„Falsche Zeugen“ in der ThLZ

Hatte ich bisher zu beklagen, dass im Hinblick auf mein 2011 erschienenes Buch „Falsche Zeugen“ „eine Reaktion der TheologInnen ‚vom Fach’“ ausgeblieben ist, so gilt es, diese Aussage nun zu korrigieren. In der letzten Ausgabe der altehrwürdigen Theologischen Literaturzeitung (139, 2014, 4) nahm der Jenaer Neutestamentler Karl-Wilhelm Niebuhr erfreulicherweise Gelegenheit, mein  Buch vorzustellen. Damit aber auch des Erfreulichen genug. Wer auf eine angemessene Darstellung meiner Thesen oder gar auf eine kurze inhaltliche Auseinandersetzung gehofft hatte, sieht sich enttäuscht. Niebuhr teilt seinen Lesern mit, dass der Verfasser des Buches „in der Tradition radikal-historischer Jesus-Forschung“ eine Überprüfung der „immer wieder als Belege für die Existenz Jesu herangezogenen antiken außerchristlichen Quellen (Josephus, Ant 18,63 f.; Tacitus, Ann. 15,44; Plinius, Ep. X; Sueton, Claud. 25,4; Mara bar Serapion, Thallus)“ vorgenommen habe – welcher Argumente ich mich dabei bedient habe, wird jedoch nicht einmal an einem einzigen Beispiel erläutert. Stattdessen heißt es nur: „Die Argumentation des Vf.s changiert zwischen philologischer Analyse und essayistischen, nicht selten polemischen Passagen gegen ‚die Theologen’. Neue Argumente bringt er nicht.“

Nun mag man über die eine oder andere polemische Randbemerkung oder auch die Stärken oder Schwächen einzelner Argumente meines Buches gewiss trefflich streiten. Nicht streiten allerdings lässt sich darüber, dass unter anderem die folgenden im Buch vertretenen Thesen neu sind und in der bisherigen Diskussion nicht vorkommen:

1) Tac Ann 15, 44 basiert auf einem Abschnitt aus den Chronicorum libri des Sulpicius Severus 2,2.

2) Das ganze zehnte Buch der Briefe des jüngeren Plinius ist in Wahrheit eine Fälschung aus der Renaissance; es handelt sich um ein Werk des Theologen, Antiquars und Architekten Jucundus Veronensis bzw. Fra Giocondo.

3) Der Abschnitt über Nero 16, 2 in Suetons Kaiserbiographien wurde christlich überarbeitet (S. 137-141).

Ich habe Herrn Prof. Niebuhr in einer Email gebeten, mir die wissenschaftliche Literatur zu nennen, aus der ihm diese und einige andere von mir gebrauchte Thesen und Argumente bereits bekannt sind. Prof. Niebuhr erwiderte nur, dass ihm die Art und Weise, wie ich auf meiner Webseite mit fachlichen Auseinandersetzungen umgehe, verbiete, auf meine Fragen einzugehen. Auch auf weitere Nachfrage und nach längerem Emailaustausch ließ Prof. Niebuhr meine Bitte um Aufklärung ungehört.

Unerhört, könnte man denken, wenn man den Glauben an die Fähigkeiten oder auch  Möglichkeiten der meisten Theologen, sich sachlich mit radikal-kritischen Positionen auseinanderzusetzen, nicht ohnehin bereits längst verloren hätte. Jedenfalls wäre diese Art der Kommunikation in den exakten Naturwissenschaften, wie mir Freunde versicherten, die dort an vorderster Front arbeiten, wohl ganz undenkbar. Nun, wir sind aber eben nicht in einer exakten Wissenschaft, sondern in der Glaubenswissenschaft, der Theologie, und da zählen  offenbar nicht  nur Fakten oder Argumente, sondern noch etwas anderes.

Herr Prof. Niebuhr ist, wie mir unser Email-Austausch zeigte, ein durchaus verständnisvoller und humorvoller Mensch. Darum wird er meine Enttäuschung verstehen und mir gewiss auch weiterhin ein wenig Polemik und Theologenschelte gönnen (da ich selber einer bin, werde ich mich schon allein aus diesem Grunde mäßigen).

Verwundert war ich ein wenig über die von Herrn Niebuhr vorgenommene Identitätsprüfung, die mich an meinen letzten Besuch im örtlichen polizeilichen Meldeamt erinnerte. Er schreibt, dass ich „ausweislich“ meiner Webseite bei Walter Schmithals promovierte habe. Meine Angaben sind natürlich stets korrekt. Und doch: Seit wann geben sich ernste Wissenschaftler mit einer so mageren Evidenz wie der Webseite eines Autoren zufrieden?

Schließlich habe ich auch nicht verstanden, was mit „Plinius, Ep. X.“ gemeint sein soll. Ich beziehe mich in meinem Buch auf die sog. Christenbriefe, d.h. die Epistel 96-97 des 10. Buches der Korrespondenz zwischen Plinius und Trajan. Welche 10. Epistel aus welchem Buch ist gemeint? Auch auf diese Frage wurde mir von Prof. Niebuhr mit Verweis auf meine Webseite keine Antwort gegeben. So mag sich denn jeder Leser sein eigenes Urteil selber bilden. Besonders erhellend ist das folgende Zitat :

„Die Rückfrage nach dem einen Jesus der Geschichte … stellt sich im Grunde für jeden, dem Jesus mehr bedeutet als eine Idee oder eine Märchenfigur. Nichts gegen Ideen oder Märchenfiguren. Aber der Jesus der Bibel unterscheidet sich grundsätzlich von beiden. Der Jesus der Bibel, darin sind die Zeugnisse des Neuen Testaments eindeutig, ist eben auch eine Gestalt der Geschichte. Und das ist keine mehr oder weniger beiläufige Gegebenheit, sozusagen ein notwendiges Übel, sondern das ist zentral für ein theologisches Verständnis Jesu. Es ist Ausdruck der Inkarnation, des Eingehens Gottes in menschliche Gestalt und Geschichte.“ (Karl-Wilhelm Niebuhr)

Facebooktwittergoogle_plusredditlinkedinmail

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.