Eine „synthetisch … in eins geflossene Erscheinung“

Ein interessierter Leser stellte mir jüngst die Frage, ob nach meiner Ansicht die Möglichkeit irgendeines Zusammenhangs zwischen Judas dem Galiläer und dem historischen Jesus bestünde. Auch in dem Sinne, dass Züge des Judasbildes später auf Jesus übertragen wurden. Ich greife  die Frage, die mir spannender erscheint als die absurde Debatte über eine vermeintliche Ehefrau Jesu, deren historische Existenz mir schon deswegen nicht feststehen kann, weil mir die ihres vermeintlichen Mannes nicht feststeht, gerne auf. [1]

Für unsere Kenntnis des historischen Judas sind wir ausschließlich auf den jüdischen Historiker Josephus angewiesen.[2] Er bezeichnet ihn als Anführer (hēgemōn. Ant 18:23 vgl. Bell) der von ihm als jüdische „Philosophensekte“ titulierten Zeloten (die drei anderen Sekten sind nach Josephus Pharisäer, Sadduzäer und Essener). Als im Jahre 6/7 n. Chr. unter Quirinius von Rom eine Volkszählung mit dem Zweck der Vermögensschätzung bzw. Schätzung des Steueraufkommens angeordnet wurde, setzte er sich zusammen mit dem Pharisäer Zadduk an die Spitze der antirömischen Widerstandsbewegung.

Josephus nennt Judas einen „Sophisten“ (Bell 2:118). Das Wort kann im Griechischen sowohl „Gelehrter“, d.h. „Gesetzeskundiger“ oder „Ausleger des Gesetzes“, wie auch „Verführer“ (der Jugend) bedeuten. Das zeigt, dass wir es keineswegs mit einem einfachen Bandenführer zu tun haben, wie Josephus, der ihn abwertend als „Räuberhauptmann“ bezeichnet (Bell 2:56), wohl suggerieren möchte, sondern um einen jüdischen Schriftgelehrten. Die von ihm ins Leben gerufene Aufstandsbewegung hatte nicht nur einen politischen, sondern auch einen religiösen Hintergrund. Wenn Judas, wie wiederum Josephus berichtet, seinen Landsleuten vorwarf, sich zu Knechten der Römer gemacht zu haben, statt Knechte Gottes zu sein, so kommt darin zum Ausdruck, dass für ihn und seine Anhänger der Gedanke der Alleinherrschaft Gottes keinen Kompromiss duldete. Der „Eifer“ der Zeloten richtete sich nicht einfach nur gegen politische Missstände, sondern gegen ein widergöttliches System, in dem für die unbedingte Anerkennung der göttlichen Monarchie kein Platz war. Er war in diesem Sinne Eifer für die Sache Gottes.

Die Familie des Judas hatte noch eine Reihe weiterer recht profilierter Köpfe aufzuweisen (die genauen Verwandtschaftsgrade gehen allerdings häufig durcheinander). Bereits der Erzvater der ganzen Sippe und Vater des Judas, Hiskia, findet in den Jüdischen Altertümern des Josephus Erwähnung (Ant 14:159). Auch er wird als „Räuberhauptmann“ bezeichnet, war aber vermutlich bereits wie seine Söhne und Enkel ein politisch-religiöser Führer mit messianischen Ambitionen. Im Jahre 47 v. Chr. wurde er unter Herodes d. Gr. als jüdischer Aufständischer in Galiläa hingerichtet.

Außer einem gewissen Menachem, dem Führer der sogenannten Sikarier, der kurz vor Ausbruch des jüdischen Krieges in Jerusalem von seinen eigenen Landsleuten als Messiasprätendent umgebracht wurde (Bell 2:448) – wir kommen darauf zurück –, hatte Judas noch zwei weitere Söhne: Simon und Jakobus. Beide starben unter dem römischen Prokurator Tiberius Alexander (45-48) den Kreuzestod, der, wie man weiß, den politischen Oppositionellen vorbehalten war (Ant 20:102).

Außerdem gehörte auch noch Eleazar ben Jair zur Familie, ein Kampfgefährte Menachems und zugleich Initiator des Massenselbstmords von Masada, bei dem 960 Männer, Frauen und Kinder den Freitod gestorben sein sollen (Bell 7:321ff.). Vermutlich war er ein Enkel des Judas. Eleazar wiederum hatte noch zwei Söhne, von denen der eine Judas und der andere Simon hieß. Das Brüderpaar scheint sich bei der Verteidigung des Tempels besonders ausgezeichnet zu haben (Bell 6:92).

