese folgt. Auf den „Kulturprotestantismus“ und die Abkehr von den liberalen Vätern (Schleiermacher, Harnack)  folgte die dialektische Theologie eines Karl Barth und trat ihre Herrschaft auf Kanzeln und Kathedern an. Mit dem barthianischen „Ganz anderen“ war der Graben aufgerissen; aus Mensch und Gott, eben noch kaum voneinander zu unterscheiden,  wurden zwei Königskinder, die nicht zueinander kommen können.  An die Stelle des kulturoptimistischen Monismus der Jahrhundertwende  trat faktisch ein kulturpessimistischer Dualismus, der auch noch die Chuzpe besaß, das sacrificium intellectus  als christliche Tugend zu proklamieren.

Daß Haeckel und Kalthoff im Kulturkampf der damaligen Zeit in einer Front gegen „Pfaffentum“[52] „Jesuiten und „Ultramontanismus“ standen, versteht sich von selbst. Die Bewunderung für den „gewaltigen“ Staatsmann Bismarck[53] war bei Haeckel scheint`s größer als bei Kalthoff. Beide  traten entschieden für eine Trennung der Kirche vom Staat ein, sowie dafür, den Religionsunterricht in staatliche Hände zu legen. Kalthoff: „Sicher würde unser Volk und auch die  Religion besser dabei fahren, wenn der Religionsunterricht der Kirche auf das für sie selber unbedingt notwendigste Maß beschränkt würde, auf das des konfessionellen Unterrichts, während der Religionsunterricht ganz und gar der Schule überwiesen würde“.[54] Auch für Haeckel ist der konfessionelle Unterricht „reine Privatsache und Aufgabe der Eltern und Vormünder, oder derjenigen Priester oder Lehrer, denen diese ihr persönliches Vertrauen schenken“. An dessen Stelle soll für Haeckel an den Schulen „erstens die monistische Sittenlehre und zweitens die vergleichende Religions-Geschichte“ treten.[55]

3. Differenzmengen

Es wäre verwunderlich, wenn es zwischen zwei so profilierten Persönlichkeiten wie Haeckel und Kalthoff nicht auch Unterschiede gäbe. Die Differenzmenge ergibt sich wiederum aus Charakter, Herkunft und Profession.

Beide unterscheiden sich schon in ihrer Sprache: Kalthoff  ist in seinem Ausdruck nuancierter, aber mitunter auch  weitschweifiger und umständlicher. Die  langen Satzperioden erfordern Geduld und gründliches Lesen.  Er läßt den Leser und Hörer nachdenklich zurück. Haeckel dagegen macht es uns einfacher. Ohne unsere Geduld übermäßig zu strapazieren, ohne nennenswerte Einreden kommt er immer exakt  auf den Punkt. Die Sätze sind kurz, die Aussage ist klar, die Argumentation schlüssig.

Haeckel ist als Naturwissenschafter ein Mann des klaren Verstandes.  Er besitzt ein größeres Vertrauen in die Kräfte der menschlichen Ratio als der Theologe Kalthoff.  Aus Haeckels Werk spricht überall ein ungebrochener Optimismus: Die Rätsel der Natur sind mehr oder weniger gelöst,  ihre Geheimnisse, nicht zuletzt durch Haeckel selbst, gelüftet. Und soweit dies noch nicht der Fall ist, wird die Zukunft schon die gewünschte Aufklärung bringen.  – Gewiß war Haeckel viel zu sehr Forscher, um nicht zu wissen, daß sich mit jeder neuen Lösung auch ein neues Problem stellt, doch sein kurz angebundener, apodiktischer Stil erweckt oft den Eindruck besserwisserischer Infallibilität.

Ganz anders Kalthoff, der viel vorsichtiger argumentiert als Haeckel. Trotz aller Wissenschafts- und Fortschrittsgläubigkeit mißtraut er der „allein seligmachenden“ Logik, die „Wahrheit der Empfindung“ ist für ihn nicht minder wertvoll als „die eines Rechenexempels“ – und nicht etwa die Naturwissenschaft, sondern die Dichtung ist für ihn die „wertvollste Quelle der Wahrheit“.

Auch für ihn ist die Welt ein Rätsel. Aber kein auflösbares, wie bei Haeckel, sondern ein unauslotbares. In dem Abschnitt  über die Unendlichkeit der Welt finden wir nietzscheanische Klänge: auch für Kalthoff ist die Welt tief, „tiefer als der Tag gedacht“.

