Der zeitversetzte Jesus

Zu Lena Einhorns Buch:  A Shift in Time

Engl. Translation by René Salm

Nytt-bokomslagLena Einhorn hat sich in Schweden als Dokumentarfilmerin einen Namen gemacht. In Deutschland ist sie durch das Holocaustbuch: Ninas Reise: wie meine Mutter dem Warschauer Ghetto entkam, bekannt geworden.[1] Im letzten Jahrzehnt rückte die Geschichte des frühen Christentums in den Fokus ihres Interesses. 2006 erschien ihr Buch The Jesus Mystery, das in deutscher Übersetzung unter dem Titel Das Rätsel von Damaskus: waren Jesus und Paulus ein und dieselbe Person? 2007 im Heyne-Verlag erschienen ist.[2] Seit 2010 hielt sie auf den jährlichen Tagungen der SBL eine Reihe von Vorträgen, in denen sie eine neue Hypothese zur Entstehung des frühen Christentums vorstellte. Die Summe ihrer bibelkritischen Arbeit findet sich in ihrem 2016 erschienenen Buch: A Shift of Time. How Historical Documents reveal the surprising truth about Jesus. [3]

Man sollte sich durch den etwas sensationsheischenden Untertitel des Buches nicht irritieren lassen. Es handelt sich um eine ernsthafte historische Studie, inhaltlich klar gegliedert mit methodisch durchdachter und gut nachvollziehbarer Argumentation. Die Autorin wartet mit einer gediegenen Kenntnis ihres Josephus und der politischen Verhältnisse des 2. Jahrhunderts auf – und provoziert mit ihrer Grundthese, die bereits im Titel angedeutet wird: Nach einem eingehenden Vergleich der Evangelien mit den Werken des jüdischen Historikers Josephus gelangt Lena Einhorn zu der Auffassung, dass die in den Evangelien dargestellten Ereignisse unter dem Aspekt eines „Shift“, einer „Zeitverschiebung“ von ca. 2 Dezennien gelesen, werden müssen; das schließt auch die Geschichte Jesu ein, die sich in Wahrheit zwanzig Jahre später, in den fünfziger Jahren des 1. Jahrhunderts, ereignet haben soll.

Als Einstieg wählt Lena Einhorn zwei „Dauerbrenner“ der neutestamentlichen Kritik:

a) die mangelnde äußere Bezeugung der in den Evangelien berichteten Ereignisse, insbesondere der Person Jesu, die in den außerchristlichen Zeugnissen kaum vorkommt;
b) die an einigen Evangelienstellen durchscheinenden Hinweise auf gewisse „militante“ Aspekte in der Jesusüberlieferung, die schwer mit dem Bild eines friedfertigen, christlichen Heilands zu vereinbaren sind.

Was die äußere Bezeugung betrifft, so habe ich mich damit in meinem Buch: „Falsche Zeugen“ ausführlich beschäftigt.[4] Dort habe ich ebenso wie Lena Einhorn darauf hingewiesen, dass die von Bibelforschern vorgebrachte Erklärung, die Gestalt des christlichen Heilands sei zeitgenössischen Historikern zu unbedeutend erschienen, um sie ausdrücklich zu erwähnen, nicht zutreffen kann, da die außerordentliche Bedeutung der Erscheinung Jesu sowie dessen Wirkung auf die Zeitgenossen an vielen Evangelienstellen ausdrücklich hervorgehoben wird. Auch Lena Einhorn weist darauf hin, dass Jesus der Aufmerksamkeit zeitgenössischer Historiker schon aufgrund seiner großen Anhängerschaft und seines spektakulären Kampfes gegen die jüdischen und römischen Autoritäten nicht entgangen sein kann.