Was nun die Ähnlichkeiten zwischen Judas und Christus betrifft: Neben der gemeinsamen Herkunft aus Galiläa, die wir hier übergehen wollen,[3] bietet die Bezeichnung „Sophist“ eine Parallele. Auch Lukian bezeichnet Jesus in seiner Satire über das Lebensende des Peregrinus Proteus einmal als „Sophisten“, und zwar als „gekreuzigten“ (Lukian. peregr. 13). Doch das hat wenig zu bedeuten. Beiden könnten allerdings messianische Ambitionen nachgesagt werden, wobei freilich der Messias der Evangelien, wenn wir von einzelnen Ausnahmen wie z.B. der „Tempelreinigung“ absehen, im Großen und Ganzen als Friedensfürst dargestellt wird. Auch seine Haltung zur Steuerfrage unterscheidet sich deutlich von derjenigen des Judas (vgl. Mk 12:14ff mit Bell 2:118).[4]

Bedeutsamer ist ein anderer Punkt, der allerdings über den bloßen Vergleich Judas/Christus hinausgeht. Wie wir gesehen haben, stammten aus der Sippe des Judas die wichtigsten Repräsentanten der jüdischen Aufstandsbewegung. Sie hatte, wie oft beobachtet worden ist, alle Ansätze zur Bildung einer Dynastie, wobei zum Vergleich oft auf die Dynastie Hillels oder die Stellung der sogenannten Herrenbrüder und Herrenverwandten in der frühen palästinensischen Urgemeinde hingewiesen wird. Robert Eisenman hat auf die auffallenden Ähnlichkeiten in den Stammbäumen der beiden Messiasfamilien, aus der sowohl Menachem als auch Jesus und Jakobus kommen, hingewiesen:

Familie des Judas Gaulonaios Familie Jesu
1. Hiskia († ca. 47 v.Chr. )
2. Judas der Galiläer († 6.n. Chr.)
3 a) Menachem (†66 n. Chr.)
3 b) Simon Simon
3 c) Jakobus († 45-48 n. Chr.); d) evt. Judas Jakobus (48 n. Chr.); d) Judas; Joses
Eleazar
Judas u. Simon b. Jair (Vettern) Juda Justus? – Simeon b. Klopas (die Vettern Jesu bei Eusebius)

Ob zwischen den Stammbäumen irgendwelche Zusammenhänge bestehen, lässt sich schwer sagen. Man darf nicht vergessen, dass sich angesichts der Häufigkeit der erwähnten jüdischen Namen aus Namensgleichheiten schwerlich Schlüsse ableiten lassen.

Dass die Gestalt des Judas etwas zur Entstehung des christlichen Jesusbildes beigetragen haben könnte, scheint mir daher alles in allem eher unwahrscheinlich bzw. nicht zu erweisen. Anders verhält es sich mit derjenigen seines Sohnes Menachem, dessen Geschichte frappierende Ähnlichkeiten mit der Passionsgeschichte aufweist. Während Josephus Menachem in den Jüdischen Altertümern gar nicht erwähnt, widmet er sich ihm sehr ausführlich im Jüdischen Krieg Er schildert, wie Menachem als Führer der Sikarier, einer Untergruppierung der Zeloten, mit seinem Einmarsch in Jerusalem im Jahre 66 die kriegerischen Auseinandersetzungen mit den Römern einleitet und nach kurzer Herrschaft von seinen eigenen Volksgenossen umgebracht wird. In gekürzter Fassung liest sich der Bericht des Josephus so:

„M. kam – umgeben von seiner königlichen Leibgarde (also wie ein Messias) – nach Jerusalem. [Die Anhänger des Tempelhauptmanns Eleazar, Sohn des Hohenpriesters Ananias] jedoch empörten sich gegen M. und trafen nun eine Verabredung und griffen ihn. Wie nun [die Anhänger des Eleazar] auf ihn eindrangen, hob auch das übrige Volk, um seiner Erbitterung Ausdruck zu verleihen, Steine auf und begann, auf den wortgewandten Volksverführer zu werfen. Die Leibwache des M. leistete kurze Zeit Widerstand, als sie aber sah, dass das ganze Volk auf sie losstürmte, ergriff sie die Flucht; jeder floh, wohin er konnte. Auch M. fing man lebendig und tötete ihn unter vielen Foltern.“[5]

Menachems messianischer Einzug in Jerusalem, die Feindseligkeit der Priesterschaft, die innerhalb weniger Tage vom „Hosianna“ in ein „Kreuzige ihn“ umkippende Stimmung des Volkes, die Flucht der Jünger, die abschließende Folterung und der qualvolle Tod – es ist schwer, bei alledem nicht an die christliche Passionsgeschichte zu denken.

