Roland Weber: „Jesus, Römer, Christentum – Makaberste Tragödie des Abendlands“

Rezension von Dr. Dr. Harald Specht

Mit Ockhams Klinge ans Christentum?

Der etwas sperrige Titel des neuen Buches von Roland Weber täuscht: Mit klaren Worten und für jedermann verständlich versteht es der Autor vorbildlich, die Entstehung des Christentums anhand seiner These zu erklären. Zugegeben: Eine „steile“ und „atemberaubende These“, wie der Klappentext die Ergebnisse des Autors zusammenfasst. Danach sei das Christentum eine freie Erfindung des römischen Kaiserhauses zur Zeit des Kaisersohnes und späteren Imperators Titus. Als Spiritus rector und Haupt-Verfasser der Evangelien fungierten hierbei vor allem der zu den Römern übergelaufene jüdische Historiker Flavius Josephus und weitere Komplizen, die Weber unter der griffigen Formel einer „römischen Schreibstube“ subsummiert.

Ein sicher spannendes Thema, das der Autor durch seine umfangreichen Detailkenntnisse, verblüffenden Beispiele und seine unkonventionelle, aber schwungvolle Feder zum wiederholten Male gekonnt aufbereitet.

Wie in seinem ersten Sachbuch zu diesem Thema („Denken statt Glauben – Wie das Christentum wirklich entstanden ist“) greift der Verfasser dabei auf die Ideen Joseph Atwills zurück, die der amerikanische Autor 2005 in seinem Buch „Caesar’s Messiah -The Roman Conspiracy to Invent Jesus“ (2008 deutsch bei Ullstein unter dem Titel „Das Messias-Rätsel“) der Öffentlichkeit vorstellte. Vor allem die in der Tat unübersehbaren Parallelen zwischen Josephus‘ Historienberichten (z.B. „Geschichte des jüdischen Krieges“) und den Erzählungen der Evangelien veranlassen dazu, die Rollen zahlreicher Protagonisten des Neuen Testaments auf reale Vorbilder zurückzuführen. (So wird z.B. die biblische Figur des Jesus Christus als römischer Imperator Titus interpretiert.) Auch zahlreiche Motive und Erzählstränge der synoptischen Evangelien seien als satirische Überhöhungen der Realgeschichte und politisch motivierte Strategie des flavischen Herrscherhauses zu deuten.

Als wesentliche Begründung für die Richtigkeit seiner Thesen sieht Weber vor allem die Motivlage und Interessen der römischen Besatzungsmacht zur Befriedung der Juden sowie zur Verherrlichung des Kaisers. „Die Evangelien enthalten deshalb keine historischen Fakten; sie sind bewusste Fiktionen.“

Ähnlich argumentiert auch die schwedische Dokumentarfilmerin Lena Einhorn in ihrem 2016 vorgestellten Buch „A shift in time: how historical documents reveal the surprising truth about Jesus“ (Yucca Publishing). Sie ist ebenfalls überzeugt, dass sich die Ereignisse der Evangelien an Josephus anlehnen, aber unter dem Blickwinkel einer zeitlichen Verschiebung („Shift in time“) gelesen werden müssen und erst dadurch historisch erklärbar werden. Unterschiede zwischen Atwill/Weber einerseits und Einhorn andererseits ergeben sich jedoch durch die unterschiedliche Wertung des historischen Kernmaterials. So führt die „Zentralsteuerungsthese“ nach Atwill und Weber zu einem rein fiktionalen Inhalt des Neuen Testaments und Leugnung der Historizität Jesu samt anderer Figuren des Neuen Testaments, während die „Zeitverschiebungsthese“ Einhorns die Realität eines Jesus von Nazareth und seines Umfeldes erklären möchte.

Viele der Argumente aller drei Autoren erscheinen jeweils auf den ersten Blick plausibel, ginge es – so Weber – den Verfassern in der „römischen Schreibstube“ doch darum, die „Juden nach deren militärischer Niederlage vom aufrührerischen Messias-Glauben abzubringen“, „einen friedlichen Christus (zu) achten, Frieden (zu) halten, Steuern (zu) zahlen und die römische Obrigkeit als rechtmäßig“ anzuerkennen. Weber liefert hiermit durchaus eine verständliche und nachvollziehbare Motivlage. Noch stärker überzeugen zahlreiche und teils frappierende Parallelen zwischen Josephus‘ Historienberichten und den biblischen Ereignissen, handelnden Personen, Umständen und deren Details.

