Adieu, Plinius!

Gute 35 Jahre ist das nun her, als ich die beiden sogenannten „Christenbriefe des Plinius“ (Buch 10, ep. 96 und ep. 97) zum ersten Mal las. Ich saß damals zusammen mit anderen Theologiestudenten in einem neutestamentlichen Seminar, dessen Thema ich inzwischen vergessen habe. Nur an den Novemberregen, der an diesem ungemütlichen Spätnachmittag gegen die Scheiben prasselte, erinnere ich mich und natürlich an den Seminarleiter, Professor Walter Schmithals, der mit uns den lateinischen Text der Briefe las und freundlicherweise auch gleich noch für seine Studenten übersetzte. Nicht, dass wir das nicht gekonnt hätten. Aber das war so seine Art. Vielleicht befürchtete er, jemanden in Verlegenheit zu bringen. Vielleicht wollte er sich auch einfach die Lesung selber vorbehalten. Seine Vortragsweise – immer ein wenig feierlich und gravitätisch – machte auch den schläfrigsten Studenten klar, dass wir es mit einem bedeutsamen historischen Dokument zu tun hatten. Eine der frühesten Bezeugungen des Christentums vom Anfang des zweiten Jahrhunderts! Nicht aus der Feder eines Christen, sondern des römischen Statthalters in Bithynien, Plinius des Jüngeren (61/62- ca. 113/115 n. Chr.)!

Ein Text, der er es uns ermöglichte, gleichsam in einer Art Tiefenbohrung zu den Anfangsgründen des christlichen Glaubens und der christlichen Gemeindebildung hinabzusteigen! Satz für Satz – reines Zeugnis: für die Existenz von frühchristlichen Gemeinden, frühchristlichen Gottesdiensten, heroischen Martyrien – und somit ein weiterer Beleg dafür, dass alles, woran Christen seit Jahrtausenden glauben, im Wesentlichen auf solider historischer Grundlage stehe. So ungefähr.

Die Überzeugung, dass wir es bei diesen beiden Briefen mit wichtigen Stützpfeilern für die Zuverlässigkeit unseres überkommenen Bildes vom frühen Christentums zu tun haben, hat sich tief eingegraben. Die Ehrfurcht vor einem historischen Dokument dieses Kalibers auch.

Und doch. Ehrfurcht ist gut, Kritik ist besser. Als ich die beiden „Christenbriefe“ im Sommer letzten Jahres erneut las, waren die Eindrücke, die ich damals empfangen hatte, nicht vergessen. Anders als damals gab es allerdings eine Fülle kritischer Fragen, die mich seitdem beschäftigten, und die auch vor diesen beiden altehrwürdigen Dokumenten nicht halt machten. Irgendwann veranlassten sie mich dazu, der Geschichte der Rezeption dieser beiden Texte näher nachzugehen.

Ich hatte geglaubt, dass darüber bereits ausführlichere Studien existierten, sah mich aber darin getäuscht. Darum machte ich mich mit Hilfe verschiedener lateinischer Datenbanken selber an die Arbeit und gelangte dabei zu einem überraschenden Ergebnis:

  1. Abgesehen von Tertullian wurden die Christenbriefe des Plinius und Trajan, die christlichen Apologeten des 2. Jahrhunderts eine Steilvorlage hätten bieten können, von keinem christlichen Schriftsteller des 2. Jahrhunderts erwähnt.
  1. Aber noch sonderbarer: Alle auf Tertullian folgenden Kirchenväter sind von den Zitaten Tertullians abhängig, kein einziger von ihnen, weder Hieronymus noch Prosper Aquitanus noch Frechulf Lexovensis usw., besaß eine eigene Ausgabe des Briefwechsels. Hieronymus sagt ausdrücklich: „So zitiert Tertullian im Apologeticum“ (Tertullianus refert in Apologetico).
  1. Hier stellte sich die Frage nach der Zuverlässigkeit des „Zeugen“ Tertullian. Hatte Tertullian die beiden Christenbriefe überhaupt gesehen? Hatte er sie wirklich auf seinem Schreibtisch liegen? Oder handelte es sich bei den „Zitaten“ nur um seine spontane Erfindung? Der Verdacht war so absurd nicht. In der Tat galt es zu lernen, dass Tertullian viel erzählt, wenn der Tag lang ist. Es gibt kaum einen dubioseren kirchlichen Schriftsteller als ihn. So kennt er nicht nur einen Briefwechsel Plinius-Trajan, sondern noch eine Reihe von weiteren Dokumenten, für deren Authentizität sich heute wohl kaum ein Historiker verbürgen möchte. Um nur dies zu erwähnen: Es befindet sich darunter sogar ein Zeugnis über die Himmelfahrt Christi. Darüber können sich heute vermutlich nur noch stramme christliche Fundamentalisten freuen. Denn es soll von keinem Geringeren stammen als vom römischen Statthalter Pontius Pilatus, der „selbst schon in seinem Innersten ein Christ, dem damaligen Kaiser Tiberius über Christus gemeldet“ habe (Apol 21,24). Im vierten Band seiner gegen Marcion gerichteten Schrift (Marc 4,7) versucht Tertullian zu beweisen, dass Christus nicht, wie Marcion behauptet, vom Himmel herabgestiegen, sondern auf der Erde geboren sei. Als „höchst glaubwürdiges Zeugnis“ (testem fidelissimum) führt er dann die Registrierung Jesu in den Unterlagen der Volkszählung auf. – Bereits diese beiden Beispiele genügten, um deutlich zu machen, wes Geistes Kind der Kirchenvater ist: Wenn er aus einer Schrift zitiert, beweist das in der Regel gar nichts, weder dass er richtig zitiert noch dass er die Schrift gelesen hat – noch dass es sie überhaupt gegeben hat.
  1. Am Merkwürdigsten aber war nun das Folgende: Bei einem Vergleich zwischen dem von Tertullian überlieferten Wortlaut des Briefes mit dem des Hieronymus und der ihm folgenden Kirchenväter fielen einige Unterschiede auf. So gebraucht z.B. Hieronymus bei der Aufzählung der Delikte, derer sich die Christen enthalten, die beiden Begriff furta (Diebstahl) und latrocinia (Raub/Spitzbübereien), die bei Tertullian gar nicht begegnen. Offensichtlich hat also Hieronymus das Zitat des Tertullian etwas abgeändert und die beiden Worte furta und latrocinia frei hinzugefügt.