Hinzu kommt nun noch, dass auch der Messias Menachem nach einer alten rabbinischen Quelle in Bethlehem geboren sein soll und sein Schicksal darüber hinaus ausdrücklich mit der Zerstörung des Tempels in Verbindung gebracht wird.[6] Sein Name sei Menachem, sein Vater heiße Hiskia. Die Mutter des Messiaskindes spricht von einem unheilvollen Omen: “denn an dem Tage, da er geboren wurde, ist der Tempel zerstört worden.“ Ihr wird erwidert: „Wir glauben, dass wie (der Tempel) um seinetwillen [Hervorhebung von mir] zerstört wurde, er auch seinetwillen wieder aufgebaut wird.“ Später sagt die Mutter, ihr Sohn sei entführt worden: „Winde und Stürme kamen und entrissen ihn meinen Händen.“[7]

Bereits der Theologe Adolf Schlatter wies in seiner „Geschichte Israels“ aus dem Jahre 1901 auf die Parallelität des Jesus- und Menachem-Schicksals hin: „Was sich damals zutrug“, so Schlatter, „musste die Christen an den Ausgang Jesu erinnern, an seinen königlichen Einzug in Jerusalem, an den sich sein Kreuz anschloss … Weil durch die Tötung Menachems unsühnbare Schuld auf Jerusalem lag, zerrissen seine Anhänger ihre Gemeinschaft mit ihrem Volk.“[8]

Umgekehrt vermutete schon Hugo Gressmann 1922, dass die Menachem-Überlieferung das Jesusbild der Evangelien beeinflusst haben könnte. Der Satz, dass der Tempel „um seinetwillen“ zerstört und wieder aufgebaut werde, könne „erst nach der Zerstörung Jerusalems in die Evangelien-Überlieferung eingedrungen sein“ und soll dann von Menachem auf Jesus übertragen worden sein. Auch der Einzug Jesu in Jerusalem sei vermutlich nach dem Muster der Menachem-Ereignisse geschildert worden.[9]

Gressmanns These blieb lange Zeit unbeachtet. Erst Rudolf Augstein hat sie in seinem Buch „Jesus-Menschensohn“ wieder aus der Versenkung geholt und weiter ausgebaut. Angesichts des Fehlens verlässlicher historischer Zeugnisse über den Mann aus Nazareth hält Augstein es für nicht unmöglich, dass es sich bei der Gestalt Jesu um literarische Fiktion handelt. „Ereignisse nach dem Jesu Tod“ könnten „für die Schilderung seiner letzten Tage und Wochen weitaus mehr Modell gestanden (haben) als die dem Evangelisten wohl unbekannte und nur in gedichteten Fragmenten überkommene Wirklichkeit.“[10]

Nach Augsteins Ansicht könnte Markus die historische Figur Menachem vor Augen gehabt haben, als er daranging, seine Passionsgeschichte zu verfassen. Aber auch andere Personen, wie z.B. der „Wehe, wehe Jerusalem“-Jesus, Sohn des Ananias, aus dem Jahre 62 (Bell 6:304f. – vgl. Mk 13 par) oder die Spottgestalt des „Carabas“ (Philo Flacc 36f.) könnten mit ihrem Schicksal auf das Jesusbild des Markus abgefärbt haben. Jesus sei „eine aus mehreren Figuren und Strömungen synthetisch in eins geflossene Erscheinung.“[11]

Augstein war kein professioneller Historiker, sondern Journalist. Da sein Buch lediglich den Versuch darstellte, dem „Manne unserer Phantasie“ frei nachzudenken, hatten die historisch geschulten Neutestamentler leichtes Spiel. Wie schon weiland dem Philosophen Arthur Drews warf man ihm Dilettantismus vor und behauptete, sich bei seinem Ausflug auf das von Neutestamentlern und Historikern mit Beschlag belegte Terrain völlig verbiestert zu haben. Heute ist die Gressmann-Augstein-These ganz vergessen.