Wesentliche inhaltliche Aussagen der WEBERschen Thesen sind wie folgt zusammenzufassen:

  • Das Christentum entstand erst nach dem Jüdischen Krieg auf Basis einer rein literarischen Erfindung, die als „bewusste, gezielte und berechnende Strategie der ‚römischen Schreibstube‘“ anzusehen ist (S. 29), deren „Initiator und Kopf“ vermutlich der bereits genannte Flavius Josephus war (S. 49)
  • das aktuelle militärische Ziel der „Schreibstube“ war es, die Juden vom ihrem kaiserfeindlichen Messiasglauben zu entfremden
  • sowohl die in den Evangelien geschilderten Ereignisse als auch die dort handelnden Personen sind weitgehend fiktiv
  • politisches Ziel der Propagandaaktion waren die Befriedung der revolutionären Situation, die ungestörte regelmäßige Steuererhebung sowie die Rechtsanerkennung des Kaiserhauses
  • erst später wurde das Christentum missverstanden und als Machtinstrument missbraucht, so dass es bis heute in den staatlichen Bereich hinein wirkt und den Einfluss der Kirchen sichert

In 27 Kapiteln gelingt es Weber, einen nachvollziehbaren Überblick über die mögliche Entstehung des Christentums zu vermitteln. Mehr als 50 Literaturangaben, eine gesonderte Auflistung „Christlicher Literatur“ sowie hilfreiche Begriffserklärungen helfen vor allem dem weniger Kundigen, spezielle Zusammenhänge und Aussagen besser einzuordnen. Im Falle des Begriffsglossars gibt Weber gleichzeitig Indizien zur Untermauerung seiner Hypothesen. Besonders hervorzuheben sind die im Kapitel 26 gegebenen Tabellen, in denen die Gleichnisse Jesu sowie zahlreiche andere Bezüge zu konkreten Bibelstellen kurz erläutert und geordnet werden. Dem weniger Bibelfesten sicher eine gute Orientierungshilfe, in jedem Fall aber der rasche Hinweis auf die konkrete Text-Stelle im Neuen Testament. Der insgesamt positive äußere Eindruck des Buches wird durch eine sehr übersichtliche Typografie, ein gelungenes Layout und einen festen Einband unterstützt.

Auf gut 260 Seiten wird der Leser so mit interessanten geschichtlichen Zusammenhängen und teils verblüffenden Gedanken des Autors vertraut gemacht. Wem die gesamte Problematik bisher unbekannt war, wird sicher auch zahlreiche neue Aspekte dieser laut Untertitel „Makaberste(n) Tragödie des Abendlands“ erfahren.

Beginnend mit der Einordnung und sachlichen Wertung christlicher Dokumente vom Schrifttum bis zur Kunst, über den historischen Rahmen zur Zeit der Textabfassung bis hin zu deren vermutetem Haupt-Autor Flavius Josephus und der „römischen Schreibstube“ führt Roland Weber Anliegen, Vorgehensweise und Resultate dieser Verfasser vor Augen. Gekonnt fasst der Autor die erstaunlichen Parallelen und Übereinstimmungen zwischen der vor allem von Josephus überlieferten Historie und den christlichen Erzählungen zusammen.

Ausführlich analysiert Weber historische Begebenheiten, Textstellen und Figuren rund um die Erzählungen des Neuen Testaments, um deren literarische Funktion seinen Thesen gegenüberzustellen und zu bewerten. Längere Abschnitte werden dabei u.a. Protagonisten wie Petrus, dem Täufer Johannes, Paulus oder dem Herrenbruder Jakobus gewidmet. Abschließend untersucht Weber auch die entscheidenden Jahre nach Titus, um die Entwicklung des Christentums auch in der Zeit bis Konstantin greifbarer zu machen.

Weber findet dabei interessante Beispiele und zahlreiche Querverbindungen, die seine These stützen können. Als Leser merkt man rasch: Der Autor fühlt sich „aufgerufen, der Basis dieses Glaubens nachzuforschen und (vor allem) aufzuklären.“ (S. 9) Deutlich spürt man dieses Engagement und die unzweifelhafte Überzeugung Roland Webers, dass das gesamte Christentum auf eine rein literarische Erfindung zurückzuführen ist, die Evangelien daher keinerlei historische Fakten enthalten und ganz bewusst aus römischem Interesse in die Welt gesetzt wurden. „Später“, so Weber weiter, „wurde das Christentum missverstanden und missbraucht. Es diente künftig dem klerikalen Adel als Herrschaftsinstrument.“ Gerade dieser Einschätzung ist sicher ohne Zweifel zuzustimmen, so dass auch die Unterzeile des etwas unschierigen Buchtitels als „Makaberste Tragödie des Abendlands“ verständlich wird.

In seinem Kapitel „Erklärungsversuche für das Unerklärliche“ gibt Weber unter anderem einen knappen Bericht über Forschungsarbeiten zur Frage nach dem historischen Jesus, dem Christentum und seiner religiösen Botschaft seit der Aufklärung. Dabei geht er auch kurz auf einige aktuellere Arbeiten deutscher Autoren (Lüdemann, Kubitza, Ranke-Heinemann und Specht sowie einige Seiten später Detering, Bergmeier und Specht) ein. All diesen Autoren spricht er jedoch ab, „die Frage nach dem Motiv und den Umständen der Entstehung“ zu beantworten, weil „Nirgends … die Frage nach der Ursache überhaupt gestellt“ wird (S. 31ff). Diese Einschätzung Webers ist jedoch schlichtweg unzutreffend und sicher dem Bemühen des Autors geschuldet, die eigenen Thesen von den Ergebnissen anderer abzuheben. (Dies jedoch nur am Rande und ohne Bemängelung der WEBERschen Gesamtarbeit.)

