„It makes sense“

Beyond the Quest for the Historical Jesus

Brodie, Thomas L.: Beyond the quest for the historical Jesus: memoir of a discovery, Sheffield: Sheffield Phoenix Press 2012.

Lieber Freund,

wie Du sicher gehört hast, ist Thomas L. Brodie inzwischen als Direktor des Dominican Biblical Center in Limerick zurückgetreten, vielleicht auch „zurückgetreten worden“, so ganz genau weiß man das in Kirchenkreisen nie. Einige Zeitungen melden, Brodie selber solle die Initiative zu diesem Schritt ergriffen haben. Das ist aber nicht sehr glaubwürdig. Es bleibt der Verdacht, dass Brodies Ordensbrüder ein wenig nachgeholfen haben.

Wie dem auch sei. Ich habe sein Buch „Beyond the Quest for the Historical Jesus“ inzwischen mit viel Vergnügen gelesen. Brodies Grundthese, die Evangelien seien durch alttestamentliche Erzählungen (z.B. die Elia-Geschichten) angeregt worden, enthält viel Richtiges. Sie ist natürlich auch nicht mehr ganz taufrisch. Der Unterschied zu Autoren, die schon vor Brodie Ähnliches behaupte(te)n, ist nur der, dass Brodie sie weiter radikalisiert und seine Behauptung, Jesus habe nicht gelebt, mehr oder weniger ausschließlich aus diesem Befund ableitet.

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Der Stein des Anstoßes: Beyond the Quest for the Historical Jesus

Bei Bultmann und Schmithals stand hinter dem Märchenvorhang bunter Fiktionen  immerhin noch ein dunkles, anonymes Etwas, das „Dass seines Gekommenseins“ – was immer man darunter verstehen mochte. Dass beide an diesem dunklen Gast, der im „Wort“ auferstanden sein soll, nur wenig Interesse hatten, ist allerdings auch wahr. Bei Schmithals gewann ich oft den Eindruck, dass der auf ein punctum mathematicum reduzierte historische Jesus auch ganz anders hätte heißen, ein ganz anderer hätte sein können. Die Hauptsache war, dass der apokalyptische Bußprediger aus Nazaret als Initialzündung für das folgende „Wortereignis“ diente. Wenn ein anderer das Rad der christlichen Lehre in Schwung gebracht hätte, wäre dies für ihn wohl auch OK gewesen.

Bei Brodie ist nun der Platz hinter dem Vorhang leer. Nur dass seine Erklärung dafür sich allzu schnell erschöpft. Er spricht von Christus als einem literarischen Ereignis, obwohl die Literatur anfänglich, als nach Papias noch die „viva vox Evangelii“ erscholl, keine so große Rolle gespielt haben dürfte. Er denkt sich die Arbeit der frühen christlichen Schreiber offenbar nach Art der Tätigkeit von mittelalterlichen Mönchen in den Klosterschreibstuben. Das ist originell. Aber kann man sich vorstellen, dass in Schreibstuben eine Religion entstanden sein soll, die Herz und Gemüt der Menschen bewegte? Zumindest wird Brodie es schwer haben, seine dominikanischen Confratres sowie Theologen und Historiker von der Nicht-Historizität Jesu zu überzeugen.

Was ich bei Brodie vermisse, ist die Einbettung in den größeren geschichtlichen Kontext und in den chronologischen Rahmen des 1./2. Jahrhunderts mit den unterschiedlichen christlichen Gruppierungen: Judenchristen wie Elchasaiten oder Ebioniten, Kerinthianer, Apologeten, Marcioniten, Gnostiker, „Katholiken“, Auskünfte über Wann und Wo des „Rewriting“ usw. Auch davon, dass alle christlichen Schriften immer im Spannungsfeld von Häresie und Orthodoxie stehen, lese ich bei Brodie nichts. Für das Verständnis der meisten neutestamentlichen Schriften, die x-fach überarbeitet wurden, ist das nicht unwesentlich. Es gibt ja inzwischen einen beachtlichen Fundus an Literatur und jede Menge von Autoren, die vor Brodie die Historizität Jesu bestritten haben und auf die er hätte zurückgreifen können. Bruno Bauer, die Niederländer, Robert M. Price werden zwar kurz namentlich erwähnt, über deren Auffassungen und Argumente, die Brodie geholfen hätten, seinen Thesen insgesamt mehr Plausiblität zu geben, erfährt der Leser aber praktisch nichts.

Ähnliches lässt sich auch bei dem Thema Paulus beobachten. An einem Morgen im Mai 2008 soll in der Bibliothek von Limerick eine Art intellektueller „Erleuchtung“ stattgefunden haben: „The Penny Finally Drops“ (p. 147). Was diesen Umschwung herbeigeführt hat, wird jedoch nicht ganz klar. Man findet Gedanken über das fiktive „Genre“ der Paulusbriefe und auch ein paar Bemerkungen über alttestamentliche literarische Parallelen sowie Abhängigkeiten einzelner Briefe voneinander, die zeigen sollen, dass die Paulusfigur eine Fiktion ist. Aber das alles reicht nicht zum „Leben und zum Sterben“ und wird kaum jemanden, der nicht ohnehin schon von der Unechtheit der Briefe überzeugt ist, überzeugen können. Schade, denn ein näheres Eindringen in das Werk der radikalen Niederländer, die von Brodie nur zitiert aber offenbar nicht gelesen wurden, hätte das schnell ändern können.