Selbst der Theismus scheint bei ihm noch nicht ganz überwunden, vielleicht rational, aber nicht emotional: Kalthoff  hält ein intensives religiöses Verhältnis ohne ein göttliches Du offenbar für unmöglich. Der Mensch kann im großen unendlichen Leben das „große göttliche Du wiederfinden“.[56] Monistisch ist dieser Rekurs auf das „göttliche Du“ selbst dann nicht, wenn Kalthoff sich hier uneigentlicher, metaphorischer Redeweise bedienen sollte.

Vor diesem Hintergrund  verwundert es auch nicht, daß in Kalthoffs Seelenlehre eine Auflösung des Ich nicht vorgesehen zu sein scheint.  „Das Vernichtungswerk des Naturalismus an der Religion“ ist, wie Titius das in seinen Worten ausdrückt, „bei Kalthoff noch nicht völlig bis zu Ende geführt“.[57]  Beim Seelsorger und Schöngeist Kalthoff erhalten die Hörer und Leser den Trost, den ihnen der in analytischer Kälte  argumentierende Naturwissenschaftler Haeckel schuldig bleibt. Da wird z.B. Goethe zitiert: „Kein Wesen kann in nichts zerfallen, das Ew’ge regt sich fort in allen“.[58]  Und da ist auch einmal von dem „Vorhang“ die Rede, hinter dem freilich  „kein anderes Glück, als was wir vor demselben gefunden“ erhofft und gewünscht werden darf. Dieses Glück ist freilich „kein weiches, genießendes, selbstsüchtiges“ – also keine transzendente Nirwana-Seligkeit, keine augustinische oder neuplatonische fruitio Dei (?) sondern wieder ein „schaffendes, helfendes“, wie Kalthoff nicht versäumt hinzuzufügen (was immer er darunter verstanden haben mag).

Weitere wichtige Differenzpunkte betreffen vor allem die Beurteilung des politischen und sozialen Bereichs. Haeckel dachte politisch konservativer und nationaler als Kalthoff, was zweifellos auch mit seiner eigenen Biographie zu tun hat. Haeckel hatte seine politische Prägung durch den Vater – „ein begeisterter Patriot und Gegner der territorialen Zersplitterung“ [59] erhalten – und war durch ihn frühzeitig mit politisch-weltanschaulichen Problemen konfrontiert worden. Mit seiner „Nationalversammlung der Vögel“ verarbeitete bereits der 14-jähriger Schüler die Erlebnisse des revolutionären Vormärz sowie den Kampf um einen einheitlichen deutschen Nationalstaat. [60] Daß der Zoologe Haeckel dazu neigte, politische Zusammenhänge oft unter einseitig biologischen Gesichtspunkten zu betrachten, hat ihn zu Urteilen veranlaßt, die aus heutiger Sicht  fragwürdig sind. Sein Eintreten für die Todesstrafe ist bekannt. Nach Haeckel ist diese „für unverbesserliche Verbrecher und Taugenichtse nicht nur gerecht, sondern auch eine Wohlthat für den besseren Theil der Menschheit“, weil dadurch nicht nur „der Kampf ums Dasein“ erleichtert, sondern auch ein „vortheilhafter künstlicher Züchtungs-Prozess ausgeübt“ wird, „indem jenem entarteten Auswurfe der Menschheit die Möglichkeit benommen würde, seine verderblichen Eigenschaften durch Vererbung zu übertragen“. Auch die Euthanasie unheilbar Kranker wollte Haeckel nicht ausschließen.[61] Vor diesem Hintergrund erklärt es sich, daß haeckelsche Ideen später von den Nationalsozialisten zur ideologischen Rechtfertigung ihrer  Rassenlehre benutzt werden konnten.[62]

Kalthoffs Eintreten für Demokratie, gegen Todesstrafe, für Frieden, für Völkerverständigung, für Europa etc. läßt ihn aus heutiger Sicht moderner erscheinen. Im Vergleich zu Haeckel dachte Kalthoff zweifellos universalistischer, idealistischer, pazifistischer und hier und da auch sozialistischer. Es scheint, als habe der „monistische Prediger“ seine christlichen Wurzeln letztlich nie  ganz verleugnen können und als sei er gerade dadurch gegen die Gefahren des Biologismus, Rassismus und Nationalismus immunisiert worden. Vielleicht hätte der Vorsitzende Kalthoff dem DMB gutgetan und durch seinen Kurs vor falscher ideologischer Vereinnahmung bewahren können.[63]

