Bilike Argumente

Zur Rezension meines Buches „Falsche Zeugen“ durch Ronald Bilik

Ich hatte bereits vor längerer Zeit auf die Rezension meines Buches Falsche Zeugen durch Ronald Bilik (in FreidenkerIn 4/11) hingewiesen. Da Freunde mich darum baten, etwas näher darauf einzugehen, komme ich mit gewisser Verspätung noch einmal in ausführlicherer Form darauf zurück.

Wenn ich Bilik recht verstehe, ist der in meinem Buch betriebene Aufwand einer Zeugenbefragung zur Feststellung der historischen Existenz des Mannes aus Nazareth im Grunde vergeudete Zeit. Um zu erkennen, dass Jesus wirklich gelebt hat, bedarf es lediglich eines flüchtigen Blicks in die Evangelien: „Eine Figur, die den Weltuntergang für das Jahr 30 vorhersagt,“ so Bilik kategorisch, „kann aus logischen Gründen nicht Jahrzehnte später erfunden werden.“ Für Bilik ist also „die historische Existenz eines Jesus von Nazareth… unabhängig von den Nachrichten anderer antiker Autoren“ allein aufgrund dieser Überlegung eine gesicherte Tatsache (S. 34).

Letzteres muss erstaunen. Denn das, was Theologen und Historikern mit Blick auf den Nachweis der historischen Existenz eines Jesus von Nazareth seit jeher Kopfschmerzen bereitet, der Mangel an glaubwürdigen Quellen, das weitgehende Fehlen von Zeugnissen, die nicht vom Glauben gefärbt sind, scheint Bilik wenig zu beunruhigen. Als Beweis für die Existenz des Mannes aus Nazareth reicht diesem Freidenker das unfehlbare Zeugnis der Heiligen Schrift.

Da die Angelegenheit offenbar so simpel, die Lösung des Problems so bilik, die Logik des Arguments so zwingend ist, bleibt die Frage, warum sich bisher nur so wenige fanden, die sich davon überzeugen ließen. Hätte doch die leidige Diskussion damit gleichsam wie mit einem Paukenschlag zugunsten der Existenz eines historischen Jesus beendet werden können. Haben deren Verteidiger das Gewicht jenes Arguments unterschätzt – waren die Bestreiter nur zu tumb, um es zu verstehen? Oder sollte die erlösende Erkenntnis bisher überhaupt nur Herrn Bilik vorbehalten geblieben sein?

Wer Biliks Argument allzu wörtlich nimmt, hat allerdings erst einmal ein Problem. Denn davon dass Jesus den „Weltuntergang für das Jahr 30 vorhergesagt“ haben soll, wird er in seinen Evangelien nichts finden. Und überhaupt verhält es nicht mit den apokalyptischen Aussagen des Herrn und Heilands nicht ganz so einfach, wie Bilik wohl meint. Einige Stellen erwecken den Eindruck, als sei das Reich Gottes für Jesus bereits gekommen (Lk 17,21), an anderen wiederum werden wir ausdrücklich gewarnt, den Termin seines endgültigen Kommens und damit des Weltendes zu berechnen, siehe Mk 13,32: „Von dem Tage aber und der Stunde weiß niemand, auch die Engel im Himmel nicht, auch der Sohn nicht, sondern allein der Vater.“ Irgendeine Festlegung auf das Jahr 30 lässt sich diesem Vers nur schwer entnehmen.

Doch auch wenn wir vom Althistoriker Bilik an dieser Stelle etwas gewissenhaftere Arbeit am Text hätten erwarten dürfen – wir wissen was gemeint ist, nehmen ihn also nicht ganz wörtlich, sondern bemühen uns für ihn um die Bibelstellen, die er uns schuldig geblieben ist, also z.B.:

Mk 13,30 Amen, ich sage euch: Nicht geht vorüber dieses Geschlecht, bis dass dieses alles geschieht.

Mt 10,23 Wann aber sie euch verfolgen in dieser Stadt, flieht in die andere; amen, denn ich sage euch, nicht werdet ihr zu Ende kommen mit den Städten Israels, bis kommt der Sohn des Menschen.

Mt 16,28 Amen, ich sage euch: Es sind einige der hier Stehenden, welche nicht kosten werden den Tod, bis sie sehen den Sohn des Menschen kommend in seinem Königtum.

Diese Stellen sprechen in der Tat von einem nahen Ende, so nahe, dass selbst Jesu Zeitgenossen (das „Geschlecht“) das erleben werden. So steht es da. Hat Bilik also doch recht, wenn er behauptet, dass solche Worte einer Figur, die später erfunden wurde, niemals in den Mund gelegt werden konnten?

Nein, der Einwand zeigt lediglich, dass sich Freidenker Bilik bisher nur sehr wenig mit radikaler Kritik beschäftigt zu haben scheint. Weder ich noch die Mehrheit der übrigen radikalen Kritiker haben je behauptet, dass Jesus völlig frei bzw. komplett „erfunden“ worden wäre. Auch für einen unhistorischen Jesus gab es Quellen, aus denen die Evangelisten zitieren konnten. Unter anderem eine (unabhängig von den Evangelien existierende) jüdische Apokalypse (die sog. „Kleine Apokalypse“, Mk 13 par) oder einzelne Worte, die von christlichen Propheten in der Gemeinde gesprochen und später aufgezeichnet wurden (10,23; 16,28).