Das zweite Punkt erschließt sich erst bei genauerer Betrachtung des neutestamentlichen Zeugnisses, insbesondere des Lukas- und Johannesevangeliums. Lena Einhorn erwähnt die Ereignisse während der Festnahme Jesu auf dem Ölberg. Dabei soll nach Aussage des vierten Evangelisten eine römische Kohorte (speira) von ca. 600-1000 Soldaten im Spiel gewesen sein soll. Auch Lukas spricht davon, dass es zu gewalttätigen Ausschreitungen gekommen sei (Lk 22:50). Vor Lena Einhorn haben bereits eine Reihe anderer Bibelforscher auf gewisse militante Aspekte der Jesusüberlieferung aufmerksam gemacht. Als erster wies der deutsche Bibelkritiker Hermann Samuel Reimarus (1729- 1814) darauf hin.[5] Seitdem hat es innerhalb und außerhalb der neutestamentlichen Forschung immer wieder Versuche gegeben, das Bild des historischen Jesus – und mit ihm das Bild des frühen Christentums – konsequent vor dem Hintergrund des antirömischen jüdischen Freiheitskampfes (im Vorfeld des Jüdischen Krieges) zu interpretieren. Die Forschungsrichtung, der auch Lena Einhorn zugerechnet werden muss, verbindet sich mit Namen wie z.B. Robert Eisler, Joel Carmichael, Hyam Maccoby, Robert Eisenman sowie dem islamischen Religionswissenschaftler Reza Aslan, dessen Buch „Zelot“ seit 2013 in den Bestsellerlisten auftaucht.

Aus den erwähnten beiden Fragestellungen, die dem Buch als Prämissen vorangestellt wurden, leiten sich – in Verbindung mit einer genauen Lektüre des jüdischen Geschichtsschreibers Josephus – letztlich auch die Folgerungen für die Hypothese ab, mit der Lena Einhorn das doppelte Rätsel zu lösen versucht: Ja, es gab einen historischen Jesus. Dass dieser nicht von den zeitgenössischen Historikern erwähnt wird, hat damit zu tun, dass er – entgegen der Darstellung der Evangelien – später lebte und in Wahrheit mit einem der antirömischen Freiheitskämpfer aus den fünfziger Jahren identifiziert werden muss, die Josephus aufführt. Zu dieser frappierenden Behauptung sieht sich Lena Einhorn durch eine Reihe merkwürdiger Anachronismen und vor allem Parallelen veranlasst, die sie zwischen den von den Evangelisten und den bei Josephus berichteten Ereignissen und Personen feststellen zu können glaubt. Leben und Schicksal einiger von Josephus genannter Messiasanwärter, wie Theudas (44-46 n. Chr.), der sogenannte „Ägypter“ (52-59 n. Chr.), der Sohn (Enkel?) des galiläischen Judas Menachem (66 n. Chr.), Simon bar Giora 66-76 n. Chr., berühren sich nach Einhorns Ansicht auffallend mit einigen in den Evangelien erwähnten Personen.

Um bei Jesus zu bleiben: Wie erklärt es sich beispielsweise, dass der von Josephus erwähnte ägyptische Prophet

a) wie Jesus mit der Wüste (eremia) in Verbindung gebracht wird,
b) wie Jesus in Ägypten lebte,
c) wie Jesus die Mauern Jerusalems niederreißen möchte,
d) wie Jesus ein messianischer Führer mit großer Gefolgschaft ist,
e) wie Jesus eine große Bedrohung für die jüdischen und römischen Autoritäten darstellt.
f) wie Jesus verraten wird,
g) auf dem Ölberg, wo Jesus gefangen genommen wurde, besiegt wird?

Ebenso lassen sich nach Ansicht Einhorns auch zwischen Johannes dem Täufer und Theudas deutliche Parallelen feststellen. Letzterer ist wie Johannes ein geistlicher Führer, der am Jordan wirkt und vom politischen und religiösen Establishment durch Enthauptung getötet wird – allerdings erst 15 Jahre später, unter dem Prokurator der Provinz Judaea, Fadus. Dass Johannes von Herodes Antipas hingerichtet wurde, ist nach Ansicht Einhorns dagegen wenig wahrscheinlich, da dieser lediglich Herrscher der Provinzen Galiläa und Peräa war, nicht aber von Judaea, wo Johannes wirkte.

Evangelien, Apostelgeschichte und Josephus berichten in Wahrheit über die dieselben Ereignisse, nur dass die christlichen Autoren diese in bewusster Absicht chronologisch um 15-20 Jahre vorverlegt haben.