4. Schluß

Ich komme auf die Ausgangspunkt dieses Beitrags zurück: Haeckel-Kalthoff – eine Wahlverwandtschaft? Diese Frage kann bejaht werden. Die Schnittmenge zwischen Haeckel und Kalthoff war zum Zeitpunkt der Gründung des DMB, wie wir gesehen haben,  so groß, daß die die Differenzen (noch) nicht ins Gewicht fielen. Die entscheidende  Frage jedoch ist, wie lange die Verbindung Bestand gehabt hätte. Die Beziehung hatte ja den „Vorzug“, sich nicht weiter bewähren zu müssen. Kalthoff starb nur wenige Monate, nachdem er den Vorsitz des DMB übernommen hatte. Von den Schwierigkeiten, die dadurch auf ihn persönlich, aber auch auf den Monistenbund zukommen sollten, hat er allenfalls ein Wetterleuchten wahrnehmen können.[64]

So bleibt vieles ungeklärt. Wie wäre Haeckels Befürwortung des Weltkriegs vom Pazifisten Kalthoff beurteilt worden? Oder dessen zunehmender Nationalismus? Oder sein Austritt aus der Kirche im Jahre 1910? Sein Eintreten für die Euthanasie? [65] Hätte Kalthoff der wachsenden öffentlichen Kritik nachgegeben und den Vorsitz des DMB niedergelegt? Hier lag eine Menge Konfliktpotential, das die Verbindung der beiden Männer vermutlich noch oft auf die Probe gestellt hätte.

Auf einem ganz anderen Blatt steht die Frage, die Michaelis stellt, ob denn der „Monismus Kalthoffs letztes Wort gewesen“ wäre[66]. Bei so flexiblen und wandlungsfähigen  Geistern wie Haeckel und Kalthoff läßt sich das schwer beantworten. Gehen nicht auch „wahlverwandte“ Elemente  Verbindungen oft nur „auf Zeit“ ein? In der Natur ist nichts von Dauer. Es gilt: Tempora mutant et nos mutamur in illis.

Wer über bloße Spekulationen hinausgelangen und methodischer vorgehen möchte, könnte von der „Ontogenese“ einzelner  Schüler auf die „Phylogenese“ der Bewegung und damit auch des früh vollendeten Lehrers Kalthoff schließen. Aber natürlich ist auch ein solcher Rückschluß von den Schülern auf den Lehrer ein waghalsiges Unterfangen. Doch auszuschließen ist es nicht, daß es Kalthoff  am Ende wie seinen Schülern Steudel und Mauritz ergangen wäre, die dem öffentlichen Druck nachgaben und ihre Mitgliedschaft im DMB aufkündigten. Das bleibt allerdings Vermutung. Denn auch das andere ist möglich, daß Kalthoff, gerade aufgrund seiner engen persönlichen und menschlichen Verbindung mit Haeckel dem Monistenbund treu geblieben und  wie dieser aus der Kirche ausgetreten wäre.

Festzuhalten bleibt, daß aufgrund zahlreicher persönlicher und inhaltlicher Übereinstimmungen durch Haeckel und Kalthoff im Januar 1906 eine einmalige geistesgeschichtliche Konstellation herbeigeführt wurde, eine Koalition zwischen Monismus und theologischem Radikalismus, eine Verbindung, so eng, daß der Monismus in dieser Zeit als Radikalismus und der Radikalismus als Monismus gelten konnte.

Doch diese Konstellation war ein überaus fragiles Gebilde und dauerte nur kurz. Um es präzise zu sagen: ganze vier Monate – vom 11. Januar bis zum 11. Mai 1906.

Anmerkungen

[1] Das Blaubuch I 3 S. 109-115; vgl. A. Titius, Der Bremer Radikalismus, Tübingen 1908; S. 49f – Der vollständige Text wurde von mir digitalisiert und ist zu lesen unter: www.radikalkritik.de/monistenbund.htm.

[2]  Modelliert von Joseph Kopf, 1890.

[3] 25. 11. 1905 – Im Kalthoff-Nachlaß des Bremer Staataarchivs unter der Signatur: 7,40 -20.

[4] Inhalt der zweiten Ansichtskarte: „Jena 7.3. 1906. Herzlichen Dank für Ihre Monistengrüße, die ich bestens erwidere! Hochachtungsvoll Ernst Haeckel“. – Aus dem Kalthoff Nachlaß des Bremer Staatsarchivs unter der Signatur: 7,40 -20.