Gleichwohl, Brodies Buch ist gut geschrieben und gut lesbar, nicht zuletzt wegen seines feinen irischen Humors. In seiner lakonischen Sprödigkeit erinnert der mitunter an den Schriftsteller Samuel Beckett. Man denke an die köstliche Szene, in der Brodie dem „lecturer in scripture and dogma“, Everard Johnston,  sein Manuskript vorstellt:

„We turned to the gospels, discussing the extent to which they too are a product of the rewriting. Suddenly he [ = Evarard Johnston] said, ‚So we’re back to Bultmann. We know nothing about Jesus.‘

I paused a moment.

‚It’s worse than that‘.

There was a silence.

Then he said, ‚He never existed‘.

I nodded.

There was another silence, a long one, and then he nodded gently,

‚It makes sense‘.“ (p. 36)

Ich gestehe, mir ist Brodies Projekt schlicht sympathisch. Einmal wegen des Mutes und der intellektuellen Aufrichtigkeit des Autoren, der es wagt, an exponierter Stelle eine radikal unorthodoxe Meinung auszusprechen – und dafür offenbar auch bereit ist, absehbare Repressalien in Kauf zu nehmen. Zum andern, weil Brodie sein Buch nicht mit einem Negativresultat beschließt, sondern sehr anspruchsvoll die Chancen ausmalt, die für „aufgeklärte“ Christen in einem unhistorischen Jesus liegen. In dem Abschnitt “Gimmers Of Shadowed Beauty: Symbol Of The Invisible God” lernen wir einen Jesus kennen, an den man auch dann glauben kann, wenn ein nazarenischer Bußprediger dieses Namens niemals einen Fuß auf diese Erde gesetzt haben sollte.

Brodie hat begriffen, dass in einer Religion keine historischen Fakten zählen, schon gar nicht wenn es sich dabei nur um vermeintliche handelt, sondern nur Ideen. Auch der historische Jesus wäre in religiöser Hinsicht übrigens nicht mehr als nur eine „Vorstellung“ – leider eine verkehrte, denn Gott wurde nicht einmal Mensch, sondern er wird es immer wieder. Tua res agitur. Jesus ist Bild, Ikone, seine Geschichte ist Gleichnis. Ein Gleichnis, das historisiert wird, verändert Charakter und Bedeutung. Mythos und Gleichnis geben die Möglichkeit, sich darin zu erkennen, das historisierte Faktum schließt das eher aus. Das Subjekt wird zum „extra nos“ und damit zum Gegenstand religiöser und kultischer Verehrung und manchmal sogar der Vergötzung. Die ursprüngliche, mich betreffende existentielle Bedeutung des Gleichnisses geht durch den Historisierungsprozess verloren.  – Als Gleichnis vom Gott-Menschen hat das Jesusbild der Evangelien aber auch noch eine andere Bedeutung. Es handelt nicht nur von menschlichem Leid und Kreuz, sondern auch von Gottes „Geburt“ und einer Liebe „über den Tod hinaus“. Die frühen gnostischen Schriften können zeigen, was ich meine.

Brodies Gedanken lauten noch etwas anders. Gleichwohl bilden sie den besten und originellsten Teil des Buches. Denn man darf nicht vergessen: Was diesen Sektor betrifft, so kann Brodie tatsächlich für sich in Anspruch nehmen „sine patre sine matre sine genealogia“ zu sein. Jesusleugner der Vergangenheit haben sich um die Frage einer Theologie nach dem Fortfall des historischen Jesus in der Regel wenig geschert. Zu den wenigen Ausnahmen gehörten der Bremerhavener Pastor  Hermann Raschke und Arthur Drews. Letzterer beschließt seine Christusmythe mit sehr beachtlichen philosophisch-theologischen Überlegungen. Selbst die fast vergessenen „Kerygma“-Theologen mit ihrem „Entweltlichungsprogramm“ waren trotz ihrer manchmal etwas ermüdenden „Heideggerei“ so übel nicht. Auch sie kamen größtenteils ohne historischen Jesus aus und waren den heutigen Kindergartentheologen (zu erkennen an ihrem aufdringlichen „dieser Jesus“) oder peinlichen Hobby-Jesusforschern wie Heiner Geißler um Nasenlängen voraus. Vielleicht wird man sie eines Tages wieder aus der Versenkung ziehen müssen.

Nein, Scherz beiseite. Damit, dass sich die besseren historischen Argumente irgendwann einmal auch in der Kirche durchsetzen könnten, ist natürlich nicht ernstlich zu rechnen. Weder bei Katholiken noch bei Protestanten. In einer Kirche, in der Gebildete und Ungebildete, Machtmenschen und Gottsucher, Reliquienverehrer und Mystiker, Pneumatiker und Psychiker bis zur Ankunft ihres Herrn wohl oder übel koexistieren müssen, wird es immer eine Mehrheit von Gläubigen geben, denen die Gedanken eines Brodie „zu hoch“ sind und die daran Anstoß nehmen. Sie werden es stattdessen auch weiterhin mit „diesem Jesus“ halten.

Aber vielleicht muss das ja so sein – Menschen sind nun einmal sehr verschieden …

Mit herzlichem Gruß, Dein H.

 

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