Nun sind allerdings die Zeiten inzwischen ohnehin andere geworden. So ist seit längerem – was vor einem halben Jahrhundert (zumindest in akademischen Kreisen) niemand für möglich gehalten hätte – tatsächlich wieder ein Trend zur positivistisch-historischen Rekonstruktion der Evangelienerzählungen zu verzeichnen. Man denke an das Jesusbuch Klaus Bergers oder die beiden Bücher des Papstes. Wo man soweit nicht gehen will, weil man sich denn doch noch einen Rest gesunden Menschenverstands bewahrt hat, hilft man sich, wie der Berliner Neutestamentler Jens Schröter, mit verschwurbelten Kategorien wie der „Fiktion des Faktischen“ oder „historischer Imagination“.[12] Leider vergisst Schröter, uns mitzuteilen, was für „Fakten“ beispielsweise den Fiktionen von Seewandel, Sturmstillung oder Himmelfahrt zugrunde gelegen haben und zu ihrer Erklärung herangezogen werden könnten.

Wie auch immer, „Kerygma-Theologen“ wie mein Lehrer Walter Schmithals oder dessen Lehrer Bultmann waren da schon wesentlich weiter. Selbst ein Theologe des 19. Jahrhunderts wie Gustav Volkmar erkannte deutlich, dass sich die literarische Kreativität des Evangelisten keineswegs nur auf die Deutung, sondern eben auch auf die Erfindung von Tatsachen bezog. Mit anderen Worten, dass die Evangelien alles in allem Produkte eines literarischen Prozesses waren, bei dem historische Daten lediglich als Staffage für theologische Aussagen (Volkmar: „Lehrpoesie“, Bultmann/Schmithals: „Kerygma“) dienten. Mir scheint, dass die alten Herren richtiger lagen als viele ihre heutigen Nachfolger. Kritischeren Biss besaßen sie allemal.

Steht der kerygmatische – oder auch, fiktionale – Grundcharakter der Evangelien erst einmal fest, so erklärt sich auch, dass es immer wieder zu merkwürdigen Déjà-vu-Erlebnissen kommt. Wer ein wenig mit der Historie des 1. Jahrhunderts vertraut ist, hat bisweilen den Eindruck, dass das Jesusbild der Evangelien mit dem Bild anderer Messiasprätendenten und Propheten der damaligen Zeit verschmolzen ist. Gewiss könnte das damit zusammenhängen, dass die verschiedenen Messias-Traditionen zu dem Zeitpunkt der Abfassung der Evangelien vielfach zusammengewachsen und aus dem Abstand von mehr als einem Jahrhundert offenbar kaum noch zu unterscheiden waren. Es könnte aber auch damit erklärt werden, dass sich die Evangelisten große literarische Freiheiten nahmen und bei der Ausgestaltung ihres Jesusbildes keine Bedenken trugen, sich von anderen Heldengestalten des 1. Jahrhunderts inspirieren zu lassen und deren Züge auf ihn zu übertragen.

Ein modernes Beispiel für eine auf solche Weise zustandegekommene „multiple“ Persönlichkeit ist der Held des Romans „Doktor Faustus“, Adrian Leverkühn. Thomas Mann hat biografische Züge ganz unterschiedlicher Persönlichkeiten auf ihn übertragen. Nicht nur Friedrich Nietzsche, auch Ludwig Wittgenstein, Paul Tillich, Arnold Schönberg usw. geben dem Porträt des musikalischen Originalgenies Leben und Farbe.

Auch der neutestamentliche Jesus besteht, dem literarischen Charakter der Evan­gelien entsprechend, aus ganz unterschiedlichen Komponenten. Das Bild des Judassohns Menachem scheint darauf ebenso abgefärbt zu haben wie das einiger Propheten und Wanderpediger aus dem 1. Jahrhundert.