[5] Das Wort „Kampf“ begegnet in Haeckels Welträtsel gleich 57 mal, das Verbum „kämpfen“ 27 mal. Heinrich Bösking über den Gründer der Deutschen Friedensgesellschaft Albert Kalthoff: „Unter keinen Umständen wollte er den Priestern gleichen, die ewig Frieden predigen; nur durch Krieg wollte er zum Frieden kommen“, Kalthoffs Gedenken, 929. Über Kalthoff auf dem Sterbebett: „Und seine letzten Federzüge, die er auf seinem Sterbebette getan, waren eine geharnischte Abfertigung seiner Feinde. So beschloß er denn sein Wirken als Kämpfer, der er gewesen ist, sein ganzes reiches Leben hindurch,“ a.a.O. 930. Die hier zitierte Ausgabe ist die Krönersche „Volksausgabe“ aus dem Jahr 1903: Die Welträthsel. Gemeinverständliche Studien über Monistische Philosophie. Volks-Ausgabe, 171.-180. Tausend, Mit einem Nachworte: Das Glaubensbekenntniß der Reinen Vernunft. Die digitalisierte Fassung findet sich unter der URL:  http://caliban.mpiz-koeln.mpg.de/~stueber/haeckel/weltraethsel/die_weltraethsel.html.

[6] Ein deutscher Monistenbund, 110.

[7] Auch in den Formulierungen gibt es Ähnlichkeiten. Gleich am Anfang seiner Welträtsel, 7 (Stellung der Welträtsel), spricht Haeckel wie Kalthoff von dem „unbehaglichen Gefühl innerer Zerrissenheit und Unwahrheit“, der das geistige Klima der Zeit präge.

[8] Vgl. den späteren Aufruf des Monistenbundes: „Die ständig wachsende Gefahr, mit der Ultramontanismus und Orthodoxie unser gesamtes wissenschaftliches, kulturelles und politisches Leben bedrohen, kann nur abgewendet werden, wenn den Mächten der Vergangenheit eine überlegene geistige Macht in Gestalt einer einheitlichen, neuzeitlichen Weltanschauung entgegengestellt wird … Diese Weltanschauung der Zukunft kann nur eine monistische sein, eine solche, die einzig und allein die Herrschaft der reinen Vernunft anerkennt, dagegen den Glauben an die veralteten traditionellen Dogmen und Offenbarungen verwirft“ (Fünf Jahre Deutscher Monistenbund, München-Gräfelfing 1911, 6).

[9] Ein deutscher Monistenbund, 111.

[10] Er hätte natürlich übersetzen müssen: „auch hier sind Götter“, statt „auch dieser Ort ist ein heiliges Land“. Dem altphilologisch geschulten Theologen Kalthoff wird man bei der Übersetzung keinen Fehler, sondern bewußte Absicht unterstellen dürfen, es fragt sich nur welche.

[11] Aristoteles überliefert de part. anim. A 5. 645a 17 daß Heraklit, der sich an einem Backofen wärmte, seine Besucher mit diesen Worten zum Eintritt aufforderte. Aulus Gellius hat diese Worte latinisiert und in die von Lessing zitierte Form gebracht.

[12] Das Titelblatt der Augsgabe von 1779: Nathan der Weise, Ein Dramatisches Gedicht, in fünf Aufzügen: Introite, nam et hic Dii sunt! Apud Gellium. Von Gotthold Ephraim Lessing.

[13] Der Begriff geht ursprünglich auf Torbern Bergman zurück, der ihn 1775 durch sein Werk De attractionibus electivis in die Chemie einführte.

[14] Haeckel geht im 12. Kapitel seiner Welträtsel in einem eigenen Abschnitt auf die Geschichte des Begriffs ein: Wahlverwandtschaft der Elemente. Er weist dort auch auf Goethe hin, der „in seinem klassischen Roman ‚Die Wahlverwandtschaften’ die Verhältnisse der Liebes-Paare …mit der gleichnamigen Erscheinung bei Bildung chemischer Verbindungen“ in eine Reihe gestellt habe.

[15] „Eine ganz kleine Liebe nur lebt in den Stoffen der Natur, die einander meistens herzlich gleichgültig sind, daß sie Jahrhunderte lang dicht neben einander liegen können, ohne sich um einander zu kümmern, die nur ganz wenigen eine so ausgesprochene, aber auch unwiderstehliche Vorliebe, Wahlverwandtschaft genannt, haben, daß sie mit denselben sofort, wenn sie sich begegnen, auch ein Bündnis zu neuer Lebensgestaltung schließen.“ Religiöse Weltanschauung. Reden. 1903, 127.