Ich räume ein, dass die Frage nicht leicht zu beantworten ist, warum diese Worte zu Zeiten, in denen ihr Haltbarkeitsdatum bereits überschritten war, immer noch kursierten und von den Evangelisten zitiert wurden. Wurde der Begriff des „Geschlechts“ von ihnen weiter gefasst, haben sie die Äußerungen durch andere apokalyptische Äußerungen (Mk 13,32) zu neutralisieren versucht? Wir wissen es nicht. Groß scheint die Einbuße an Glaubwürdigkeit, die der Heiland dadurch erlitten hat, nicht gewesen zu sein. Spätere Zeiten haben an solchen Äußerungen, die sie immer auf ihre Weise interpretierten, offenbar den geringsten Anstoß genommen.

Allerdings, und das ist der entscheidende Punkt: Wer wie Herr Bilik verlangt, dass diese apokalyptischen Worte besser weggelassen worden wären, weil sie durch den Geschichtsverlauf diskreditiert worden waren, müsste dasselbe billigerweise auch dann von den Evangelisten verlangen, wenn er einen historischen Jesus voraussetzt. Aus dieser Nummer kommt also auch Herr Bilik nicht heraus. Es sei denn er gehe davon aus, dass die Evangelisten ihre Schriften bereits unmittelbar in und um das Jahr 30, auf das er offenbar sehr fixiert ist, veröffentlichten (danach wäre es nach Biliks zwingender Logik ja bereits zu spät gewesen). Doch das wird man noch nicht einmal von jemandem erwarten dürfen, der sich im Hinblick auf die Frage nach Jesu historischer Existenz vorbehaltlos dem Zeugnis der Heiligen Schrift anvertraut.

Biliks putziger Feststellung, „dass auch die AtheistInnen sich ihren eigenen Jesus erschufen, nämlich den Nichtexistierenden“, kann ich keineswegs zustimmen. Sie ist auch in historischer Hinsicht falsch, da die frühesten Angriffe auf die historische Existenz Jesu größtenteils von der Seite kritischer Theologen erfolgten (ich denke hier natürlich besonders an die holländische Radikalkritik des 19./20. Jahrhunderts). Auch Drews war kein Atheist. Umgekehrt schlossen Anerkennung eines historischen Jesus und Atheismus einander nie aus, wofür Bilik als bekennender Atheist das beste Beispiel bietet. Zumal Theologen, die „atheistisch an Gott glauben“ wollten, klammerten sich umso fester an den Streetworker aus Nazareth.

Bilik findet meine Argumentation, warum die Jakobus-Passage (Ant 29,200-203) dem Origines unbekannt gewesen sein soll, „in dieser Form nicht nachvollziehbar“ (S. 33). Was ich wiederum nicht ganz nachvollziehbar finde. Besitzt Bilik eine Josephus-Ausgabe mit dem von Origenes angedeuteten Zusammenhang vom Tod des Jakobus und dem als Strafe erfolgten Fall Jerusalems? Die sollte er uns nicht vorenthalten.

Als Indiz dafür, „dass der jeweilige Verfasser den politischen Anspruch des Jesus in positiver Weise würdigt und hier somit eine christliche Fälschung vorliegt“, habe ich den Ausdruck „sogenannter Christus“ (o legomenos christos) bei Josephus nicht verstanden. So einen Unsinn hätte ich auch nie gesagt. Gegen die z.B. von Annette Merz vertretene Annahme, das „sogenannter“ könne ein spezielle nichtchristliche Distanz zum Ausdruck bringen, habe ich mir nur erlaubt, darauf hinzuweisen, dass der Ausdruck auch in den Evangelien vorkommt.

Dass mein Nachweis, frühe christlichen Autoren hätten den bei Tacitus angedeuteten Zusammenhang von Rombrand und Christenverfolgung noch nicht gekannt, nicht geeignet ist, bei Bilik „ernsthafte Zweifel an der Authentizität der Tacitusstelle aufkommen“ zu lassen (S. 34), mag ja sein. Besser wäre es allerdings gewesen, er hätte sich inhaltlich mit meinen Argumenten auseinandergesetzt. Dasselbe gilt auch für meine umfangreiche Erörterung des Pliniuszeugnisses, die mit einem bloßen Kopfschütteln: „schwer zu begründende These“, schwerlich gebührend gewürdigt wird.

Am meisten scheint Bilik dem Autoren zu verübeln, dass er seine historischen Prämissen mit dem christlichen Glauben vereinbaren kann. Bilik nimmt Anstoß an der im Buch geäußerten These, dass es in der Religion nicht um Faktizität, sondern nur um existentielle Wahrheiten gehe. „An dieser Stelle“, so Bilik, zeige „sich der Sieg der frühkindlich indoktrinierten Emotionen über das logische Denkvermögen“ (S. 34). Nun ja, mir will eher scheinen, dass sich dieser Stelle das mangelnde Abstraktionsvermögen des Rezensenten zeigt, dazu ein gerüttelt Maß an fehlender religionspsychologischer Kenntnis über den wesenhaft symbolischen Charakter religiöser Aussagen.

Überhaupt habe ich mich darüber gewundert, dass Bilik Wissen über den „gelernten Christen“ Detering und dessen „frühkindlich indoktrinierte Emotionen“ beansprucht. Ich kann mich nicht daran erinnern, mich mit ihm über meine religiöse Sozialisation ausgetauscht zu haben. Mit seiner Formulierung belegt Bilik jedenfalls schlagend, dass er davon gar nichts weiß. Die Anmaßung entspricht ganz seiner auch sonst praktizierten Methode, aus „Gar nichts“ phantasievolle (Kurz-)Schlüsse abzuleiten. Wie den, die Existenz eines historischen Jesus einzig und allein aus den Evangelien zu folgern. Die von Bilik zum Beweis seiner Behauptung ausgeführte Argumentation wäre ohne Zweifel in einer Zeitschrift bibeltreuer Christen besser aufgehoben gewesen als in der des österreichischen Freidenkerbundes.

 

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