Weitere Parallelen lassen sich nach Einhorn u.a. auch zwischen dem Messiasprätendenten Menachem und Simon Petrus sowie zwischen dem Erzmärtyrer Stephanus in der Apostelgeschichte und dem von Josephus erwähnten Stephanus beobachten. Einhorn bestreitet nicht, dass es neben Parallelen auch erhebliche Unterschiede gibt. Im Falle Jesu und des Ägypters sind diese offenkundig: Jesus wird auf dem Ölberg gefangengenommen und später gekreuzigt; dagegen scheint der Ägypter nach der Schlacht auf dem Ölberg entkommen zu sein; hier fehlt der Kampf und dort das Kreuz.

Sowohl Parallelen wie auch Unterschiede lassen sich nach Einhorns Ansicht damit erklären, dass von den Evangelisten eine bewusste Zeitverschiebung vorgenommen wurde. Evangelien, Apostelgeschichte und Josephus berichten in Wahrheit über die dieselben Ereignisse, nur dass die christlichen Autoren diese in bewusster Absicht chronologisch um 15-20 Jahre vorverlegt haben. Die beiden hauptsächlichen Gründe dafür sind nach Einhorn:

  1. konkurrierende Traditionen sollten ausgeschaltet werden (um die christliche Überlieferung auf diese Weise zu schützen);
  2. die militante Seite des christlichen Messias sollte ausgeblendet werden.

Auf diese Weise entstand unter der Oberfläche der neutestamentlichen Texte, die nur scheinbar über Ereignisse und Personen aus der Zeit um ca. 30 berichten, ein Subtext, der in verschlüsselter Form die Geschichte eines Aufstands gegen Rom und gegen die jüdischen Autoritäten erzählt. Die verschlüsselte Erzählweise sollte offenbar verhindern, dass das frühe Christentum dem Verdacht der konspirativer, romfeindlicher Machenschaften ausgesetzt wurde.

Der Fokus der Studie ist allzu sehr auf Josephus ausgerichtet, alle übrigen, an der Entstehung des frühen Christentums beteiligten Strömungen, Mysterienreligionen, Gnosis, Kyrios-Kult, Kynismus, Platonismus, Logosphilosophie usw. bleiben ganz unberücksichtigt.

Ich habe die Hypothese sehr vereinfacht dargestellt und musste dabei viele von Einhorn zugunsten ihrer These vorgebrachten Gesichtspunkte unerwähnt lassen. Die Argumente werden immer wieder durch eine Reihe hilfreicher Tabellen graphisch veranschaulicht und eindrucksvoll unterlegt. Die ist zweifellos verdienstvoll und macht die Stärke des Buches aus. Gleichwohl scheint mir die von Lena Einhorn angebotene Lösung nicht überzeugend. Der Fokus der Studie ist allzu sehr auf Josephus ausgerichtet, alle übrigen, an der Entstehung des frühen Christentums beteiligten Strömungen, Mysterienreligionen, Gnosis, Kyrios-Kult, Kynismus, Platonismus, Logosphilosophie usw. bleiben ganz unberücksichtigt. Der Leser vermisst einen Ausblick, worin die Ergebnisse der Studie mit den Ergebnissen der Bibelwissenschaft vermittelt und in einen größeren Zusammenhang gestellt werden. Es fällt schwer, sich über die historische Entwicklung eines Christentums, das als messianische Sekte begann und im 2. Jahrhundert zur frühkatholischen Kirche wurde, ein rechtes Bild zu machen. Wo hat der aufrührerische Geist des christlichen Stifters seinen Niederschlag in der neutestamentlichen Überlieferung gefunden? Und welche Bedeutung hatte die Auferstehung Jesu für die christlichen Rebellen der Frühzeit? Einhorn widmet den Auferweckungsgeschichten des Neuen Testaments ein ganzes Kapitel, ohne auf die Bedeutung der zentralen Botschaft, die Auferstehung Jesu, sprechen zu kommen. Und warum musste die Geschichte der Gemeinde überhaupt geheim tradiert werden, wenn Gewalt für Christen später obsolet war?