[16] Wilhelm Ostwald steht auch für das verstärkte Engagement des DMB in der „Kirchenaustrittsbewegung“. Dem von ihm und Karl Liebknecht ausgerufenen „Massenstreik gegen die Staatskirche“ auf einer Kundgebung am 28. Oktober 1913 folgten etwa 3000 bis 4000 Teilnehmer.

[17] Schon Steudel und Mauritz haben ihren (offenbar nicht ganz freiwilligen) Austritt aus dem Monistenbund (bald nach dem Tode Kalthoffs) damit begründet, daß „eine Reihe von Stimmen, die sie nicht vertreten könnten, geeignet wären, in weiteren Kreisen die Ueberzeugung aufkommen zu lassen, daß die Mitgliedschaft des Bundes mit dem Predigerberuf unvereinbar sei“ Freies Wort 1906, S. 228; zitiert nach Titius, a.a.O. 46.

[18] Drews beschreibt dieses Problem in seiner Christumythe; „Wenn die Vertreter des monistischen Gedankens, die vor kurzem sich zu organisieren angefangen haben [!], sich über die Bedeutung jenes Gedankens erst einmal klarer geworden sein werden, als sie es gegenwärtig meist noch sind, wenn sie dahin gelangt sein werden, einzusehen, daß die wahre Einheitslehre nur Alleinheitslehre, ein idealistischer Monismus im Gegensatze zu dem heute noch überwiegenden naturalistischen Monismus im Sinne eines Haeckel sein kann, ein Monismus, der die Existenz eines Gottes nicht aus-, sondern einschließt, wenn damit ihre gegenwärtige unfruchtbare Verneinung aller Religion sich zu einer positiven, auch religiös vollgültigen Weltanschauung vertieft haben wird, dann, aber auch erst dann werden sie der Kirche wirklich Abbruch tun und wird die heute noch in ihren Kinderschuhen steckende monistische Bewegung zu einer inneren Gesundung und Erneuerung unseres gesamten geistigen Lebens führen können.“ – Die Christusmythe, Das religiöse Problem der Gegenwart, 1910, 237.

[19] Lipsius, Blaubuch II, 27, S 820 bezeugt, daß Kalthoff eine seltene Gewalt über Menschen besaß, die er „in eigenartiger Weise zu fesseln vermochte“. Nach Titius zitiert, a.a.O. 6.

[20] In seinem Auftreten wirkte Kalthoff durch „große Ruhe und Sicherheit, Wärme und tiefe Empfindung“, und in seiner Predigt offenbarte er „die große Gabe, einfach, klar und doch in hohem Grade gemütvoll ein Thema zu behandeln. Ich habe einen solchen Redner noch nicht gehört, und dasselbe hörte ich von vielen anderen.“ aus: Donat, H. (1988): Albert Kalthoff – Ein „vergessener“ Pazifist und Pionier der Bremer Friedensbewegung. In Donat, H. & Jung, R. (Hgb.): „Mit Gott dem Herrn zum Krieg“? Bremer Pastoren für den Frieden. Bremen: Donat Verlag. S. 26-57.

[21] So nahm bekanntlich der Pariser Architekt René Binet (1806- 1911 eine Radiolarie als Vorbild für das Monumentaltor zur Pariser Weltausstellung 1900. Zum Ganzen siehe Dr. Angelika Weiß-Merkleins Artikel (nächste Fußnote).

[22] „Ich bin kein vollendeter Künstler, sondern nur ein enthusiastischer Dilettant.“ Zitiert in dem schönen Artikel über Haeckel von Dr. Angelika Weiß-Merklein, http://www.bnv-bamberg.de/home/ba2282/main/faecher/
biologie/haeckel.htm
. Leider wird dort keine Quelle angegeben.

[23] Vgl. auch a.a.O. 38f: „Die monistische Naturforschung als Erkenntniss des Wahren, die monistische Ethik als Erziehung zum Guten, die monistische Aesthetik als Pflege des Schönen — das sind die drei Haupt­gebiete unseres Monismus; durch ihre harmonische und zusammen­hängende Ausbildung gewinnen wir jenes wahrhaft beglückende Band zwischen Religion und Wissenschaft, das heute noch von so Vielen schmerzlich vermisst wird. Das Wahre, das Gute und das Schöne, das sind die drei hehren Gottheiten, vor denen wir anbetend unser Knie beugen … Diesem „dreieinigen Gottes-Ideale“, dieser natürlichen Trinität des Monismus wird das herannahende zwan­zigste Jahrhundert seine Altäre bauen!“

[24] Nach Lipsius ist Kalthoff „in erster Linie Praktiker und nicht Theoretiker, nicht Begriffsmensch, sondern Künstler“, in: Was nun? Aus der kirchl. Bewegung u. wider den kirchl. Radikalismus in Bremen von J. Burggraf. Giessen 1906, 823f.; vgl. Titius  a.a.O., 6.

