Fundierter und spannender Überblick

Rezension zu Hermann Detering:
„Christi Brüder – Wie heidnische Mythen das Christusbild prägten – Eine Revision“, 2017

Von Dr. Dr. Harald Specht

Was den Haupttitel mit Christi Brüder bewusst ambivalent einleitet und bereits im Vorwort in Parenthese gesetzt wird, ist Untersuchungsgegenstand des neuen Buches von Hermann Detering: Die antiken Mysteriengottheiten Attis und Adonis/
Tammuz als heidnische Vorläufer bzw. „Brüder“ Christi.

Ausgehend von den fundamentalen Untersuchungen des schottischen Religionsethnologen J. G. Frazers zum Vergleich von Mythologie und Religion (1890) und den seither diskutierten Parallelen zwischen zahlreichen antiken Gottgestalten, Halbgöttern und Heroen auf der einen und dem christlichen Heiland auf der anderen Seite, analysiert der Autor in einer breit angelegten Übersicht das Für und Wider dieses Ansatzes. Da dieses Thema nicht neu ist und bereits seit über einem Jahrhundert mal mehr und mal weniger tiefgründig aufs Tapet gebracht wurde, kennzeichnet Detering sein neuestes Buch in einem weiteren Untertitel denn auch habil. als „Eine Revision“. Genau in diesem Wortsinn ist dem Verfasser somit eine eingehende Überprüfung und (notfalls auch) Korrektur derartiger Thesen über die „Dying and rising Gods“ möglich.

In vier gut gegliederten Kapiteln untersucht Detering diese „Umstrittene Verwandtschaft“ (Kapitel 1), um anschließend im Kapitel 2 „Die Mütter sind es“ auch die weiblich-mütterliche Seite von Kybele bis Isis und von der Magna Mater bis zur Madonna ins Blickfeld zu setzen. Mit „Attis“ (Kapitel 3) und „Adonis/Tammuz“ (Kapitel 4) rücken dann in diesem 1. Band der Übersicht besonders namhafte „Brüder Christi“ näher ins Blickfeld.

Ein ausführliches Literaturverzeichnis und ein Abschlusswort „Über den Autor“ runden den eindrucksvollen 1. Band ab.

Anders als in seinen bisherigen Sachbüchern nimmt sich der Verfasser diesmal nicht ein Detailproblem frühchristlicher Literatur oder die Echtheit christlicher Figuren samt Wahrhaftigkeit christlicher Apologeten und ihrer Schriften vor (etwa Paulus oder Augustinus), sondern untersucht die pagane Seite der Medaille, um letztlich die Originalität des Christentums und – fast versteckt – auch die Historizität Jesu Christi zu hinterfragen. Besonders denjenigen Lesern, die weniger mit der Diskussion zum Problem der „Dying and rising Gods“ vertraut sind, gibt die detailreiche Zusammenstellung Deterings einen interessanten und breiten Überblick zum Sachstand. Dies gelingt auch dadurch, dass der Autor seine Ausführungen häufig mit längeren Originalzitaten auskleidet und so das Für und Wider der bis heute anhaltenden Diskussion nacherleben lässt.

Detering beginnt mit einer Würdigung der Arbeiten Frazers und deren Folgen vor allem für die Religionsgeschichte (u.a. Bousset, Loisy, Bultmann, Drews) bis hin zu entsprechenden englischsprachigen Arbeiten der jüngeren Zeit (u.a. R.M. Price, T. Freke/P.Gandy). Kritische Arbeiten zu Frazers Ansatz (so von u.a. J.Z. Smith) werden im Abschnitt „Ein misslungener Verwandtschaftsnachweis?“ skizziert, während unter der Überschrift „Diabolische Mimesis“ an die frühesten apologetischen „Argumente“ Justins und Tertullians gegen Ähnlichkeiten und Parallelen zwischen Paganem und Christlichem erinnert wird. Erst mit Tryggve Mettinger, Professor der südschwedischen Universität Lund und Tanach-Experte (2001: „‘Dying and Rising Gods‘ in the ancient Near East“) wird eine modernere und Frazer rehabilitierende Sicht zu den „sterbenden und auferstehenden Göttern“ ins Heute gerettet und durch eine Reihe ähnlicher Gottcharaktere semitischer Herkunft (u.a. Baal, Melqart, Eshmun) untermauert. Mit dieser Einführung gelingt es Detering, neben Fakten und Forschungsergebnissen auch den „Zeitgeist“ des Diskussionsstandes zu vermitteln. Die Auseinandersetzungen der jeweiligen Streitmächte werden nicht nur subtil erfasst und übersichtlich gegeneinandergestellt, sondern als lebendige Wissenschaftsgeschichte für eine breite Leserschaft verständlich und spannend aufbereitet.