Eine anderes Problem betrifft die Frage, wie sich Einhorns Theorie zur neutestamentlichen Überlieferung über den Apostel Paulus verhält. Trifft die traditionelle Paulus-Chronologie zu, so lässt diese für Einhorns Theorie nur wenig Spielraum, d.h. sie widerspricht ihr vollständig. Deswegen bemüht sich Lena Einhorn, eine ganz neue, eigene Paulus-Chronologie zu entwerfen. Ob die Chronologie, auf deren Einzelheiten ich hier nicht näher eingehen kann, das Wohlgefallen der neutestamentlichen Exegeten findet, bleibt fraglich. Nach meiner Ansicht wäre sie ohnehin nicht nötig, da es sich bei den „Briefen“ nach aller Wahrscheinlichkeit um pseudepigraphische Werke aus dem 2. Jahrhundert handelt. Doch auch derjenige, der in Sachen Paulus eine radikalere Position vertritt, wird im Zusammenhang mit dem Apostel andere Fragen nicht unterdrücken können. Wie, um nur dies zu erwähnen, verhält sich die paulinische Christologie und Soteriologie zum Bild des Kriegsmessias und antirömischen Rebellen, dem die christliche Gemeinde in dieser frühen Zeit gehuldigt haben soll?

Einhorn versucht Paulus mit Hinweis auf Gal 1:14 zum Zeloten zu machen, aber weder Apostelgeschichte noch Briefe geben den geringsten Hinweis auf rebellische Aktivitäten des Apostels. Und – um ein Argument ad hominem zu gebrauchen – wie wahrscheinlich ist es, dass sich der römische Staatsbürger Paulus an einer Erhebung gegen Rom beteiligt?

Was die Identifizierung des neutestamentlichen Personals mit den bei Josephus erwähnten Personen betrifft so will ich an dieser Stelle nur darauf hinweisen, dass auch andere Erklärungen als jene, die Lena Einhorn uns gibt, möglich sind. In ihrem Buch wird der antirömische Messiasprätendent Menachem mit Simon Petrus identifiziert. Die Gestalt des Menachem könnte aber auch die Darstellung Jesu in den Evangelien beeinflusst haben. Menachems messianischer Einzug in Jerusalem, die Feindseligkeit der Priesterschaft, die innerhalb weniger Tage vom „Hosianna“ in ein „Kreuzige ihn“ umkippende Stimmung des Volkes, die Flucht der Jünger, die abschließende Folterung und der qualvolle Tod – dies alles lässt an die Ereignisse der Passionswoche denken. Hinzu kommt nun noch, dass auch der Messiasprätendent Menachem nach einer alten rabbinischen Quelle in Bethlehem geboren sein soll und sein Schicksal darüber hinaus ausdrücklich mit der Zerstörung des Tempels in Verbindung gebracht wird. Hugo Gressmann hatte schon 1922 vermutet, dass die Menachem-Überlieferung das Jesusbild der Evangelien beeinflusst haben könnte. Der Satz, dass der Tempel „um seinetwillen“ zerstört und wieder aufgebaut werde, könne „erst nach der Zerstörung Jerusalems in die Evangelien-Überlieferung eingedrungen sein“ und soll dann von Menachem auf Jesus übertragen worden sein. Auch der Einzug Jesu in Jerusalem sei vermutlich nach dem Muster der Menachem-Ereignisse geschildert worden.[6]