[25] Womit noch nichts über die literarische Qualität der Predigten gesagt ist, die sich oft in zeitgemäßem pathetischem Schwulst gefallen. Die größte gedankliche Originalität erreicht Kalthoff m.E. vor allem dort, wo er gegen den Jesus der liberalen Theologen polemisiert, dazu s.u.

[26] Kalthoffs Grundsatz: daß die „Wahrheit der Empfindung“ nicht weniger wertvoll sei als „die eines Rechenexempels“, Religiöse Weltanschauung, 53; Die Dichtung ist die „wertvollste Quelle der Wahrheit“, a.a.O. 51. Vgl. das ganze Kapitel: Der Ursprung des Gottesglaubens, 45-55, a.a.O. Gedanklich erinnert der Abschnitt eher an Novalis’, „Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren…“, und an die Romantik als an Haeckels Monismus. Überhaupt ist Kalthoff der Romantik viel stärker verhaftet als Haeckel.

[27] Religiöse Weltanschauung, 12-22.

[28] Man vergleiche die Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders, von Wilhelm Heinrich Wackenroder, Berlin 1797.

[29] Zukunftsideale. Nachgelassene Predigten mit einer Lebens­skizze von Fr. Steudel, ebenda 1907, 180. Vgl. Titius, a.a.O. 40.

[30] Johannes Abresch: Enfant terrible im Talar, in: Geschichte in Wuppertal, 5. Jahrg., S. 18-51, Wuppertal 1996. Digitalisiert:  www.radikalkritik.de/enfant_terrible_im_talar.htm

[31] Titius, a.a.O. 47: … es darf nicht vergessen werden, daß von einem Zoologen philosophische und theologische Schulung nicht erwartet werden darf.“ Prof. Friedrich Paulsen erklärte Haeckel „als Philosoph für eine Null“. Haeckel selber: „Die einzig mögliche Erklärung … liegt in dem maßlosen … Ärger über den literarischen Erfolg meiner Welträtsel und darüber, dass überhaupt ein Naturforscher sich untersteht, Studien über Philosophie zu veröffentlichen. Denn dieses Recht steht nach ihrer Ansicht nur den privilegierten Fachmännern zu…“ Welträtsel, 163 (Nachwort).

[32] Haeckel an Breitenbach.18 Dez 1908.

[33] Der Monismus als Band zwischen Religion und Wissenschaft, 33.

[34] Kalthoff sollte im strengen Sinn nicht als „liberaler“, sondern besser als „radikaler  Theologe“ bezeichnet werden, da gerade dem theologischen Liberalismus (eines Harnack) sein Kampf galt, s.u. Daß seine Anknüpfung an Schleiermacher „liberale“ Züge aufweist, steht auf einem andern Blatt.

[35] Haeckel hatte bereits in seinen Welträtsel, 129,  festgestellt , daß der „liberale Protestantismus … sich immer mehr zu einem monistischen Pantheismus“ verflüchtige und „nach Versöhnung der beiden entgegengesetzten Principien“ strebe; der Protestantismus suche „die unvermeidliche Anerkennung der empirisch bewiesenen Naturgesetze und der daraus gefolgerten philosophischen Schlüsse mit einer geläuterten Religionsform zu verbinden, in der freilich von der eigentlichen Glaubenslehre fast nichts mehr übrig blieb“.

[36] Bösking, Kalthoffs Gedenken, Blaubuch Nr. 23 (1. Jg. 1906) 929.

[37] Schleiermachers   Vermächtnis   an  unsere   Zeit.    Religiöse Reden. Berlin 1896, 189, 191, 193; An der Wende des Jahrhunderts.    Kanzelreden  über  die sozialen Kämpfe unserer Zeit. 1898, 277; 11.  Zarathustra-Predigten.   Reden über die sittliche Lebens­auffassung Friedrich Nietzsches. 1904, 148;  Religiöse Weltanschauung. Reden. 1903, 83;  Zukunftsideale. Nachgelassene Predigten mit einer Lebens­skizze von Fr. Steudel,  1907, 97;  Blaubuch, I,  Nr. 7. 267f; vgl. Arthur Titius, Der Bremer Radikalismus, 1908, 52.