Im folgenden Kapitel widmet sich Detering zunächst in einer kurzen Übersicht der „Großen Göttin“ aus prähistorischer Zeit, um dann folgerichtig und ausführlicher auch deren „Töchter“ von Kybele bis Aschera vorzustellen.

Auch hier gelingt es dem Autor, alle wesentlichen Fakten prägnant zusammenzufassen und weitgehend chronologisch abzuhandeln. Gerade bei diesem oft durch moderne Esoterik und falsch verstandenem Feminismus sattsam durchtränktem Stoff sind Deterings trockene Sachlichkeit und Tiefgründigkeit beispielhaft. Dem Verfasser gelingt somit etwas Seltenes: Der fundierte Überblick mit Konzentration auf die wichtigen Forschungsergebnisse und deren wesentliche Literatur; kenntnisreich analysiert und dennoch fast erzählerisch an den Leser gebracht. Ausführliche Fußnoten mit oft spannenden Details unterstützen sowohl das narrative Gerüst als auch die Nachforschung. Aufgelockert durch Anekdoten und Originalzitate werden hier auch die zahlreichen sexuellen Attributierungen der weiblichen Göttinnen ausführlich abgehandelt und eingeordnet.

Während die Passagen über Kybele, Aphrodite und Astarte jedoch kaum direkte Bezüge zu den „Brüdern Christi“ herstellen (können), rücken themenbezogene Aspekte mit einer ausführlichen Würdigung der All-Göttin Isis wieder näher ins Blickfeld. Hier werden zahlreiche Parallelen zum Christentum und vor allem zur Figur der Gottesmutter Maria gezeichnet und überzeugend aufbereitet (z.B. “…antiker Synkretismus“ oder „Von der Magna Mater zur Madonna“).

Über den Rückblick „Jahwe und seine Aschera“ und einen kurzen Umweg über themenbezogene matriarchal-feministische Gesichtspunkte gelangt der Autor dann im zweiten Teil zum eigentlichen Gegenstand seines Buches. (Erscheint der gewählte Kapitelaufbau vordergründig redaktionellen Gründen oder einem anfangs unklaren Projektziel geschuldet, so ist dieser beim näheren Hinsehen recht sinnvoll: Über diese Serpentine gelingt es sicherlich am besten, zum christlich-trinitarischen Modell als einer “Synthese aus dem monotheistischen und dem ältesten dualen Modell von Mutter und Sohngeliebten“ zu kommen, um nun  – „endlich“; Verfasser-Aussage S. 130 – die eigentlichen „Brüder“ Christi unter die Lupe zu nehmen.)

Gleich zu Beginn gibt Detering dem Gestrüpp des Attis-Mythos einen sinnvollen Formschnitt. Dies gilt nicht nur für die verwirrende antike Fabeltradition und deren Rezeptionen, sondern auch für wichtige Vokabeln (z.B. Auferstehen vs. Wiederaufleben). Interessante kosmische Anklänge (wie etwa „Auferstehung“ durchs Himmelstor, Heliosbahn, Milchstraße oder „Sonnen“-Attis), die sich bis hin zu den Neoplatonikern immer wieder finden, werden leider nur kurz erwähnt. Dies ist schade, ist doch der Mythos als „überzeitliches kosmisches Drama“ (S. 150) und „Apotheose in einem Triumphzug durch kosmische Räume“ (S. 163) ebenfalls ein dickes Geäst des Stammbaums „Brüder Christi“ im Rahmen dieser „Ahnenforschung“.

Besonders gelungen sind die Abschnitte zur Attis‘ Ikonographie und Kunst (Motiv „Guter Hirte“) sowie der Vergleich von heidnischen und christlichen Riten und Festen (S. 158-204). Hier werden die engen Beziehungen zwischen der Mater Magna-Religion zum Christlichen besonders deutlich.

Ausführlich widmet sich Detering dann im letzten Kapitel dem Adonis-Mythos, der sich aufgrund einiger Parallelen zu seinem „Doppelgänger“ Attis harmonisch an das davor Gesagte anfügt, darüber hinaus aber auch an noch fassbare Reste seines sumerischen Parts Dummuzi/Tammuz erinnert und uns wieder zurück bis in die Bronzezeit bringt. Somit hätte sich der zeitliche Kreis fast geschlossen. Kürzere Abschnitte über einzelne Adonistraditionen schließen das Buch ab.

(Möglicherweise war das Ende des Buches ursprünglich bereits nach Deterings wunderbaren Betrachtungen zu Thomas Manns Josephs-Tetralogie gedacht (S. 214-236). Sie könnte helfen – so der Autor – die „Wandlungen, Sublimierungen und Läuterungen des Mythos unbefangen und mit offenem Blick für die großen Linien seiner Entfaltung … zu verfolgen.“ Der jetzige Schluss ist doch sehr abrupt.)