Es wäre überaus reizvoll, würde aber über den Rahmen der eingangs gestellten Frage hinausgehen, darauf ausführlicher Bezug zu nehmen. Mein Freund Robert M. Price hat sich in seinem sehr empfehlenswerten Buch Deconstructing Jesus aus dem Jahre 2000 die Aufgabe gestellt, das Jesusbild der Evangelien zu „dekonstruieren“ und auf seine verschiedenen Bestandteile zurückzuführen.[13] Price nennt außer den schon genannten Messias- und Prophetengestalten auch noch den in Rom hingerichteten Messiasprätendenten Simon bar Giora, erwähnt den Einfluss kynischer Wanderprediger, kommt auf ein bestimmtes Muster der „Semitic hero legendes“ zu sprechen und geht schließlich auch auf die Vertreter der sogenannten Josua-Prophetie ein – ein bemerkenswerter Punkt, bei dem wir kurz innehalten wollen.

Unter Josua-Propheten versteht man eine Gruppe von Männern des 1. nachchristlichen Jahrhunderts, die offenbar im Namen des „wiederauferstandenen“ Josua, d.h. des alttestamentlichen Kriegsherren Josua ben Nun, prophezeiten. Sie vollbrachten der Überlieferung nach ähnliche Zeichen und Wunder wie dieser (z.B. die Durchfurtung des Jordan) und verfügten über eine große Anhängerschar, die ihretwegen Hab und Gut verlassen hatte (Ant 18,85–87, der samaritanische Prophet; Ant 20,97–99, Theudas; Bell 2,261–263; Ant 20,169–171; vgl. Apg 21:38, der ägyptische Prophet am Ölberg).

Tatsächlich könnten diese Propheten für die Entstehung des Christentums von eminenter Bedeutung gewesen sein. Einen verräterischen Hinweis darauf, dass wir es bei ihrer Form der Prophetie offenbar mit der womöglich frühesten Erscheinungsform der „Jesus-Bewegung“ (die Jessaioi des Epiphanius?) zu tun haben, gibt uns der Vergleich der folgenden beiden Textstellen – die eine ist ein Zitat aus den sogenannten pseudoclementinischen Recognitionen (4. Jh. mit älterem Material), die andere stammt aus der Feder des Kirchenhistorikers Eulogius aus dem 6. Jahrhundert. Beide Male geht es um einen Glaubensstreit bei den Samaritanern:

Recognitionen 1:54 Eulogius[14]
 

Sie [die Samaritaner] erwarten auf Grund der Prophezeiungen Moses’ einen (wahren) Propheten, wurden aber durch Dositheos gehindert zu glauben, dass Jesus der erwartete sei.

Die einen glaubten, Josua, der Sohn des Nun sei es, von dem Mose gesagt habe: Einen Propheten wie mich wird Gott der Herr aus euren Brüdern erwecken (Dtn 18,15), die anderen erhoben dagegen Einspruch und verkündeten als diesen Propheten jemanden mit Namen Dosthes oder Dositheus.

Interessanter als die Übereinstimungen, die erkennen lassen, dass beide Autoren dasselbe Phänomen im Blick haben, ist der kleine, aber entscheidende Unterschied. Während Eulogius von Josua, dem Sohn des Nun (Iēsoun ton Nauē), spricht, ist in den Recognitionen nur von Jesus (Iesum) die Rede, womit innerhalb des Kontextes zweifellos nur der Jesus der Evangelien gemeint sein kann. Sollte die von Eulogius überlieferte Passage ältere Überlieferung enthalten und aus einer Zeit stammen, als man unter Jesus noch Josua, den Sohn des Nun, verstand, den im Pneuma wiederauferstandenen und erwarteten „wahren Propheten“?

Und schließlich die andere Frage: Könnte von dieser Form der Prophetie möglicherweise ein gerader Weg zur Spruchsammlung Q mit ihren offenbar prophetisch inspirierten Jesus-Aussprüchen geführt haben? Ganz abwegig ist diese Überlegung nicht, wenn man sich den Inhalt der Q-Sprüche vergegenwärtigt und mit den Angaben des Josephus über die Josua-Prophetie vergleicht. Das josu-/jesuanische Bewusstsein der Propheten, ihre apokalyptische Botschaft, ihr Status als umherziehende Wanderprediger und –charismatiker, ihre goetische Wunder- und Heilungstätigkeit (im Namen Josuas/Jesu?), ihre Botschaft von der Restitution der alttestamentlichen Heilszeit in der Wüste, ihr Ruf zur unbedingten Nachfolge, die Bereitschaft zum Verzicht, der pazifistischer Charakter ihrer Bewegung, die Verfolgungen, denen sie ausgesetzt waren, die Distanz zum Establishment – passt das nicht alles zu Geist und Stimme des in Q  sprechenden Jesus/Josua?