[38] Titius, a.a.O. 53

[39] So bezeichnete schon Schopenhauer den Pantheismus; vgl. Haeckel, Welträtsel, 117.

[40] Welträtsel, 173f.

[41] Siehe: Das Christus-Problem, 20ff;  Die  Entstehung  des   Christentums, 9; Die Religion der  Modernen, 1905, 181. 289-293; Modernes Christentum, 22f.;  Was wissen wir von Jesus?  Eine Abrechnung mit Prof. Bousset, 1904, 23; vgl. Titius, a.a.O. 93.

[42] Die  Entstehung  des   Christentums, 13.

[43]  Was wissen wir von Jesus?  40f: „Dieser Professorenchristus, der auf der einen Universität wieder anders aussieht als auf der anderen, soll unserm Volke angeboten werden als ‚Weg, Wahrheit und Leben’? Das heißt: In unserer Kirche soll ein Professorenregiment aufgerichtet werden, nachdem wir das Priester- und das Pastorenregiment abzuschütteln begonnen haben.“

[44] Die  Entstehung  des  Christentums,  9.

[45] A.a.O. 108 : „Wie viele Tausende Juden und Sklaven am Kreuze gestorben sein mögen: Der gekreuzigte Christus des Neuen Testaments ist kein einzelner von diesen allen, er ist ihre ideale Zusammenfassung in der Kreuzesgeschichte der Christusgemeinde, und es hat alle Wahrscheinlichkeit für sich, daß diese Kreuzesgeschichte in der Trajanschen Christenverfolgung ihren historischen Hintergrund und biblischen Abschluß gefunden hat“.

[46] Das Christus-Problem, 69.

[47] A.a.O. 110. Vgl. H. Detering, Paulusbriefe ohne Paulus? Die Paulusbriefe in der holländischen Radikalkritik, 1992, 64. 411ff. – ders.: Der gefälschte Paulus, 1995.

[48] Haeckel, Welträtsel, 126: „Im Uebrigen waren die Urchristen der ersten Jahrhunderte zum größten Theil reine Kommunisten, zum Theil Social-Demokraten, die nach den heute in Deutschland herrschenden Grundsätzen mit Feuer und Schwert hätten vertilgt werden müssen.“ – A.a.O. , 174: „ Die kritischen Forschungen nach dem ‚Leben Jesu’ haben uns überzeugt, daß diese herrliche Ideal-Figur des christlichen Trinitäts-Glaubens nicht der ‚Sohn Gottes’, sondern ein edler Mensch von höchster sittlicher Vollkommenheit war  (- vorausgesetzt die historische Existenz seiner Person, die doch auch von kritischen Theologen bestritten wird! -)“ – Damit kann zu diesem Zeitpunkt, 1903, nur Kalthoff gemeint sein, dessen Christus-Problem 1902 erschien. Bruno Bauers Werk wird von beiden geflissentlich ignoriert.

[49] Religiöse Weltanschauung, 215.- „Darum liegt auf der Vergangenheitsreligion der Fluch der Unseligkeit , den die Menschen um so qualvoller empfinden, je heißer ihr Seligkeitverlangen in ihnen aufwacht.“ – Die Religion der Zukunft, Blaubuch, 918.

[50] Kalthoff scheint hier freilich weniger optimistisch als Haeckel, s.u.

[51] Biologie des vollkommenen Menschen, Wissenschaft und Ethik im Monistenbund um 1900. Von Helmut Zander, http://www.kzu.ch/fach/as/material/Texte_philo/Atomistik/nzz010721/03.htm.

[52] Religiöse Weltanschauung, 256f („Religion und Pfaffentum“).

[53] „Die Nachfolger auf dem Stuhle Petri haben das ‚Weiden’ ins ‚Scheeren’ übersetzt. Die hieraus entspringenden Gefahren erkannte mit klarem Blick der gewaltige Staatsmann, der das ‚politische Welträthsel’ der deutschen National-Zerrissenheit gelöst und durch bewunderungswürdige Staatskunst zu dem ersehnten Ziele nationaler Einheit und Macht geführt hatte. Fürst Bismarck begann 1872 jenen denkwürdigen, vom Vatikan aufgedrungenen Kulturkampf“;  Welträtsel, 134.