Rundum eine gelungene Darstellung mit exzellenter Literaturauswertung.

Nur eines – weil vom persönlichen Interesse des Rezensenten geleitet und nur deshalb als Mangel empfunden – fehlt: Immer da aber, wo es konkret um die Matrize des „Christus“ geht, hätte sich der Rezensent gern einen weitergehenden Untersuchungsradius gewünscht. Denn: Zweifel an der Rolle paganer Christus-Vorbilder gab es immer dann verstärkt, wenn vorrangig auf die Aspekte der „Vegetations-Götterei“ abgehoben wurde und Fragen von Tod und Auferstehung bis hin zu rituellen Jahresfesten allein auf den Vegetationszyklus hinausliefen. Der (für den Rezensenten) mitentscheidende Grund für „Absterben und Wiedererstehen“ liegt aber im Jahreslauf und damit letztlich auch im Umlauf der Gestirne. Und so wie Einsichten in wichtige astronomische Zusammenhänge das frühpriesterliche Wissen und die Religion bestimmten, müssen auch die Mythen und deren Helden viel stärker in diesen Konnex zu Kosmologie, Astronomie sowie den dadurch bedingten Jahresrhythmus und Zeitenwandel (Weltperioden) eingebunden werden. (Nebenbei: Dies gilt auch für die Einbeziehung der Kunst, wie Vergils 4. Ekloge nahelegt).

Und obwohl Stichworte wie „Sonnenmythus“ z.B. schon bei Arthus Drews Beachtung fanden, werden die kosmisch-astralen Motive der „Rising gods“ nur selten näher untersucht. Dies muss sich naturgemäß auch in Deterings „Revision“ niederschlagen, wodurch die Gesamtproblematik der „Brüder Christi“ eingeschränkt bleiben muss. Wo also sind (z.B.) bei der interessanten Frage zum „Problem Jungfrau“ die Bezüge zum gleichnamigen Sternbild und dessen Rolle bei Ackerbau und Kultfesten? Oder: Wo bleiben die „hellenistisch-ptolemäischen Christus-Brüder“ Horus, Aion und Helios und deren ägyptischer Familienzweig? (Obwohl auch Detering kürzlich Ägypten bzw. Alexandria als einen Ursprungsort des Christusgedankens ins Auge fasste – vgl. z.B. Aufsatz: „Die gnostische Deutung des Exodus und die Anfänge des Josua/Jesus-Kultes“; 2017 – bleiben interessante und möglicherweise erhellende Fakten aus den Bereichen der Ägyptologie (und Astronomie) hier wie in den meisten Abhandlungen auch anderer Autoren weitgehend unberücksichtigt. So etwa die Gründungslegende von Alexandria zur Geburt des Sonnen-Gottes Aion in der Nacht vom 5. zum 6. Januar durch die Jungfrau (heute Epiphanias) oder der Geburtstag des alexandrinischen Helios am 25. Dezember (heute Weihnachten), um nur 2 Fakten exemplarisch herauszuheben. Entsprechendes gilt für den gesamten ägyptisch-griechisch-römischen Mythentransfer von Isis/Horus und Leto/Apollon bis hin zu Osiris-Serapis usw. usf.). Selbst bei der recht ausführlichen Besprechung der zahlreichen weiblichen „Familienangehörigen“ im Kapitel 2 wird ungeachtet ihrer Kennzeichnung als „Himmelskönigin“ (Astarte), „Gestirnsgöttin“ (Ischtar) oder „Abend-/Morgenstern“ (Ischtar/Venus) kaum auf die für Kult oder Religion so wichtigen kosmisch-astralen Aspekte eingegangen.

Dessen ungeachtet ist Deterings „Revision“ ein herausragendes Sachbuch!

Auf rund 300 Seiten gelingt es dem Verfasser, das Thema der „heidnischen Verwandtschaft Christi“ im besten Wortsinn populär und wissenschaftlich auszubreiten. Selbst lang Bekanntes wird so zum interessanten Lesestoff mit seltenen Einsichten. Neues ergibt sich vor allem durch die klug gefügten Details, deren (Ein)-Ordnung, Wichtung und Wertung. Spannend sind die eingestreuten Original-Texte und zahlreichen Anmerkungen, die zu einem umfassenden kulturgeschichtlichen Exkurs beitragen.

Die Lektüre des Buches ist rundum empfehlenswert. Man darf sich auf den 2. Band zu diesem Thema freuen!

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2 Kommentare

  1. Die aegyptischen und astraltheologischen Konnexionen werden schon ausfuehrlichst in den Klassikern von Gerald Massey behandelt. In neuester Zeit wurde das Thema auch von Acharya S in Buechern wie „Suns of God“ weiter untersucht.

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