Neben der Josua-Prophetie könnte auch das Bild des alttestamentlichen Propheten Elia bei einigen Evangelienstellen Pate gestanden haben, wie überhaupt viele Geschichten sich am besten als Midrasch zu alttestamentlichen Erzählungen verstehen lassen.

Price beschließt sein Buch mit den Sätzen:

“The gospels’ Jesuses are each complex syntheses of various other, earlier, Jesus characters. Some of these may have been reflections of various messianic prophets and revolutionaries, others the fictive counterparts of itinerant charismatics, and still others historicizations of mythical Corn Kings and Gnostic Aions. I think it is an open question whether a historical Jesus had anything to do with any of these Jesuses, much less the Jesuses of the gospels. Each is the figurehead, the totem, of a particular kind of Jesus community or Christ cult, and we will never know whether and to what extent each community reflects a remembered Jesus opposed to a Jesus or Christ who is a concretization of its own beliefs and values.”[15]

Oder um noch einmal die denkwürdigen Worte Augsteins zu wiederholen: „… eine aus mehreren Figuren und Strömungen synthetisch in eins geflossene Erscheinung.“

Die historische Dekonstruktion des Jesusbildes der Evangelien förderte bisher vor allem jene Komponenten zu Tage, die alle irgendwie mit einem Propheten und messianischen Erlöser zu tun hatten und   überwiegend eine historische Grundlage besaßen. Noch unberücksichtigt blieben die mythischen und mysterienhaften Elemente, die mit dem Bild des sterbenden und auferstehenden Heilands in Verbindung stehen. Nachdem auch ihre Existenz eine Weile bestritten wurde, weiß man heute wieder, dass die Verehrung sterbender und auferstehender Gottheiten in der Antike weit verbreitet war. Die Mythen eines Attis, Adonis, Dionysus, Herakles weisen –– trotz unterschiedlicher Einzelheiten – im Kern das gleiche Grundmuster auf wie die Überlieferung über Tod und Auferstehung Christi. Klage- und Auferstehungsfeiern für Adonis, Attis und andere Kultgottheiten waren im ganzen Mittelmeerraum üblich und fanden teilweise zu derselben Zeit statt wie christliche Karwoche und Ostern. Der Christus-Kult hat die aus der hellenistischen Umwelt stammende Grundidee des sterbenden und auferstehenden Gottes mit dem des auf die Erde kommenden und wieder zum Himmel fahrenden gnostischen Erlösers kombiniert und daraus einen eindrucksvollen Kultmythos geschaffen.[16] Vor allem der simonianisch-marcionitische Typ des frühen Christentums, auf den der „paulinische“ zurückgeht, ist eine mehr oder weniger reine Verkörperung des Christus-Kultes. Besonderes Merkmal ist, abgesehen von einer mystischen Tod- und Auferstehungstheologie, das Vorherrschen des Christus-Namens (der in den Oden Salomos ausschließlich benutzt wird). Die bereits in den „Paulusbriefen“ anzutreffende Verbindung des Christus- mit dem Jesus-Namen setzt offenbar eine Verschmelzung von Josua-Prophetie und Christus-Kult voraus – vielleicht bereits eine Eigenheit des simonianischen Kultes.

In den Evangelien wurden dann alle genannten Motive zu einem „Gesamtkunstwerk“ vereinigt. Zugleich setzen die Evangelisten die bereits begonnene Historisierung des Heilands weiter fort. Dabei mochten sich zumal die geschichtlichen Angaben des Josephus als besonders hilfreich erwiesen haben. Gegen Mitte des 2. Jahrhundert erblickte dann die Geschichte des in Bethlehem geborenen Gottmenschen und unter Pontius Pilatus ans Kreuz geschlagenen jüdischen Messias Jesus Christus das Licht der Welt.

Literaturverzeichnis

Augstein, Rudolf (1973): Jesus Menschensohn. Berlin, Darmstadt, Wien: Europ. Bildungsgemeinschaft; Bertelsmann; Buchgemeinschaft Donauland; Dt. Buch-Gemeinschaft.

Gressmann, Hugo (1922): Das religionsgeschichtliche Problem des Ursprungs der hellenistischen Erlösungsreligion I. In: ZKG, H. 22, S. 178–191.