Warum aber, und das war nun die alles entscheidende Frage, tauchten diese beiden Begriffe auch im Brief des Plinius an Trajan auf?

Was hatten sie dort zu suchen? Wie war das möglich? Woher konnte Hieronymus die originalen Formulierungen der Passage kennen? Sollte der Kirchenvater etwa durch eine Eingebung des Heiligen Geistes instand gesetzt worden sein, den ursprünglichen Wortlaut des Pliniusbriefes wiederherzustellen?

Das wäre nun allerdings schwer zu glauben. Zumindest dort, wo man sich um eine wissenschaftliches Verständnis der Angelegenheit bemühte.

Da der Kirchenvater nun einmal steif und fest behauptete, dass er seine Informationen über den Briefwechsel des Plinius von Tertullian erhalten habe, also offenkundig nicht über eine eigene Ausgabe der Plinius-Briefe verfügte, aus der er sein Wissen hätte schöpfen können, konnte es eigentlich nur eine vernünftige Lösung des Rätsels geben. Die kleine Unstimmigkeit konnte nur als Hinweis darauf aufgefasst werden, dass die beiden Briefe keine authentischen Dokumente aus der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts waren, sondern spätere christliche Texte, deren Verfasser nicht nur auf Tertullian, sondern auch auf Hieronymus bzw. die ihm folgenden Kirchenschriftsteller, zurückblickte. Es galt, – paradox genug – zu erkennen, dass der Pliniusbrief seinen Referaten und Referenten nicht voranging, sondern ihnen folgte und sozusagen den Endpunkt der mit Tertullian einsetzenden Entwicklung bildete, in deren Verlauf er in immer neuen Variationen und Paraphrasen zitiert wurde; d.h. nicht eigentlich er, sondern das Referat des Tertullian.

Diese Vermutung konnte noch anhand weiterer Details bestätigt werden, z.B. an einer angeblichen Verschreibung von quasi zu et. Nach Plinius verehrten die Christen Christus durch ihren Gesang  wie = quasi Gott, nach Tertullian verehrten sie Christus und = et Gott, bei Hieronymus wieder wie = ut Gott. Es ist klar, dass die Entwicklung nur vom et zum (ähnlich geschriebenen) ut und von dort zu dem ut gleichbedeutenden quasi verlaufen sein kann, also et > ut > quasi und nicht quasi > et > ut.

Was nun noch folgte, war eine nähere Beschäftigung mit der Textgeschichte des 10. Bandes der Pliniusbriefe, in dem die beiden Christenbriefe enthalten sind. Im Ergebnis bestätigte sich der Verdacht der Unechtheit nicht nur, sondern wurde zur festen Gewissheit. Nicht nur die beiden Christenbriefe erwiesen sich als spätere Fälschungen, der ganze 10. Band der Plinius-Trajan-Korrespondenz war der Fälschung verdächtig. Der Verdacht war im übrigen so neu nicht und wurde schon gleich beim ersten Erscheinen der Korrespondenz von kritischen Zeitgenossen geäußert. Das einzige erhaltene Manuskript war vor dem 16. Jahrhundert noch völlig unbekannt und wurde erst gegen dessen Anfang von dem alerten Dominikanermönch, Ingenieur und Antiquar, Fra Giocondo, ans Licht gezogen, um sogleich wieder in der Versenkung zu verschwinden. Es gilt bis heute als verschollen, in Wahrheit scheint es niemals existiert zu haben.

Wer mehr über die abenteuerliche Geschichte der beiden „Christenbriefe“ sowie der übrigen „klassischen“ Jesuszeugnisse erfahren will, lese darüber ausführlich in meinem Buch: „Falsche Zeugen. Außerchristliche Jesuszeugnisse auf dem Prüfstand“. Es soll im September 2011 im Alibri-Verlag erscheinen.

Das Buch war ursprünglich als Einleitung eines Jesusbuches gedacht. Im Laufe der Arbeit entwickelte es sich zu einer eigenständigen Monographie. Es ist derzeit das einzige Buch eines deutschen Theologen, das sich ausschließlich mit dem Thema nichtchristlicher Jesuszeugnisse beschäftigt. Im Unterschied zu einigen angelsächsischen Vorgängern bin ich nach gründlicher Prüfung der sechs klassischen Zeugen allerdings in allen Fällen zu einem negativen Ergebnis gelangt. Am Ende steht die nüchterne Bilanz, dass mit ihrer Hilfe weder die historische Gestalt Jesu von Nazaret noch die Existenz eines frühen Christentums im 1. Jahrhundert bewiesen werden kann. Also nicht nur: Adieu, Plinius! sondern auch: Adieu, Josephus, Tacitus, Sueton, Mara bar Serapion und Thallus!

Vielleicht auch: Adieu, Jesus? Mein Buch: „Falsche Zeugen“ versucht, auch darauf eine Antwort zu geben.

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