Wesentlicher Kritikpunkt ist aber sicher die ausschließliche Ausrichtung der Thesen Webers auf Josephus und seine „römische Schreibstube“, wodurch die Rolle anderer politischer, philosophischer und religiöser Denkschulen und Gruppierungen zur Zeit des frühen Christentums weitgehend unbeachtet und die Existenz der Mysterienreligionen vom Isis- bis zum Mithraskult, der vielschichtigen Gnosis, der hellenistischen Philosophie u.v.a. vollständig oder weitgehend ausgeblendet werden. Weber weist denn auch wiederholt auf das „Ockham’sche Rasiermesser“ hin, um solche „komplexe(n) Überlegungen auch ein wenig“ zu „stutzen und nach der einfachsten Lösung“ zu suchen (S. 32). Aber die einfachste Lösung muss nicht zwangsläufig auch die beste oder richtige sein und gerade das wirkliche Leben und somit die Historie sind besonders komplex. Größter Nachteil dieses alten Prinzips der Parsimonie ist es also, nur eine hinreichende Antwort auf komplizierte Sachverhalte zuzulassen und so die realen historischen Gegebenheiten auf eine einzige und alles erklärende Deutung einzuengen. Das Rasiermesser kann so auch zur Axt werden, die wichtige Sprösslinge der seriösen Sucharbeit im Dickicht der vielverzweigten „Forschungen“ untergehen lässt.

Aber: „Kritiker sollten sich auf das Wesentliche beschränken“ (Leitspruch Roland Webers) und so ist vielleicht nur darauf zu verweisen, dass möglicherweise auch schon vor dem Jüdischen Krieg „christliches Gedankengut“ oder der sogenannte „Christus-Kult“ existierten und damit zeitlich vor der „römischen Schreibstube“ einzuordnen wären.

Schwer nachvollziehbar auch, warum das Christentum nicht schon zur Zeit der „römischen Schreibstube“ diesen Erfolg zu verzeichnen hatte, den es erst in späteren Jahrhunderten unter Konstantin erfuhr. Erklärungsversuche zu diesem „schwarzen Loch“ finden sich im Kapitel 24. Nach Meinung Webers fiel das Christentum „für rund zweihundert Jahre in einen Dornröschenschlaf“ und „lebte dort bis zum Auftritt des Konstantin subversiv weiter.“ (S. 236).

Mag sein… Aber: Was spricht eigentlich dagegen, dass erst längere Zeit nach dem Jüdischen Krieg (etwa im zweiten Jahrhundert u.Z.) die fraglichen Bibeltexte in der Tat von sogenannten Evangelisten verfasst und die geschilderten Ereignisse in eine Zeit um 30 u.Z. zurückprojiziert wurden? (Eine Zeit, an die man sich zwar noch erinnerte, aber deren Ereignisse kaum nachprüfbar waren!)

Was spricht denn dagegen, dass durch Anbindung an bekannte Glaubenssätze, Urbilder und Prophetien des Alten Testaments sowie tradierte Gesetze das Gesetzte in Frage gestellt wurde? Dass man z.B. an den KRST-Kultus anknüpfte und auch Jesus von Nazareth als Christus eine erfundene Mischfigur der Evangelisten ist, die sie aus mythischen, realen und konstruierten Charakteren zum Helden Ihrer Erzählungen heraufschrieben? Dass um der besseren Glaubwürdigkeit ihrer fiktiven Evangelienmärchen nicht nur an bekannte Biografien, sondern auch erinnerbare Geschehnisse, Orte und geschichtliche Ereignisse angeknüpft wurde und so das Fiktive in reale historische Abläufe und Zusammenhänge eingebettet wurde? …

Wäre es dann nicht ebenfalls naheliegend gewesen, auf die profunden Aufzeichnungen eines Flavius Josephus zurückzugreifen und – auch ohne dessen Zutun! – sein Werk zu nutzen? Und letztendlich: Wo hätten die Evangelisten geeignetere Fakten finden sollen als in den zeitgenössischen Historienberichten eines „jüdischen Römers“ wie Josephus?

Der Rezensent mag nicht entscheiden, ob die Wahrscheinlichkeit dieser Überlegungen zu einem Motivtransfer größer ist als die zu einer (fiktiven?) „römischen Schreibstube“. Als mögliches Gegenstück sollte diese These aber nicht zum Opfer der Ockham’schen Klinge werden.

Weber, Roland. Jesus Römer Christentum: Makaberste Tragödie des Abendlands. 1. Aufl. Books on Demand, 2017.

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