Hengel, Martin (1976): Die Zeloten. Untersuchungen zur jüdischen Freiheitsbewegung in der Zeit von Herodes I. bis 70 n. Chr. Univ., Diss. — Tübingen, 1959. 2., verb. und erw. Aufl. Leiden: Brill (Arbeiten zur Geschichte des antiken Judentums und des Urchristentums, 1).

Price, Robert M. (2000): Deconstructing Jesus. Amherst, NY: Prometheus Books.

Pummer, Reinhard (2002): Early Christian authors on Samaritans and Samaritanism. Texts, translations, and commentary. Tübingen: Mohr Siebeck (Texts and studies in ancient Judaism = Texte und Studien zum antiken Judentum, 92).

Schlatter, Adolf (1901): Israels Geschichte von Alexander dem Großen bis Hadrian. Calw: Verl. der Vereinsbuchhandlung (Reiche der Alten Welt, 3).

Schröter, Jens (2001): Jesus und die Anfänge der Christologie. Methodologische und exegetische Studien zu den Ursprüngen des christlichen Glaubens. Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Verl. (Biblisch-theologische Studien, 47).

Anmerkungen

[1] Ich beziehe mich auf den im September diesen Jahres von Karen King präsentierten koptischen Papyrusfetzen, dessen Echtheit allerdings inzwischen von Andrew Bernhard bestritten wird.

[2] Der Talmud nennt nicht ihn, sondern nur seine Anhänger; Mischnah Jadajim 4,8 deutet einen Kampf zwischen den Pharisäern und dem „galiläischen Ketzer“ an.

[3] Anzumerken ist nur, dass die Bezeichung „Galiläer“ durch Judas einen subversiven Beiklang bekam und dass auch die frühen Christen lange Zeit (z.B. noch bei Kaiser Julian Apostata) als “Galiläer” bezeichnet wurden.

[4] Was sehr wahrscheinlich auf das Konto einer Redaktion geht, die um Distanz zu den Aufständischen bemüht war.

[5] Bell 2:433ff. Der vollständige Text (in der Übersetzung von Michel/Bauernfeind): Zu gleicher Zeit war ein gewisser Manaem [=Menachem] — der Sohn des Judas, der der „Galiläer“ genannt wurde, ein sehr bedeutender Gelehrter, der einst zur Zeit des Quirinius die Juden geschmäht hatte, daß sie nicht nur Gott, sondern auch noch den Römern untertan sein wollten — mit seinen nächsten Freunden nach Masada gezogen, hatte dort das Zeughaus des Herodes aufgebrochen und außer seinen Landsleuten auch noch andere Räuber bewaffnet, um diese als Leibgarde zu verwenden. Nun kam er wie ein König nach Jerusalem zurück, wurde Führer des Aufstandes und übernahm den Oberbefehl bei der Belagerung. … Manaem aber stieg die Bezwingung der festen Plätze und der Tod des Hohenpriesters Ananias so sehr in den Kopf, daß er grausam wurde, und da er glaubte, daß er keinen Gegner habe, der ihm die Herrschaft streitig machen könnte, zeigte er sich als unerträglicher Tyrann. Die Männer urn Eleazar jedoch empörten sich gegen Manaem und machten untereinander Bemerkungen in der Weise: Sie seien aus Liebe zur Freiheit von den Römern abgefallen und dürften diese deshalb nicht einem einfachen Mann aus dem Volk preisgeben und einen Gewaltherrscher dulden, der, selbst wenn er keine Gewalttat beginge, doch seiner Herkunft nach weit unter ihnen stünde. Denn wenn es auch notwendig sei, daß einer die Führung des Ganzen in die Hand nehme, so komme sie doch jedem anderen mehr als diesem Menschen zu. Sie trafen nun eine Verabredung und griffen ihn im Tempel an, als er stolz und im Schmuck königlicher Kleidung zum Gebet hinaufschritt, wobei ihm eine Schar bewaffneter Eiferer folgte. Wie nun die Anhänger Eleazars auf ihn eindrangen, hob auch das übrige Volk, um seiner Erbitterung Ausdruck zu verleihen, Steine auf und begann, auf den wortgewandten Volksverführer zu werfen; sie glaubten, durch seine Ermordung dem ganzen Aufruhr ein Ende machen zu können. Die Leibgarde des Manaem leistete kurze Zeit Widerstand, als sie aber sah, daß das ganze Volk auf sie losstürmte, ergriff sie die Flucht; jeder floh, wohin er konnte. Die, welche man ergreifen konnte, wurden getötet, die, welche sich versteckt hielten, spürte man auf. Nur wenige konnten sich dadurch retten, daß sie heimlich nach Masada entkamen, unter ihnen war Eleazar, der Sohn Jairs, ein Verwandter Manaems, der später den Oberbefehl in Masada führte. Auch Manaem selbst war zum sogenannten Ophel geflohen; dort hatte er sich feige versteckt, doch man fing ihn lebendig, zog ihn ans Licht und tötete ihn unter vielen Foltern, ebenso auch die unter ihm stehenden Anführer und den schlimmsten Handlanger der Schreckensherrschaft, Absalom.