Der Erzmärtyrer Stephanus, der von Einhorn mit dem identifiziert wird, ist ein ganz eigenes Problem. Auch hier würde ich, schon wegen der Schwierigkeit, dass Stephanus bei Josephus ein römischer Soldat ist – und eben kein Aufständischer –, zu einer anderen Lösung tendieren. Während man üblicherweise das Stephanusmartyrium als Vorlage für das vom pseudoklementinischen Verfasser berichtete Jakobusmartyrium betrachtet, [7] ging der Religionsgeschichtler H. J. Schoeps den umgekehrten Weg. Er hielt den Bericht der Pseudoklementinen für ursprünglicher. Ausgehend von der unbestreitbaren Tatsache, dass es in der frühen christlichen Überlieferung – abgesehen von Lukas – um den Jerusalemer Gemeindediakon Stephanus merkwürdig still ist und statt seiner der Herrenbruder Jakobus und dessen Martyrium im Mittelpunkt steht, gelangte Schoeps zu dem Schluss, dass der Abschnitt bei Lukas pure Fiktion sei. Aus tendenziösen Gründen und um die unheilvolle Bedeutung abzuschwächen, die Saulus/Paulus einst im Zusammenhang mit der Verfolgung der frühen Christengemeinde und ihres Leiters Jakobus spielte, habe Lukas die Geschichte des Stephanus erfunden, wobei er einzelne Züge des Jakobus-Martyriums auf Stephanus übertrug. Dadurch gelang es ihm, nicht nur Saulus/Paulus zu entlasten, sondern gleichzeitig auch noch, die ihm fremde antikultische, tempelfeindliche Tendenz der Urgemeinde von Jakobus auf den Leiter der hellenistischen Fraktion, Stephanus, abzuladen. Als Konsequenz seiner Überlegungen gelangte Schoeps zu dem Schluss, dass der angebliche hellenistische Diakon Stephanus nie existiert habe. [8]

Gleichwohl will ich nicht bestreiten, dass die von Einhorn aufgeführten Parallelen zwischen Josephus und dem Neuen Testament zum Teil durchaus eine gewisse Plausibilität haben. Der von Lena Einhorn angebotenen Hypothese einer „Zeitversetzung“ kann ich jedoch, in der Form, wie sie sie vertritt, nicht zustimmen. Der Grund dafür ist letztlich, dass Einhorn an der Historizität des christlichen Messias festhalten zu müssen glaubt. Dadurch gerät sie unter den Druck, Identitäten, nachweisen zu müssen, die sich niemals eindeutig beweisen lassen. Denn ein überzeugender Nachweis, dass es sich bei dem neutestamentlichen Messias um keinen anderen handelt als um den bei Josephus erwähnten ägyptischen Messiasprätendenten, ist angesichts des spärlichen Quellenmaterials kaum möglich. Ohne neue Quellen werden sich derartige Thesen niemals verifizieren lassen. Nach meiner Meinung ist das Festhalten an der Historizität Jesu zur Erklärung der teilweise frappierenden Parallelen und Anachronismen aber auch keineswegs notwendig.

In dem obigen Beitragsbild werden die neutestamentliche Chronologie und die hypothetische Chronologie Lena Einhorns einander gegenübergestelt; A Shift in Time, Seite 180.
In einer Zeittabelle hat Lena Einhorn die neutestamentliche Chronologie ihrer eigenen hypothetischen Chronologie gegenübergestellt; A Shift in Time, Seite 180.

Einhorns Buch wäre nicht weniger wert, wenn sie es bei deren Nachweis belassen hätte. Die Erklärung für die auffallenden Übereinstimmungen zwischen der neutestamtentlichen Überlieferung und Josephus muss anderswo gesucht werden. Sie scheint mir dort zu liegen, wo die Annahme der Existenz eines historischen Jesus fallengelassen und erkannt wurde, dass es sich dabei sehr wahrscheinlich um ein spätes literarisches Konstrukt handelt, in das verschiedene messianische, aber auch gnostische Überlieferungsbausteine „synthetisch in eins“ geflossen sind.[9]

Ich habe an anderer Stelle schon einmal ausgeführt, wie der Prozess der „Historisierung“ einer ursprünglich rein mythologisch vorgestellten Erlösergestalt, die sich in der Vorstellung ihrer Anhänger nicht von anderen antiken Mysteriengottheiten unterschied, vor sich gegangen sein könnte: durch Verknüpfung mit historischen bzw. pseudohistorischen Elementen.[10] Der Verfasser des Markusevangelium, vielleicht auch sein Vorgänger, war einer der ersten, der (vermutlich im Rom des 2. Jahrhunderts) dem Bedürfnis der Gemeinden nach größerer Konkretion ihres Kultgottes entsprach und das Bild eines historischen Heilands entwarf, indem er mit ihm die Viten verschiedener bei Josephus erwähnter Propheten (z.B. des Unheilspropheten Jesus ben Ananias)  und Messiasanwärter verband. Diese Art, mit geschichtlichen Quellen umzugehen und sie als Material für literarische Fiktion zu benutzen, ist nicht die des Historikers, sondern des Erzählers. Robert Price hat in seinem Buch „Deconstructing Jesus“ an verschiedenen Beispielen eindrucksvoll vorgeführt, wie dieser Prozess ausgesehen haben könnte und welche Bausteine dabei im Einzelnen Verwendung gefunden haben könnten.[11]