[54] Religiöse Weltanschauung, 222-233. Über den  Religionsunterricht: „Von unseren heutigen Kirchen ist überhaupt nicht zu erwarten, daß dieselben Religionsunterricht geben…“, 226.

[55] Die sog. „Bremer Klausel“ kommt der von Haeckel und Kalthoff angestrebten Erneuerung des Religionsunterrichts relativ nahe.

[56] Religiöse Weltanschauung, 51. 54.

[57] A.a.O. 81.

[58] Religiöse Weltanschauung,  32.

[59] Uwe Hoßfeld, Olaf Breidbach: Ernst Haeckels Politisierung der Biologie. Landeszentrale für politische Bildung Thüringen,2005, keine Seitenangaben , siehe Stichworte unter  www.thueringen.de/de/lzt

[60] a.a.O.

[61] Zitiert bei Zander, NZZ Ressort Literatur und Kunst, 21. Juli 2001, Nr.167, Seite 73. – Vgl. Ernst Haeckel: Die Lebenswunder, 1904, S.134ff: „Hunderttausende von unheilbar Kranken, namentlich Geisteskranke, Aussätzige, Krebskranke usw. werden in unseren modernen Culturstaaten künstlich am Leben erhalten, ohne irgend einen Nutzen für sie Selbst oder für die Gesamtheit.“

[62] Vgl. Daniel Gasman: Haeckel’s monism and the birth of fascist ideology, 1998.

[63] Zu einer ähnlichen Einschätzung kommt auch Johannes Abresch, a.a.O.: „So klug die Wahl des ersten Präsidenten auch gewesen sein mag, so fatal war Kalthoffs früher Tod für diesen Bund, der fortan in einer seichten ‚Vulgärtheologie’ dümpelte, und eben diese ungünstige Entwicklung hat bald auch auf das Kalthoff-Bild rückwirkend abgefärbt“.

[64] „Zwei Tage bevor Kalthoff seine Augen schloß, tagten seine Kollegen in Christo, um einen Coup auszuführen, der bestimmt war, den verhaßten und gefürchteten ‚Monisten’ als Prediger unschädlich zu machen.

In Bremen besteht eine altersgraue Institution, das ‚Geistliche Ministerium’, und Kalthoff als reformierter Prediger gehörte, einer alten Tradition seine Gemeinde folgend, dieser Gemeinschaft an. Selbige hat auch einen uralten Paragraphen denen die Mitglieder sich bei der Aufnahme verpflichten müssen. Diese Paragraphen reden davon, daß das Mitglied die christliche Lehre ‚getreu nach dem Bekenntnisse’ verkünden müsse.

Auf diese Paragraphen fiel eines Tages der Blick der Brüder in Christo, und sie dachten, jetzt hätten sie ihn, den Kalthoff.

Flugs wurde in seiner Abwesenheit eine Eingabe an die bremische Kirchenbehörde fertig gemacht, die den Zweck verfolgte, dieser in aller Demut klar zu machen, daß sie jetzt gegen den abfälligen Bruder einzuschreiten habe.

Zwei der lieblichsten Stellen lauten;

  1. ven. min. wolle die Erklärung abgeben, daß es mit der bevorstehenden gesetzlichen Ordnung ven. min. in prinzipiell und praktisch gleich unerträglichem Widerspruch steht, wenn ein Ministeriale öffentlich für den Monismus eintritt.
  2. ven. min. wolle diese Erklärung einem hohen Senat zur Berufung auf § 57 lit. e. und d. der Verfassung der freien Hansestadt Bremen mit der Bitte unterbreiten, die geltende, aber jetzt verletzte Ordnung ven. min. zu schützen.

Diese rührende Eingabe beschlossen die geistlichen Herren abzusenden …

Als Kalthoff das Schriftstück vorgelegt wurde, das ihn stürzen sollte, hat er zornblitzenden Auges gelächelt. Und seine letzten Federzüge, die er auf seinem Sterbebette getan, waren eine geharnischte Abfertigung seiner Feinde. So beschloß er denn sein Wirken als Kämpfer, der er gewesen ist, sein ganzes reiches Leben hindurch.“  Heinrich Bösking, Kalthoffs Gedenken, 929f.

[65] Von dem Kalthoff freilich 1906 bereits hätte Kenntnis haben müssen. Daß er sich damit auseinandergesetzt habe, ist w.W. nicht bekannt.

[66] Zitiert bei Titius, a.a.O., 46.

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