[6] Lament R. 1,16 = jBer 5a 12ff.

[7] Hengel 1976, S. 294; vgl. Str-B I, 83: „pBerakh 2,4 (5a, 12): R. Judan (350) hat im Namen (so zu lesen) des R. Aibo (um 320) gesagt: Menachem wird sein (des Messias) Name sein…. Folgendes ist eine Stütze dafür: Einst geschah es bei einem Juden, welcher dastand u. pflügte, daß seine Kuh brüllte. Ein Araber ging vorüber u. hörte ihre Stimme. Dieser rief ihm zu: Jude, Jude, binde deine Ochsen ab u. binde deine Pflugschar ab; denn siehe das Heiligtum ist zerstört. Da brüllte sie zum andren Male. Jener rief: Jude, Jude, schirre deine Ochsen an u. schirre deine Pflugscharen an; denn siehe, geboren ward der König, der Messias! Der Jude sprach zu ihm: Welches ist sein Namen? Menachem Und welches ist der Name seines Vaters? Chizqijja. Der Jude: Von wo ist er? Er antwortete: Aus dem Königspalaste in Bethlehem Judäas. Der Jude ging hin, verkaufte seine Ochsen u. seine Pflugscharen u. wurde ein Verkäufer von Leinenzeug für Kinder. Er ging Stadt ein, Stadt aus, bis er in jene Stadt (Bethlehem) kam. Alle Weiber kauften, aber die Mutter des Menachem kaufte nichts. Er hörte die Stimme der Frauen, wie sie sagten: Mutter Menachems, Mutter Menachems, komm u. kaufe für deinen Sohn! Sie antwortete: Ich möchte ihn erwürgen, den Feind Israels; denn an dem Tage, da er geboren wurde, ist das Heiligtum zerstört worden. Er (der Verkäufer) sprach zu ihr: Wir sind des festen Vertrauens, daß es seinetwegen zerstört ist, aber auch seinetwegen erbaut werden wird. Sie antwortete: Ich habe kein Geld. Er sprach zu ihr: Was sorgst du dich darum? Komm, kaufe für ihn; wenn du heute nichts hast, so komme ich nach einigen Tagen u. nehme es in Empfang. Nach einigen Tagen kam er in die Stadt u. sprach zu ihr: Was macht (wie befindet sich) das Kind? Sie antwortete; Nachdem du mich gesehen hattest, kamen Winde u. Stürme u. entrissen es meinen Händen.“

[8] Schlatter 1901, S. 318

[9] Gressmann 1922, S. 189

[10] Augstein 1973, S. 362

[11] Augstein 1973, S. 25 Am Rande sei noch darauf hingewiesen, dass die beiden Historiker Roth und Drijver Menachem den für den „Lehrer der Gerechtigkeit“ von Qumran hielten.

[12] Schröter 2001, S. 220f.

[13] Price 2000

[14] Text bei Pummer 2002, S. 425 =  Eulogius bei Photius Bibliotheca 230.285a.24—286a.42 – Henry, Bibliothèque  5.60-64 = PG 103. 1084-1085. l088

[15] Price 2000, S. 266

[16] In meinem Buch „Der Gefälschte Paulus“ deutete ich einen Zusammenhang der Geschichte von der Salbung in Betanien (Mk 14:3ff) mit der Überlieferung über Simon Magus und die Befreiung der Helena aus einem Bordell in Tyrus (Iren Haer 1 23:2) an.

Facebooktwittergoogle_plusredditlinkedinmail

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.