In gewisser Weise trifft die von Einhorn in ihrem Buch postulierte Zeitverschiebung also durchaus einen richtigen Kern. Nur sollte diese nicht in der Weise verstanden werden, dass eine bestimmte historische Person bzw. ein bestimmtes Ereignisszenario aus bestimmten Motiven in eine andere Epoche verschoben wurde. Die Evangelisten haben vielmehr biographische und mythologische Elemente verschiedener Gestalten miteinander verschmolzen und die auf solche Weise entstandenen Personen in einen Zeitraum versetzt, der ihnen für ihre Zwecke am besten geeignet schien. Die „Zeitversetzung“, mit der Erzähler fiktiver Texte arbeiten, ist anderer Art, als diejenige, die Einhorn im Blick hat.

Ihre Studie ist gleichwohl auch für „Mythizisten“ ausgesprochen nützlich, da sie einen guten Überblick über das erzählerische Inventar und die Beschaffenheit jener Bausteine ermöglicht, die den Evangelisten als Inspiration und Quelle für die Darstellung ihrer Jesusgestalt dienten. Sympathisch ist, dass Einhorn immer wieder den hypothetischen Charakter ihrer Thesen betont. Sie sind, wie so vieles auf diesem Gebiet, ein anregender Denkanstoß, nicht mehr und nicht weniger. Wenn irgendwo dann gilt hier das Luthers Wort: Wir sind Bettler, das ist wahr.

Anmerkungen

[1] Einhorn, Lena: Ninas Reise: wie meine Mutter dem Warschauer Ghetto entkam, Dt. Erstausg Aufl., München: Heyne 2006.

[2] Einhorn, Lena: The Jesus Mystery: Astonishing Clues to the True Identities of Jesus and Paul, Guilford, Conn.: Lyons Press 2007. Einhorn, Lena: Das Rätsel von Damaskus: Waren Jesus und Paulus ein und dieselbe Person?, übers. von. Holger Wolandt, München: Heyne Verlag 2007.

[3] Einhorn, Lena: A shift in time: how historical documents reveal the surprising truth about Jesus, New York, NY: Yucca Publishing 2016.

[4] Detering, Hermann: Falsche Zeugen: Außerchristliche Jesuszeugnisse auf dem Prüfstand, 1. Aufl., Aschaffenburg: Alibri 2011, S. 178f.

[5] Einhorn: A shift in time, S. 66ff.

[6] Siehe dazu auch meinen Aufsatz: „Eine synthetisch … in eins geflossene Erscheinung“ auf dieser Webseite.

[7] Schmidt, Carl: Studien zu den Pseudo-Clementinen, Bd. 1, Leipzig: J.C. Hinrichs’sche Buchhandlung 1930 (TU 4), S. 325 f. – Vgl. Beyschlag, Karlmann: „Das Jakobusmartyrium und seine Verwandten in der frühchristlichen Literatur“, in: Zeitschrift für die Neutestamentliche Wissenschaft und die Kunde der Älteren Kirche 56/3 (1965), 3.

[8] Schoeps, Hans-Joachim: Urgemeinde, Judenchristentum, Gnosis, Tübingen: Mohr 1956, S. 40. – Schoeps, Hans Joachim: Theologie und Geschichte des Judenchristentums, Tübingen: Mohr 1949, S. 441ff. – Eisenman, Robert H.: Maccabees, Zadokites, Christians and Qumran: A new hypothesis of Qumran origins, Bd. 34, Leiden: E.J. Brill 1983 (Studia post-Biblica), S. 76, Anm. 144.

[9] Eine synthetisch … in eins geflossene Erscheinung

[10] Eine synthetisch … in eins geflossene Erscheinung

[11] Price, Robert M.: Deconstructing Jesus, Amherst, NY: Prometheus Books 2000.

Facebooktwittergoogle_plusredditlinkedinmail

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.